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Gesundheit : Im Rollstuhl zum Arzt?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Noch ist nicht überall im Land ein barrierefreier Zugang zu Praxen möglich

svz.de von
erstellt am 07.Jun.2014 | 15:55 Uhr

Schon zwei Treppenstufen können zum unüberwindbaren Hindernis werden, wenn ein Rollstuhlfahrer oder ein stark Gehbehinderter davor stehen. Befindet sich oberhalb dieser Treppenstufen eine Arztpraxis, können daraus Probleme resultieren, die von existenzieller Bedeutung sind.

Regelmäßig würden an den Bürgerbeauftragten des Landes, Matthias Crone, und sein Team derartige Probleme herangetragen, bestätigt die Sprecherin der Behörde, Ina Latendorf. Aktuell läge etwa eine Beschwerde über ein Ärztehaus in einer Gemeinde unweit von Schwerin vor.

Der Linken-Landtagsabgeordnete Torsten Koplin hat barrierefreie Arztpraxen zum Thema einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung gemacht. In der Antwort durch das Sozialministerium heißt es salomonisch, dass man sich mit der Kassenärztlichen Vereinigung des Landes (KVMV) darüber einig sei, dass „bezüglich der Herstellung einer Barrierefreiheit in Arztpraxen noch weiterer Handlungsbedarf besteht“. Der Landesregierung selbst lägen allerdings keine Angaben zur Anzahl der nach dem Landesbehindertengesetz als barrierefrei geltenden Arztpraxen vor.

Nach Angaben der KVMV sind mehr als 1500 Einzel- und Gemeinschaftspraxen sowie Medizinische Versorgungszentren barrierearm zugänglich. „Derzeit arbeiten im Land insgesamt mehr als 2700 niedergelassene und angestellte Ärzte und Psychotherapeuten. Davon haben 2030 Ärzte und Psychotherapeuten vor allem rollstuhlgerechte oder barrierearme Zugänge zu und in ihren Praxen geschaffen, ausgerichtet nach ihrer Patientenklientel“, so KVMV-Sprecherin Kerstin Alwardt. Sie gebrauche bewusst den Begriff barrierearm, weil es für den der Barrierefreiheit keine klare Definition gebe. Denn für gehbehinderte Menschen oder Rollstuhlfahrer seien ganz andere Bedingungen zu schaffen, als für Seh-, Hör- oder geistig Behinderte.

Die Kassenärztliche Vereinigung bemühe sich seit Jahren darum, niederlassungswillige und niedergelassene Ärzte darüber aufzuklären, wie eine Arztpraxis barrierefrei oder besser barrierearm gestaltet werden kann, so Alwardt. Unter dem Leitmotiv „Barrieren abbauen“ bekämen jede Ärztin und jeder Arzt, die eine kassenärztliche Zulassung hier im Land erhalten, eine persönliche Beratung und Informationsmaterial. Noch mehr ließe sich sicher bewegen, wenn das Land den barrierearmen Praxisumbau fördern würde.

Ähnlich stellt sich die Situation bei den Zahnärzten dar. Von den 1030 Zahnarztpraxen im Land würden etwa 400 angeben, dass sie auch für Rollstuhlfahrer erreichbar sind, so der Präsident der Landeszahnärztekammer, Prof. Dr. Dietmar Oesterreich. 507 Zahnarztpraxen bieten ausdrücklich die Behandlung behinderter Patienten an. Und 354 Zahnarztpraxen im Land zählen Haus- und Heimbesuche zu ihrem Leistungsspektrum. „Wir erleben zunehmend, dass Patienten sagen: ,Sie haben mich nun schon so lange behandelt, aber jetzt schaffe ich es einfach nicht mehr, zu ihnen in die Praxis zu kommen‘“, schildert Oesterreich, der selbst in Stavenhagen praktiziert. Dass der Zahnarzt dann zu diesen Patienten käme, sei auch ein Beitrag, um Barrieren abzubauen.

Auf Bundesebene würden sich Zahn- und andere Ärzte gemeinsam darüber Gedanken machen, wie auch behinderte Menschen angemessen medizinisch versorgt werden können. Was die Barrierearmut betrifft – auch Prof. Oesterreich, der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer ist, zieht diesen Begriff dem der Barrierefreiheit vor – gebe es vor allem in älteren Praxen Probleme. „Bei Neugründungen sind die Bauvorschriften heute schon so gestaltet, dass barrierearm gebaut bzw. ausgebaut werden muss.“ In Bestandspraxen dagegen müsse investiert werden – „hier wäre eine Förderung durch die bundeseigene KfW-Bank hilfreich“. Ein entsprechender Vorschlag sei der Bundesregierung bereits unterbreitet worden.

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