Idyll und Attentat: Wie der Trebbower See demokratisch wurde

<fettakgl>Der Trebbower See verbindet die zwei Ortsteile</fettakgl> Klein- und Groß Trebbow - in dem einen waren früher die freien Bauern heimisch, im anderen die Landarbeiter. <fotos> Reißenweber</fotos>
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Der Trebbower See verbindet die zwei Ortsteile Klein- und Groß Trebbow - in dem einen waren früher die freien Bauern heimisch, im anderen die Landarbeiter. Reißenweber

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21. Juli 2012, 02:12 Uhr

Klein Trebbow | Man kann entweder auf der B 106 oder auf der anderen Seite auf der Landesstraße 103 am Au bach-Grund vorbeirauschen. Wer aber auf Höhe Lübstorf auf der B 106 zwischen Wismar und Schwerin abbiegt, fährt, spaziert, radelt direkt auf ihn zu - den Trebbower See. Direkt an seinen Ufern steht das 1865 im Stil der Neorenaissance errichtete Herrenhaus Klein Trebbow, das sie hier fast alle Schloss nennen. Die Herren im Haus, die Familie von Barner, residierten jedenfalls in einem Stück mecklenburgischer Idylle, das abseits der Zeiten zu liegen scheint. Wer sich von der anderen Seite des Sees, vom Ortsteil Groß Trebbow aus nähert, findet: ein Stück 1a-grüne-Badewiese, mehrere Stücke Kinderspielgeräte, ein Stück schattig-lauschigen Waldweg und wenn’s gerade mal warm ist, ganz viele Stücker Brumm- und Surrgetier. Zu allem Überfluss hat jemand noch einen einsamen Angler auf den See getupft.

"Sehssu, mein Affgen, das is nu deine Heimat. Sag mal: würdest du für dieselbe in den Tod gehen?" "Du hast es schriftlich, liebes Weib, dass ich nur für dich in den Tod gehe", sagt Wölfchen zu Claire in einer ganz ähnlichen Situation in Kurt Tucholskys gerade 100 Jahre alt gewordenem Erstlingswerk "Rheinsberg". Das war zwei Jahre vor dem ersten und 27 Jahre vor dem zweiten Weltkrieg.

Noch gute vier Jahre weiter "streift dann der Mantel der Geschichte Klein Trebbow". So zurückhaltend drückt es allerdings wohl nur ein Norddeutscher, wie Ulrich Ivo von Trotha, Vorsitzender des Vereins "Denkstätte Teehaus Trebbow" aus. Denn der Mantel streifte nicht nur im besagten Teehaus direkt am Ufer neben dem "Schloss" das idyllische, aus der Zeit gefallene, so abseitig scheinende, Klein Trebbow. Unter den alten Bäumen wurde Geschichte gemacht. Ostern 1944 treffen sich dort: Graf Claus Schenk von Stauffenberg und Fritz-Dietlof von der Schulenburg, dessen Schwester Herrin im Gutshaus war. Das Teehaus ist gut gewählt, denn im Herrenhaus können zu der Zeit alle Wände Ohren haben. Und das wäre sofort tödlich: von Stauffenberg und von der Schulenburg bereiten im kleinen Pavillon am See das Attentat auf Hitler vor, das von Stauffenberg am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze ausführt. Den misslungenen Anschlag auf den Diktator bezahlen er und viele seiner Mitstreiter mit dem Leben, gehen für die Heimat in den Tod.

Schriftliche Quellen für die Geheimtreffen im Teehaus gibt es nicht, aber mündliche Überlieferungen. Unter anderem habe ein Mitglied der Familie nach dem gescheiterten Attentat im Verhör beim NSDAP-Ortsgruppenleiter entsprechende Angaben gemacht, so der Vereinsvorsitzende. Konkret sei es unter anderem um die Aufstellung einer Liste mit Namen künftiger Regierungsmitglieder gegangen: "Klar war ihnen, dass es nicht nur Soldaten sein durften, sondern beispielsweise auch SPD-Mitglieder."

