Identität braucht Bewusstsein

Im Strandkorb sehen Werbefachleute das ideale Aushängeschild  für Mecklenburg-Vorpommern. obs/TMV/Abraham
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Im Strandkorb sehen Werbefachleute das ideale Aushängeschild für Mecklenburg-Vorpommern. obs/TMV/Abraham

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06. Februar 2010, 02:39 Uhr

Wismar | Wenn es über Mecklenburg einen Spruch gibt, den ganz besonders viele kennen, dann ist es Bismarcks Versicherung, dort passiere alles 100 Jahre später. Für Vorpommern gilt das nicht. Nimmt man heutzutage eine der vielen Broschüren des Landesmarketings zur Hand, dann wissen wir, was angesagt ist: MV tut gut. Wie das Land abgekürzt werden soll und welche Werbeaussage zu ihm passt, darüber ist seit Jahren Streit im Gange.

"MV tut gut" hat einen hervorragenden Kern: Es stellt Lebensqualität in den Mittelpunkt einer Aussage. Lebensqualität ist das, was uns in einer Wachstumsökonomie ohne Sinn, im Verlust von Gemeinschaft und einem ungesunden Umgang mit den Ressourcen unseres eigenen Körpers und der Umwelt fehlt. Auf Lebensqualität zu setzen ist mutig aber richtig, denn dies ist ein Wert mit großer Zukunft.

Trotzdem bleiben Fragen: Wie glaubwürdig ist diese Werbung? Lebensqualität braucht keinen Reichtum, aber Verarmung ist gewiss keine gute Basis. Lebensqualität würde sich auch nicht in Abwanderung, sondern in Zuwanderung zeigen. Psychologische Forschungsergebnisse belegen, wie Stress ab- und Zufriedenheit zunimmt, wenn Menschen das Gefühl haben, ihre eigenen Verhältnisse gestalten zu können und nicht ausgeliefert zu sein - auch nicht einer gütigen Herrschaft. Das müsste sich in einer lebendigen Zivilgesellschaft zeigen, in politischer Aktivität oder Wahlbeteiligung. Aber gerade daran mangelt es in unserem Land.

Identität lässt sich nicht primär durch Schilder, Anzeigen, Broschüren schaffen. Sie muss wachsen wie ein Garten, den man nicht beliebig ohne Rücksicht auf Klima, Boden und schon Gewachsenes gestalten kann. Zum Gewachsenen gehören nicht nur die äußeren Grenzen des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch seine innere Struktur. Wir alle sind nicht nur Europäer, sondern auch Deutsche und in vieler Hinsicht ist die Qualität, zum Rheinland oder zu Bayern zu gehören, prägender als das Deutschsein. Sich mit größeren und kleineren Lebensräumen verbunden zu fühlen, das ist es, was Menschen Verhaltenssicherheit und das Gefühl von Zusammengehörigkeit gibt. Das ist Lebensqualität. Hat man bei der Kreisreform bedacht, wie man verhindert, dass Leerräume ohne positive Emotionen entstehen? Wer denkt über kulturelle Strategien nach, wie solche Räume mit emotionalen Qualitäten aufgeladen werden können?

Für das Land eine starke Identität zu entwickeln, verlangt das Nachdenken und Planen genauso wie das Ausprobieren. Wie so etwas gehen mag, das werden wir in diesem Jahr am Beispiel der Kulturhauptstadt Essen RUHR 2010 erleben. Die Herausforderung des Ruhrgebiets ist es, in einem industriellen Immigrationsraum, der seine traditionelle ökonomische Basis verloren hat, eine neue Vision zu entwickeln. Mecklenburg-Vorpommern ist traditionell ein agrarisches Emigrationsland, das mit und nach dem Krieg einen gewaltigen Bevölkerungsaustausch erlebt hat und dessen ökonomische Basis für die Zukunft fraglich ist. Ein Land, das seit jeher mit großen Stadt-Land-Unterschieden zu kämpfen hat, die auch Freiheits-, Wohlstands-, Kultur- und Identitätsunterschiede waren. Das sechsgrößte Bundesland nach Fläche mit weniger Einwohnern als die Stadt Hamburg. Ein Land, das in den heutigen Grenzen seine längste Tradition nach 1989 hat.

Eine Folge der Vereinigung der beiden Landesteile ist der sperrige Name, der nach einem Kürzel ruft. Meck-Pomm, MV oder was sonst? Der Volksmund hat sich längst für Meck-Pomm entschieden und dagegen ist Werbung machtlos. Natürlich klingt Meck-Pomm billig und nach Fritten und nicht nach hochwertigem Tourismus, den dies Land braucht. Der Volksmund spiegelt aber auch die Realität der Bewohner dieses Landes. Also Meck-Pomm tut gut?

Identität ist auch, was man draufklebt, vor allem aber, was drin ist. Was macht die Menschen, die Umwelt, die Landschaft, die Stadtbilder, die gelebte Kultur dieses Landes aus? Und Identität bedeutet Differenz, also das eigene Besondere - auch in seinen irritierenden Seiten - zu pflegen. "Laptop und Lederhosen" hat Ex-Ministerpräsident Stoiber für Bayern geprägt. Solche Abgrenzung - nicht Ausgrenzung - im Sinne einer Identität ist etwas völlig anderes als das "Fremde raus!" der Neonazis oder die im Lande verbreitete Fremdenangst. Es gibt auch eine einladende Differenz. Ein Stolz auf das Eigensinnige, der zum Mitmachen und Dazugehören animiert. Was wäre das Rheinland ohne Karneval?

Mecklenburg-Vorpommern hat ohne Zuwanderung keine Chance. Identitätsbildung für das Land muss daher etwas besonderes Eigenes pflegen, das gleichzeitig anzieht. Das ist leichter gesagt als getan. Das verlangt eine gute Koordinierung von Landesmarketing, sozialen und kulturellen Strategien. Elemente der eigenen Identität herauszuarbeiten, sie zu entwickeln und zu fördern, an manchen Stellen auch zu korrigieren, ist weder eine Ressortaufgabe in der Landesregierung noch ein Gesetzesvorhaben. Es geht um eine Herausforderung für die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes - aber auch ihre politische Führung.

Identität braucht Bewusstsein, und bewusstes Sein entsteht im Reden miteinander. Dazu will die Mecklenburger AnStiftung mit ihrem diesjährigen Landesgespräch Mecklenburg-Vorpommern am 26. und 27. März 2010 in Wismar einen Impuls setzen.

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