Auszeichnung : „Ich mag verrückte Lehrer“

Kevin, Linda  und  Dominic  (v.l.n.r.) fühlen  sich  im Produktiven Lernen  wohl  – Lehrerin  Sabine  Schickel  hat  daran  großen  Anteil.
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Kevin, Linda und Dominic (v.l.n.r.) fühlen sich im Produktiven Lernen wohl – Lehrerin Sabine Schickel hat daran großen Anteil.

Heute wird Sabine Schickel als eine von acht „Lehrern des Jahres “ in MV ausgezeichnet / Für sie ist der Satz aus dem Mund eines Schülers das höchste Lob

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04. März 2014, 14:52 Uhr

„Könntest du mir bitte sagen, welchen Weg ich einschlagen soll?“

„Das hängt wohl hauptsächlich davon ab, wo du eigentlich hinwillst“, antwortete die Katze.

Die Passage aus „Alice im Wunderland“ hat jemand säuberlich mit der Hand abgeschrieben. Jetzt klebt der Zettel zwischen anderen auf einer Tür in der Außenstelle für Produktives Lernen der Schweriner „Werner von Siemens“-Schule.

Die meisten der 40 Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren, die hier lernen, wussten lange Zeit nicht, wo sie eigentlich hinwollen. An ihren alten Schulen kamen sie nicht klar, die Probleme nahmen überhand: mit dem Schulstoff, den Verhaltensregeln, den Mitschülern – und mit den Lehrern.

Im Produktiven Lernen haben sie wieder zu sich selbst gefunden – auch, weil hier nicht nur im Klassenraum gepaukt wird, sondern an jeweils drei Tagen pro Woche an einem selbstgewählten Praxislernort. Vor allem aber, weil sie von den Lehrern so genommen werden, wie sie sind.

Sabine Schickel ist eine der vier Pädagoginnen im Produktiven Lernen in Schwerin – und bei den Schülern offenbar die beliebteste. Ihnen hat es die 47-Jährige jedenfalls zu verdanken, dass sie heute von Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) neben einer Erzieherin als eine von acht Lehrerinnen bzw. Lehrern des Jahres in Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet wird.

„Als ich im Herbst mitbekam, dass meine eigenen Schüler mich für die Auszeichnung vorschlagen wollten, war ich gerührt. Aber ich dachte auch, dass sich das sicher verlaufen wird und dass sie es nicht bis zum Ende durchziehen.“

Doch sie zogen es durch – so, wie sie es bei Sabine Schickel gelernt hatten. Und die Lehrerkollegen an der Siemensschule schlossen sich den Argumenten der Jugendlichen an. Ende Januar war schließlich der Bildungsminister selbst am Telefon, um Sabine Schickel mitzuteilen, dass sie tatsächlich zu den Ausgezeichneten gehört. „Das war im ersten Moment ein Schock – und dann eine große Freude.“

Vor allem aber war es hoch verdient. Fragt man ihre Schüler nach Sabine Schickel, sprechen die von einem „ehrlichen und tollen Menschen“ (Nathalie), einer „taffen“ (Jonas) und „coolen Lehrerin“ (Lukas, Tommy), mit der man „über alles reden kann“ (Andrej). Sie ist „sehr besonders“ (Linda), „ganz anders als die Lehrer an meiner alten Schule“ (Dominic), und Kevin bringt es auf den Punkt: „Ich mag verrückte Lehrer.“

Verrückt? Sabine Schickel lacht: „Ich experimentiere ganz viel im Unterricht. Meine Schüler wissen, dass es bei mir nie langweilig wird – weil sie nie wissen, was sie erwartet.“ Demnächst, so viel verrät sie, wird es beispielsweise ein Mittelalterprojekt geben. Mit Verkleiden. „An dem Tag werden wir ohne Besteck Dinge essen, die es im Mittelalter gab, und wir werden uns die Hände, wenn überhaupt, nur draußen in einem Eimer waschen“, verrät die Lehrerin einige Details. Unterrichten werden an diesem Tag Schüler, „wir Lehrerinnen sind nur Zuhörer“.