2012: "Der Familie meiner Schwiegereltern - den von Barners - gehörte die Anlage, und wir hatten vor elf Jahren die Chance, das Land zurückzukaufen", erinnert sich Ulrich Ivo von Trotha. "Ich wusste auch vom Teehaus. Schon immer hat mich interessiert: Was unterscheidet diejenigen, die mitlaufen von denen, die nicht mitlaufen." So entsteht die Idee von der Denkstätte. "Den Platz müssen wir nutzen, habe ich mir gesagt." Gesagt, getan: 2003 wurde der Verein aus der Taufe gehoben, der mittlerweile rund 30 Mitglieder hat. Zugewanderte, wie von Trotha, und auch Einheimische. Wiedervereinigung im besten Sinne sei das gewesen, sagt der Mann, der früher unter anderem Arbeitsrichter in Hannover war. Eines der Ziele der Denkstätten-Mitstreiter: "Um junge Leute an Themen wie Widerstandsgeist, aufrechter Gang, Zivilcourage heranzuführen. Wer weiß, wann das wiederkommt", sagt der Vereinsvorsitzende. "Das" ist der Terror, ist die Diktatur. Einer der besten Wege, Jugendliche an solche Themen heranzuführen, sei es, Beispiele, Opfer zu zeigen, hat man sich im Verein geeinigt. Es interessiere junge Leute, "wenn es darauf ankommt, Nein und nicht Ja zu sagen". So organisiere man bevorzugt Gespräche mit Zeitzeugen: "16-Jährige hören denen, die zu der fraglichen Zeit auch 16 Jahre alt waren, ganz anders zu", meint der Wahl-Trebbower. Darüber hinaus organisiert der Verein regelmäßig neue Ausstellungen, die im Teehaus gezeigt werden, deren Schautafeln aber auch in den Schulen Mecklenburg-Vorpommerns die Runde machen.

Gerade ist im Pavillon "Mutige Frauen: Widerständiges Verhalten in Zeiten von Diktaturen" zu sehen. "Zum ersten Mal haben wir dabei mehrere Epochen überschritten - vom Nationalsozialismus über die Besatzungs- bis zur DDR-Zeit", erklärt von Trotha. Und: Bislang hätten immer Männer im Vordergrund der Expositionen gestanden. Das habe man ändern wollen. Mit Hilfe der Politikwissenschaftlerin Sandra Pingel-Schliemann seien die Schicksale von sechs Frauen aus Mecklenburg-Vorpommern dargestellt worden, die "über ihre verbale Ablehnung der Systeme hinaus konkretes Engagement im Alltag gezeigt haben." Margarethe Lachmund beispielsweise versteckte unter Hitler jüdische Mitbürger. Die Pastorenfrau Gerda Voss nahm 1944 zwei jüdischer Kinder auf und rettet ihnen so das Leben. Die Schwerinerin Erika Bludschun und die Parchimerin Alexandra Dust-Wiese verteilten zu Zeiten der sowjetischen Besatzung Flugblätter und wurden dafür ins Zuchthaus beziehungsweise in den Gulag gesteckt. Karin Ritter gründete die Gruppe "Frauen für den Frieden" mit. Annette Beleites schließlich engagierte sich in der Umweltbewegung und kritisierte die DDR-Umweltpolitik.

Zu den Ausstellungseröffnungen kommen mittlerweile immer rund 100 Gäste. Der Verein sei zu Beginn schon stark von "Neubürgern" getragen worden. "Wir gründen einen Verein, um etwas zu verändern - das ist eine eher westliche Erfahrung. Im Osten heißt es öfter, dass doch der Staat etwas tun muss." Doch politische Ablehnung habe man im Dorf nie erfahren - obwohl er schon Bedenken hatte, als es in einer Ausstellung um die 80-er Jahre in der DDR ging. "Schließlich kann sich da jeder heute noch fragen, wie er damals gehandelt hat." Nein, keine politische Ablehnung, Gleichgültigkeit hie und da aber doch, räumt von Trotha im Teehaus am Trebbower See ein. "Ich habe aber das Gefühl, dass sich immer mehr interessieren."

Und zwar sowohl die Bürger Klein- als auch die Groß Trebbows. Mittlerweile verbinden rund 60 Neubauten die beiden Ortsteile an den Ufern des vogel- und fischreichen Sees, der auch als Ausflugsziel beliebt ist: "Am Wochenende habe ich manchmal das Gefühl, an der Außenalster in Hamburg zu sein." Früher waren Klein- und Groß Trebbow übrigens nicht nur durch die fehlende Lückenbebauung getrennt: In Groß Trebbow, so der Vereinsvorsitzende, lebten vorwiegend die freien Bauern, in Klein Trebbow am Haus des Herren die Landarbeiter. Jetzt verbinde der See die beiden Ortsteile. "Gewissermaßen ist es ein demokratischer See."

Langsam wurde es auch Zeit.

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