Misshandlungs-Prozess : Isabells Leben zerstört

Ein Zeichen von Scham?  Der Angeklagte verbirgt im Gericht sein Gesicht.
Ein Zeichen von Scham? Der Angeklagte verbirgt im Gericht sein Gesicht.

Vater nach Misshandlung verurteilt: Sieben Jahre Haft für schwere Misshandlung des drei Monate alten Kindes.

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24. April 2015, 20:50 Uhr

Sie wolle Isabell eine Stimme geben, hatte die Nebenklage-Anwältin Ariane Lambert zu Prozessbeginn angekündigt. Drei Tage hat die Anwältin im Stralsunder Landgericht für die Interessen des von seinem Vater schwer misshandelten Babys gestritten. Mit dem Urteil steht fest: Der aus Brandenburg stammende Vater muss für sieben Jahre in Haft. Das Kind wird 10 000 Euro Schmerzensgeld erhalten.

10 000 Euro, weil der Vater die drei Monate alte Isabell im Oktober 2014 so schwer misshandelt hat, dass sie nun vermutlich ein Leben lang schwerstbehindert sein wird. Das Schmerzensgeld sei eine symbolische Wiedergutmachung, nicht ansatzweise ein Ausgleich für das Erlittene, sagt die Anwältin. In ihrem eindringlichen Plädoyer hatte sie sich zuvor an den Vater gerichtet: „Sie haben das Leben ihrer kleinsten Tochter zerstört – und das für immer.“ Dass Isabell jemals sprechen lernen wird, bezweifeln die Ärzte aufgrund der massiven Hirnschädigungen. Der kleine Kopf lasse auf einen Gehirnschwund deuten. Das Mädchen leidet an epileptischen Anfällen, die durch Medikamente gedämpft werden.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Mann zwischen dem 7. und 19. Oktober sein Kind mit der Faust geschlagen, geschüttelt und den Kopf der Kleinen in Abwesenheit der Mutter zwischen Türblatt und Türrahmen eingeklemmt hat. Dies habe zu erheblichen Schäden im Hirn geführt.„Er hat einen völlig arg- und wehrlosen Säugling misshandelt, der darauf vertrauen muss, dass seine Eltern sorgsam mit ihm umgehen“, sagt die Vorsitzende Richterin Birgit Lange-Klepsch in der Urteilsbegründung. Ihm sei bewusst gewesen, dass das Kind in Lebensgefahr schwebe. Nicht anders ließe sich seine SMS an seine damalige Verlobte und Mutter des Kindes erklären. „Ich habe Angst, dass sie abkackt“, simste er, nachdem er das Kind misshandelt hatte.„Wir stehen vor einer Situation, die alle fassungslos zurücklässt“, resümiert die Richterin und nimmt dabei auf die besondere Familiensituation Bezug. Die aus Brandenburg an der Havel stammende Familie mit drei Kindern wohnte erst seit Juni 2014 in Dranske auf Rügen. Im Oktober begann die Mutter auf der Insel eine Ausbildung. Der Mann befand sich zum Tatzeitpunkt als Lockerung des Maßregelvollzugs im „Probewohnen“ – mehr als 400 Kilometer von der behandelnden Landesklinik Brandenburg  entfernt. Die endgültige Entlassung aus dem Maßregelvollzug war nach mehreren Lockerungsstufen für Herbst 2014 geplant. Im Maßregelvollzug saß er, weil er 1997 versucht hatte, in einer Schule in Neuruppin eine Schülerin zu vergewaltigen. Nach dem Umzug nach Rügen wurde Isabell, das dritte Kind geboren. Sie war kein Wunschkind. Mutter und Vater waren durch die Situation überfordert. Isabell galt ihnen als „Schreikind“, die Auseinandersetzungen zwischen dem Paar eskalierten – es ging um Geldprobleme, Kindererziehung und Haushalt.

Mit dem Umzug nach Dranske sei die Landesklinik Brandenburg ein Risiko eingegangen, meint nicht nur die Richterin. Sie pflichtete dem Staatsanwalt bei, der zuvor die Entlassungsvorbereitung als „nicht superoptimal“ bezeichnet und die Kontrollmechanismen kritisiert hatte.

Das Jugendamt im Kreis Vorpommern-Rügen erfuhr erst von dem Fall, als das Mädchen am 21. Oktober mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Uni-Klinikum Greifswald gebracht worden war. Eine Nachbarin hatte das Paar streiten hören, aber nicht eingegriffen – weil sie Angst hatte, in den Streit hineingezogen zu werden. Was nahmen Kinderärzte, die Kita wahr, in die die beiden älteren Geschwister gingen? Auch wenn das Gericht keine aktive Beteiligung der Mutter an den Taten erkennen konnte, trage sie „ein großes Maß an Mitverantwortung“. Die Staatsanwaltschaft Stralsund ermittelt weiter gegen die Mutter wegen unterlassener Hilfeleistung. Die Frau lebt inzwischen mit ihren Kindern in einer betreuten Wohngruppe in Brandenburg.

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