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„Ich will nie wieder ins Gefängnis"

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erstellt am 16.Nov.2011 | 12:07 Uhr

Mike kommt ursprünglich aus Rostock. Er ist 21 Jahre alt. Die Schule brach er vor vielen Jahren ab. Seine Straftaten häufen sich. Vor knapp vier Jahren sprach ihn ein Jugendrichter schuldig - wegen versuchten Totschlags. Seitdem lebt Mike hier - hinter dicken, hohen Mauern mit Stacheldraht. Die Jugendanstalt (JA) Neustrelitz liegt versteckt hinter einem Wald.

Derzeit leben 230 Jugendliche in der Jugendanstalt - auf rund 155 000 Quadratmetern - Mädchen wie Jungen. Ihre Taten unterscheiden sich kaum. Mike ist einer von ihnen. Die Haftanstalt oder "Betreutes Wohnen mit verbindlichem Aufenthalt" - wie Sozialarbeiter Steffen Bischof sie nennt - ist seit knapp vier Jahren sein Zuhause und wird es auch noch mehr als eineinhalb Jahre sein. Doch länger als nötig hier bleiben, will der 21-Jährige nicht. Er schaut nach vorn. "Ich will nie wieder ins Gefängnis. Das hat mir nur Ärger eingebracht und darauf kann ich wirklich verzichten", erzählt er mit fester Stimme. Schon einmal schlief Mike in einem Haftraum der JA Neustrelitz. Da war er gerade einmal 15 Jahre alt - Untersuchungshaft hieß es damals. Danach ging es wieder raus - zu den alten Freunden, mit denen er jeden Tag Drogen zu sich genommen und Alkohol getrunken hat.

Die Vergangenheit: Straftaten werden mehr

Sein Leben gestaltet sich weiterhin als schwierig. Mike bricht die Schule ab und die Straftaten werden immer mehr. "Alkohol hab ich geklaut, aber in viel größeren Mengen, als ich es gebraucht habe", erinnert sich der junge Mann. Doch dabei bleibt es nicht. Es kommen Einbrüche, Hehlerei, räuberische Erpressung, schwere Körperverletzung hinzu - und letztendlich versuchter Totschlag. An den Tag erinnert sich der 21-Jährige noch genau. Am Rostocker Bahnhof kam es zu einer Schlägerei mit betrunkenen Jugendlichen. "Mein Bruder war das Opfer. Fünf, sechs Mann haben sich uns auf dem Bahnhof in Rostock in den Weg gestellt. Sie sind uns dann bis in die S-Bahn gefolgt." Zunächst bleibt es beim Herumschubsen - doch daraus wird schnell eine Schlägerei. "Es hat sich alles zugespitzt. Einer von denen hatte meinen Bruder im Schwitzkasten - er konnte sich wegen seines Gipsarmes nicht wehren. Und dann hab ich das Messer herausgeholt und zugestochen." In den Rücken des Angreifers. Seine Verurteilung nimmt er hin und findet sie richtig. "Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe." Doch von Reue sprechen, mag der 21-Jährige nicht. "Ich mag das Wort nicht."

Die Zukunft: Das Abi nachholen

Für die Zukunft wünscht sich der 21-Jährige nichts sehnlicher, als Ruhe zu haben. "Ich will keine neuen Probleme haben, keinen Ärger mehr bekommen. Mein Leben war bislang hektisch genug." Doch nicht nur Ruhe braucht der 21-Jährige, sondern auch Freiheit. "Ich will einfach die Freiheit wieder haben, selbst zu entscheiden, wohin ich gehen will." Hinter den dicken Mauern der Jugendanstalt ordnet er jetzt erst einmal sein Leben neu. Seine Haupt- und Realschule hat er erfolgreich bestanden. Seit September macht er eine Ausbildung zum Koch. "Das wollte ich schon immer mal machen. Denn essen muss jeder von uns." Der angehende Koch hofft, dass er nächstes Jahr vorzeitig entlassen wird. Mit großen Plänen will er dann in eine neue Zukunft starten: Das Abitur nachholen und Umwelttechnik studieren - richtig Geld verdienen und nie Sorgen haben müssen, dass es zu wenig zum Leben ist. Mecklenburg-Vorpommern lässt er dann hinter sich - ebenso seine Vergangenheit. Mike zieht es nach Niedersachsen. "Die Uni in Hannover ist ziemlich gut. Dort will ich dann studieren", erzählt der 21-Jährige. Er weiß, dass sein Weggang auch eine Art Flucht ist - vor allem vor der eigenen Familie. Zu seiner Mutter hat er schon viele Jahre keinen Kontakt mehr. "Sie soll ihr Leben leben und mich in Ruhe lassen. Und dann war’s das." Vier Geschwister hat Mike. Vor zwei, drei Monaten besuchten ihn sein Bruder und seine einzige Schwester - doch bis zum Ende seiner Haftzeit will er keinen Besuch mehr. Wenn Mike aus dem Fenster seines Haftraumes schaut, sind Gitterstäbe davor. Dennoch glaubt der junge Mann fest an sich - auch wenn es wieder Probleme geben könnte. "Ich hab mich verändert. Ich bin nicht mehr so wild wie früher; benutze häufiger meinen Kopf. Heute weiß ich, was ich will." Lernen sollte er das unter anderem auch in einer Sozialtherapie. Doch da ist Mike rausgeflogen. Seit September geht er zum Anti-Aggressivitäts-Training. Dabei betreut Sozialarbeiter Steffen Bischof die Jugendlichen. "Wir können viel von ihm lernen", ist sich der 21-Jährige sicher, denn Bischof setze sich "viel für die Jungs ein". In dem Training geht es da rum, Coolness zu lernen. Doch das weitaus Wichtigere ist es, sich mit seinem Opfer auseinanderzusetzen,Opferempathie wird das genannt. Das hat Mike noch vor sich. "Ich bin erst seit September dabei, deshalb hab ich noch nicht auf dem Heißen Stuhl gesessen." Dieser soll den Jugendlichen helfen, sich in das Opfer hineinzuversetzen.

Die Gegenwart: Das Theaterprojekt hilft

In seinem Haftraum hängen viele Bilder - auch von seinen Geschwistern. Auf einem Regal steht ein Foto: Es zeigt Mike zusammen mit Hansa Rostock-Manager Stefan Beinlich. "Er hat uns Jugendliche hier besucht." Da rüber hat sich der Hansa-Fan gefreut. In seiner Freizeit spielt Mike viel Fußball. Und immer häufiger zieht es ihn nach draußen - zum Laufen. Groß genug ist das Gelände der Jugendanstalt Neustrelitz. "Früher bin ich immer nur vor der Polizei weggelaufen", erzählt der 21-Jährige. Doch am meisten Ablenkung findet der Jugendliche beim Theaterspielen. Früher hat er nicht einmal einen Gedanken daran verschwendet, sich ein Stück anzuschauen. Heute spielt er in Stücken von Bertold Brecht mit. Das nächste Projekt ist bereits in Arbeit und Planung. "Dabei soll es um rechte Gewalt gehen."

Mit seinen Theaterrollen kann er sich ablenken - vom Alltag hinter den dicken Mauern. "Wenn ich beim Theaterprojekt mitmache, kann ich rumblödeln. Für einen Augenblick lang bin ich nicht ich selbst." Wenn das Publikum in die Jugendanstalt kommt, fühlt er sich anders. Er ist dann nicht der Jugendliche, den der Jugendrichter zu mehreren Jahren Haft wegen versuchten Totschlags verurteilte.

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