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Fluchtversuche : „Ihr könnt doch nicht auf mich schießen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Historikerin Sandra Pingel-Schliemann berichtet von tragischen Fluchtversuchen an der ehemaligen DDR-Grenze

svz.de von
erstellt am 28.Jan.2014 | 12:08 Uhr

Als Hans-Georg Lemme im August 1974 versuchte, durch die Elbe in die Bundesrepublik zu flüchten, wurde er von einem DDR-Grenzboot entdeckt. Doch die Besatzung schaffte es nicht, ihn an Bord zu bekommen. „Daraufhin gab der Bootsführer den Befehl, die schwimmende Person mit dem Boot zu überfahren“, erinnert sich ein beteiligtes Besatzungsmitglied. Erst Tage später wurde Lemmes Leichnam elbabwärts mit schweren stumpfen Verletzungen gefunden. Die Historikerin Sandra Pingel-Schliemann hat Lemmes Flehen zum Titel ihres Buches gemacht: „Ihr könnt doch nicht auf mich schießen“. Diese erste umfassende Darstellung des DDR-Grenzregimes zwischen Elbe und Lübecker Bucht wird heute in Schwerin vorgestellt.

27 Todesopfer dokumentiert Pingel-Schliemann, von denen einige bislang öffentlich nicht bekannt waren. Hary Atno Krause etwa war erst elf Jahre alt, als er 1951 beim Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Goldensee bei Groß Thurow im Kreis Gadebusch von einem übereifrigen Grenzer erschossen wurde. Weil seine Eltern nicht über den Vorfall schweigen wollten, wurden sie aus der Grenzregion zwangsweise ausgesiedelt.

„Die Grenztoten stellen zweifellos die Spitze des an der Grenze geschehenen Unrechts dar“, sagt die Historikerin. Sie berichtet auch von spektakulären Fluchtversuchen – in einem selbstgebauten U-Boot oder mit einem Heißluftballon. Die meisten Fluchtversuche scheiterten allerdings weit vor der Grenze, die streckenweise mit Minen, Selbstschussanlagen und bissigen Hunden gesichert wurde – und natürlich von den mit der Stasi eng verbundenen und von der Volkspolizei unterstützten Grenztruppen.

Inoffizielle Mitarbeiter (IM) rekrutierte die Stasi unter Bürgermeistern, Versicherungsvertretern, Lehrern und – wie in Lenzen bei Dömitz – in der Jägerschaft. Spätestens im fünf Kilometer breiten Sperrgebiet vor der Grenze verrieten sich viele Flüchtlinge, die nicht aus der Region stammten, durch „verdächtige“ Fragen. Einige wurden von Busfahrern, andere von Verkäuferinnen oder den „Freiwilligen Helfern“ der Grenztruppen denunziert. 1989 waren in den nördlichen Grenzkreisen 2775 Bürger freiwillig als Grenzhelfer tätig. „Bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur wurde diese andere große Gruppe williger Zuträger und Unterstützer oft außen vor gelassen“, schreibt die Historikerin. Das System der Grenzsicherung hätte ohne die Bereitschaft der vielen ,freiwilligen Helfer‘ nicht funktioniert.“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die Zonengrenze zur britischen Besatzungszone von Mecklenburg aus „relativ mühelos“ zu überqueren, so Pingel-Schliemann. Erst 1952 wurde die fünf Kilometer breite Sperrzone entlang der Grenze mit ihren drastischen Einschränkungen für die Bewohner eingerichtet. Der Aufenthalt im Freien war von 22 Uhr bis Sonnenaufgang verboten. „Wir durften auch nachts oben kein Licht machen. Wir durften am Tag auch keine Wäsche oben aus dem Fenster hängen. Das war Kontaktaufnahme mit dem Klassenfeind“, zitiert die Historikerin Wilhelm Sühr aus Vockfey an der Elbe. Nur mit einem Sonderstempel im Ausweis durfte die Sperrzone betreten werden. Westbesuch durften die Einheimischen nicht empfangen. Auch die Verwandtschaft durfte nur kommen, wenn vorher ein Passierschein beantragt worden war. Erst recht im 500 Meter breiten „Schutzstreifen“ vor den Grenzanlagen kam das öffentliche Leben fast zum Erliegen. Nur mehrfach überprüfte und mutmaßlich „zuverlässige“ LPG-Mitarbeiter durften entlang der Grenze die Felder pflügen. Auch der direkte Blick in den Westen wurde vielerorts versperrt. In Schlagsdorf wurde deshalb ein Fenster im Kirchturm zugemauert.

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