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"Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort"

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erstellt am 11.Okt.2012 | 10:38 Uhr

Kiel | Erst ein riesiger Politik-Skandal, dann der rätselhafte Tod des darin verstrickten Spitzenpolitikers: Die "Barschel-Affäre" hielt 1987 die Republik in Atem. Vor 25 Jahren, am 11. Oktober, starb der frühere Ministerpräsident Uwe Barschel an Medikamentenvergiftung. Das "Stern"-Foto mit der bekleideten Leiche des CDU-Politikers in der Badewanne seines Hotelzimmers im Genfer "Beau Rivage" ging um die Welt.

Deutschland war erschüttert über die tragische Eskalation einer politischen Affäre. Für den Norden wurde sie zum Trauma mit Spätwirkungen bis heute. "Das Unnormale ist bei uns manchmal immer noch das Normale", sagte Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) ein Vierteljahrhundert später.

Nahm sich Barschel in auswegloser Lage das Leben, weil er als politischer Schurke und Lügner dastand, nach einem beispiellosen Skandal um Wahlkampf-Schmutzaktionen aus seiner Staatskanzlei gegen SPD-Kontrahent Björn Engholm? Oder wurde der 43-Jährige ermordet, von einem Geheimdienst wegen einer - nie bewiesenen - Verwicklung in illegalen Waffenhandel? Ein sicheres Ja gibt es bis heute auf keine dieser Fragen.

Ob sich das je ändert, ist zumindest zweifelhaft. Selbst wenn neue Spuren auftauchen, wie vor Wochen an Barschels Socken und Strickjacke, steht ihr Nutzen infrage, denn es müssten sich ja in den DNA-Banken auch mordverdächtige Vergleichspersonen finden. Dennoch: "Für mich besteht kein Zweifel, dass es Mord war", erklärt Barschels Witwe Freya schriftlich auf dpa-Fragen. Sie hält auch weitere Untersuchungen für notwendig, vor allem DNA-Abgleiche.

Das Klima war aufgeheizt, als 1987 Barschels Tod gemeldet wurde. Einen Monat vorher, kurz vor einer brisanten Landtagswahl, hatte der "Spiegel" einen Skandal enthüllt: Der Staatskanzlei-Referent Reiner Pfeiffer war Engholm mit schrägen Methoden angegangen. Er ließ Detektive auf ihn los, setzte ihn mit einem falschen Aids-Verdacht unter Druck und bezweifelte mit einer anonymen Anzeige die Steuerehrlichkeit des SPD-Mannes. Gestützt auf Pfeiffers Aussagen entstand in der Öffentlichkeit das Bild, Barschel sei Mitwisser und gar Auftraggeber für die Aktionen gewesen. Posthum, 1993 entlastete ihn ein Untersuchungsausschuss in wichtigen Punkten, aber nicht vollständig.

Barschel beteuerte per "Ehrenwort" seine Unschuld, aber selbst die eigene Partei glaubte ihm nicht. Nach fünf Jahren im Amt musste er abtreten. Er floh nach Gran Canaria und wollte mit angeblichen Entlastungsaussagen eines mysteriösen Unbekannten zurückkehren.

Dann die Todesmeldung, an einem Sonntag. Barschel habe sich auf dem Rückflug vom Urlaub erschossen, berichtete "Bild" unter Berufung auf seine engste Umgebung. Das LKA bestätigte dies sogar, bevor die Regierung einen Tod durch Erschießen dementierte. Noch am Abend schloss Barschels Familie einen Selbstmord völlig aus. Vor dem Landeshaus in Kiel versammelten sich aufgewühlte Menschen. Kurz vor Mitternacht hieß es aus Genf, Fremdverschulden oder eine Gewalttat seien völlig auszuschließen.

Dann wurden schwere Ermittlungspannen publik. So warf die Polizei wohl Medikamentenpackungen weg, und es gab - da ihre Kamera versagte - kein offizielles Tatortfoto. Merkwürdigkeiten wie eine aus dem Hotelzimmer verschwundene Rotweinflasche, ein abgerissener Hemdknopf, ein schmutziges Handtuch und ein Whiskyfläschchen mit geringen Spuren eines Schlafmittels, das auch in Barschels Körper war, hielten Spekulationen immer wieder am Köcheln - bewiesen haben sie nichts.

Es bleibt eine Glaubens- oder Überzeugungsfrage, ob Barschel aus eigenem Willen starb oder umgebracht wurde. Von Mord überzeugt war stets die Barschel-Familie. Der langjährige Chefermittler in dem Fall, Heinrich Wille, nannte sein Buch "Ein Mord, der keiner sein durfte". Willes Widerpart im Dauerstreit um Mord oder Selbstmord, der damalige Generalstaatsanwalt Erhard Rex neigte der Suizid-These zu. Aber in einem Untersuchungsbericht legte er sich darauf 2007 nicht fest: "Der Tod von Dr. Barschel bleibt rätselhaft", schrieb Rex. "Es handelt sich weder um einen klassischen Mord noch um einen klassischen Selbstmord."

Barschel hatte einen tödlichen Cocktail aus acht Medikamenten im Körper. Wie er hineinkam? Ein Rätsel. Darüber, ob Barschel noch in der Lage war, die letztlich tödliche Substanz selbst einzunehmen, stritten Gutachter. Sicher ist nur: Ein schlüssiges Motiv und einen Verdächtigen für ein Verbrechen konnte bis heute niemand liefern.

Die Affäre und Barschels Tod bedeuteten einen Einschnitt in die Landesgeschichte Schleswig-Holsteins. Was anderswo kaum Bedeutung hätte, wird im Norden oft schnell in Zusammenhang mit den Ereignissen 1987 gestellt. Politisch profitierte damals zunächst massiv die SPD. Björn Engholm holte in einer Nachwahl 1988 die absolute Mehrheit. 1993 kam heraus, dass die SPD-Spitze früher als zugegeben von Pfeiffers Treiben wusste. Und, dass Ex-Landesparteichef Günther Jansen dem Affärenmann sogar 40 000 D-Mark (umgerechnet rund 25 000 Euro) zustecken ließ. Nun musste Engholm abtreten.

Heide Simonis übernahm und scheiterte 2005 beim Wiederwahlversuch an einem Abtrünnigen. Und für dieses Jahr ordnete das Verfassungsgericht eine vorgezogene Wahl an. Wie sagte doch Peter Harry Carstensen? "Das Unnormale ist bei uns manchmal immer noch das Normale."

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