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Im Sog der bunten Pillen

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erstellt am 17.Nov.2011 | 11:40 Uhr

Sie ist hübsch. Die blonden Haare fallen ihr ins Gesicht, die blauen Augen strahlen. Sie ist schlank, schön, sportlich - und süchtig. Die Leidensgeschichte von Nadja Esser* (*Name von der Redaktion geändert) beginnt schon mit 16 Jahren. Alle finden sie schön. Nur sie sich selbst nicht. Sie findet sich dick und hässlich. Es ist die Zeit, in der sie zum ersten Mal zu den Tabletten greift. Abführmittel, Entwässerungspillen. Die volle Dröhnung. Solange, bis ihr Idealgewicht weit hinter ihr liegt.

Medizin und Tabletten als Schutzpanzer

Die Magersucht bekommt die junge Frau irgendwann in den Griff. Die Sucht nach Tabletten nicht, erzählt sie. Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Ein Knochenjob für die zarte Frau. Sie muss alte Menschen heben. Dicke, Leblose, Demente. Immer unter Zeitdruck, immer im Stress. Irgendwann kommt der Tag, an dem sie einen Toten waschen muss. Es ist ein Schlüsselmoment. Voller Ekel zieht sie den Toten aus, schaut dem Ende des Lebens ins Auge. Es ist der Moment, in dem sie sich wieder an die Pillen erinnert, an die kleinen bunten Helfer. In der Klinik liegen sie massenhaft herum. "Wenn ein paar fehlen, merkt das schon keiner", denkt sie sich und hat Recht. Sie greift erst manchmal zu, dann öfter, dann ständig. Die Opiate hellen ihre Stimmung auf, sie ist leistungsfähig, fröhlich, beliebt bei den Kollegen. "Nein", dieses Wort bringt sie so gut wie nie über die Lippen. Die Tabletten helfen ihr, immer mehr zu arbeiten, immer mehr zu leisten, immer seltener durchzuatmen. Die Medizin verschafft der sensiblen Frau einen Schutzpanzer. Scheinbar.

Abends ist sie so aufgedreht von den Tabletten, dass sie Schlafmittel braucht, um herunterzukommen. Ein Teufelskreis. Irgendwann tut ihr alles weh. Gegenschmerz, heißt das in der Fachsprache. Auf kurz oder lang hemmen die Schmerzmittel die Schmerzen nicht mehr, sondern verursachen sie. Es ist der Moment, in dem Nadja Esser merkt, dass sie ihr Leben ändern muss.

Der Kampf bleibt - ein Leben lang

Heute sitzt sie neben Psychologin Jutta Scharf vom Suchthilfezentrum der Diakonie in Ludwigslust und denkt zurück an die dunkelsten Kapitel ihres Lebens. Noch immer nagt die Sucht hin und wieder an ihr. "Besonders, wenn ich Schmerzen habe, schreit mein Körper nach Tabletten", sagt sie. Der Kampf, er wird bleiben - ein Leben lang. "Die Sucht hat ein Gedächtnis, das bleibt", sagt die Therapeutin. Trotzdem sieht sie Esser auf einem gutem Weg.

Der Entzug war hart. "Ich hatte schreckliche Angstattacken und extreme Schlafstörungen - es war ein einziger Horror." Manchmal sei der Medikamentenentzug schlimmer als der Heroinentzug, sagt Scharf. Dass Esser es geschafft hat, von den Tabletten wegzukommen, das verdankt sie auch ihrem Umfeld. "Ich habe allen von meiner Sucht erzählt und niemand hat mich fallenlassen", sagt sie und ihre Stimme klingt noch heute dankbar.

Auf einem guten Weg ist Nadja Esser auch, weil sie nicht mehr in einem Pflege- oder Gesundheitsberuf arbeitet. "Es macht mich wütend, dass Medikamentenkonsum in diesen Jobs oft etwas ziemlich Normales ist", sagt die Frau, die zwischen 30 und 40 Jahre alt ist. Sie schätzt, dass die Hälfte ihrer ehemaligen Kolleginnen ein problematisches Verhältnis zu Medikamenten hatten. Auch Ärzte. "Ein ehemaliger Vorgesetzter trank während der Arbeit ständig Alkohol und nahm Tabletten - irgendwann landete er in der Psychiatrie", erinnert sie sich.

Tablettensucht, das ist oft die stille Sucht der Frauen. "Männer können sich meistens besser abgrenzen oder greifen zum Alkohol", sagt Jutta Scharf. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) schätzt, dass rund zwei Drittel der 1,5 Millionen Medikamentenabhängigen in Deutschland Frauen sind.

Meist fällt die Abhängigkeit nicht auf. Selbst die engsten Angehörigen und Freunde merken oft nichts. Alles bei den medikamentenabhängigen Frauen scheint gut, doch hinter der heilen Fassade liegen die Pillenberge.

Trotzdem sind es nicht nur Frauen, die zu Tabletten greifen. Auch Marko Seibolt* (*Name von der Redaktion geändert) greift schon im Alter von rund 20 Jahren immer wieder zu den Tabletten. "Ich habe alles genommen, was knallt", sagt der Mann aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim heute. Über seinen Hausarzt kommt er problemlos an starke Schmerzmittel. Doch nicht nur die Tabletten sind ein Problem für den jungen Mann, auch zur Flasche greift er regelmäßig. Eines Tages fährt er zugedröhnt und betrunken gegen einen Baum. Er verliert seinen Führerschein und beinahe sein Leben. Doch er gewinnt die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. Bis er seine Suchtprobleme in den Griff bekommt, dauert es noch acht Jahre. Heute ist Seibolt clean. Beim Parchimer Suchthilfezentrum der Diakonie war er in Therapie.

Pharmamarkt immer unüberschaubarer

Dass immer mehr Menschen in die Medikamentenabhängigkeit rutschen, kommt laut Jutta Scharf nicht von ungefähr. "Rund 50 000 Medikamente sind in Deutschland zugelassen, da kann sich niemand mehr zurechtfinden, weder Ärzte, noch Patienten", sagt sie. Auch die Werbung sei ein Problem. "Da wird im Vorabendprogramm völlig unkritisch für Medikamente geworben, ganz so, als sei der Medikamentenkonsum etwas vollkommen Normales", kritisiert die Expertin für Suchtfragen. Überhaupt seien Medikamente gesellschaftlich sehr akzeptiert.

In ihrer täglichen Praxis verzeichne sie zunehmend den Trend zum Griff nach der Pille. "Für viele steigt der Stress, aber anstatt einen Freizeitausgleich zu schaffen, sich mehr Ruhe zu gönnen oder sich zu bewegen, greifen viele Menschen zu Schmerzmitteln", so Scharf. Gegen ein Schmerzmittel hin und wieder hat sie nichts. Aber sie weiß auch: Freundliche Helfer sind die Pillen auf Dauer ganz sicher nicht.

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