Natürlich gibt es auch Projekte, die von vornherein ernsthafter wirken: So hat Sabine Schickel ihre Mädchen und Jungs über jeden im Team – auch über sich selbst – aufschreiben lassen, was sie an ihr oder ihm mögen. Denn zu loben sei immens wichtig, gerade auch bei diesen Schülern, die schon so viele Tadel bekommen haben. „Und es hat Einzelnen überraschende Einsichten verschafft, die sich selbst möglicherweise bis dahin ganz anders gesehen haben.“

Selbst habe sie natürlich auch mitgemacht – also ihre Schüler bewertet, und sich von ihnen einschätzen lassen. „Sowas braucht man einfach hin und wieder.“

In einer der nächsten Stunden hat die erfahrene Pädagogin das Thema noch weiterentwickelt. „Wann lobe ich eigentlich?“, lautete dann die Frage. Eine Frage, die sich auch Sabine Schickel immer wieder stellt. Denn bei allem Spaß, den Unterricht bei ihr offenkundig macht: Ohne Kritik kommt natürlich auch sie nicht aus. „Aber sie darf nicht überhand nehmen. Denn bei allem, was ich tue, muss ich mir der Verantwortung bewusst sein, die ich für meine Kiddies habe. Ich bin nicht nur ihre Lehrerin, sondern auch ihre Begleiterin. Ich will, dass sie in einer Atmosphäre lernen, in der sie sich gut fühlen. Aber sie müssen natürlich auch aus ihrem behüteten Lernort rauskommen, denn nur so bereiten wir sie auf das Leben ,draußen‘ vor.“

Ganz wichtig sei es, die jungen Leute mit Themen anzusprechen, die sie auch wirklich bewegen. „Ich glaube, ich kann mich ganz gut in sie reinversetzen“, meint die 47-Jährige selbstbewusst. Gespräche mit ihrem 22-jährigen Sohn, vor allem aber auch der Blick in die Tagebücher aus der eigenen Jugendzeit würden ihr dabei helfen.

Aber waren nicht damals, Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre und dazu noch in der DDR die Probleme junger Leute ganz andere? „Überhaupt nicht“, findet Sabine Schickel, „die Grundbedürfnisse haben sich seitdem nicht geändert, und also auch nicht die Themen, die Jugendliche bewegen: soziale Beziehungen, Liebe, Lob und Tadel, Selbstreflexion, Erwachsenwerden, Abschied und Verluste, das Streben nach Anerkennung…“

Was sich geändert hätte, seien die äußeren Umstände, junge Leute seien heute auch einer ganz anderen Reizüberflutung ausgesetzt. „Aber auch das kann man im Unterricht nutzen. Die Kinder müssen einfach erkennen, was nützt und was schadet mir.“

Bei Sabine Schickel lernen sie nicht nur diese Unterscheidung, sie lernen auch, sich durchzuboxen. „Ein ,Ich kann das nicht‘ lasse ich nicht durchgehen, denn das heißt ,Ich will nicht‘ – und damit werden sie im Leben immer wieder scheitern.“ Bei Sabine Schickel heißt es: Ich will, was ich muss – „solche prägnanten Sätze prägen sich ein“, findet sie.

Sabine Schickel selbst will nicht nur, was sie muss: Sie will ständig mehr, sucht immer neue Herausforderungen. Ursprünglich Deutsch- und Russischlehrerin, fügte sie ihrem Fächerspektrum nach der Wende Sozialkunde und Religion hinzu. Auch Theaterpädagogin ist sie inzwischen. Sie qualifizierte sich im Sozialmanagement und bildete sich zur Beratungslehrerin im Produktiven Lernen fort. In Schwerin baute sie den entsprechenden Standort, dessen Leiterin sie ist, seit 2008 mit auf. Im Schuljahr 2012/13 war Sabine Schickel sogar landesweit als Projektberaterin für Produktives Lernen unterwegs.

Etwas Ähnliches könnte sie sich auch für die Zukunft wieder vorstellen: Lehrerfortbildung – das wäre etwas für sie, meint die quirlige Frau, die gesteht, dass sie alle vier, fünf Jahre eine neue Herausforderung braucht: „Ich möchte gerne mit dem, was ich kann, andere anstecken.“

Vor allem möchte sie mit ihrer Begeisterung für den Lehrerberuf anstecken. Durch den Lehrerpreis, so findet Sabine Schickel, bekommt er eine öffentliche Wertschätzung, die ihm ansonsten leider oft verwehrt bleibt.

Deshalb sagt sie auch: „Ich nehme den Preis stellvertretend für all die Lehrer an, die immer wieder bereit sind, sich auf neue Bedingungen und und die unterschiedlichsten Kinder und Jugendlichen einzustellen, die immer wieder Neues ausprobieren, sich weiterbilden, ihren Beruf lieben und in der Lage sind, sich immer wieder selbst zu reflektieren – vor allem aber für die, die ihren Beruf so lieben wie ich.“

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