"Ich bin ein Happy End"

Batsheva Dagan bei ihren Besuch in Schwerin und als 16-jähriges Mädchen  in Polen. Marlis Tautz
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Batsheva Dagan bei ihren Besuch in Schwerin und als 16-jähriges Mädchen in Polen. Marlis Tautz

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12. September 2012, 09:17 Uhr

"Ich werde Seife sein, du Waschpulver. Das ist unser Los nach dem Verröcheln." - Es war eine Hölle, in der dieser Spruch von Häftling zu Häftling weitergeflüstert wurde. Die Hölle von Auschwitz-Birkenau. Batsheva Dagan hat die Zeilen festgehalten in ihrem Gedichtband "Erinnerungen vor ,Dort’". Die Frau aus Israel reist als Zeitzeugin durch die Welt. Ihre eindringliche Botschaft: "Es gibt immer eine Wahl - auch in der Hölle."

Wer Batsheva Dagan begegnet, lernt zwei hebräische Wörter kennen. "Schalom ist unser Gruß: Frieden soll sein am Morgen, und Frieden soll sein am Abend", sagt sie. Schoah bedeutet große Katastrophe, Unheil, Genozid. "Holocaust stammt aus dem Altgriechischen, von holos für gänzlich und causton für verbrennen." Die Schoah ist das Thema, über das Batsheva Dagan berichtet. Immer wieder. In Israel. In Deutschland. Seit zehn Jahren in Mecklenburg-Vorpommern, gestern beim Jugendprojekt des Landtages mit Schülerinnen und Schülern des Sportgymnasiums Schwerin, heute Nachmittag beim 15. Schweriner Schloss gespräch. "Ich lebe. Das ist mein Sieg!", sagt sie. "Ich bin ein Happy End."

Batsheva Dagan hat drei Namen: Den ersten gaben ihr die Eltern, den zweiten tätowierten ihr die Nationalsozialisten auf den Unterarm, den dritten hat sie selbst gewählt. 1925 wird sie als Isabella Rubinstein im polnischen Lodz geboren, das achte und vorletzte Kind der Familie, Tochter jüdischer Eltern, benannt nach der katholischen Königin von Spanien. Der hitlerdeutsche Rassenhass bricht in ihr Leben ein, als mit Beginn des Zweiten Weltkriegs jüdische Kinder vom Unterricht ausgeschlossen werden. "Ich habe die Schule so geliebt", sagt sie. Im Ghetto von Radom kann sie mit anderen Kindern weiterlernen. "Wenn man lernen will, lernt man. Auch, wenn man nicht lernen darf", sagt sie. "In einem Zimmer Mathematik, im anderen polnische Literatur. Und wenn auf der Straße die Bewacher zu hören waren, wurde schnell alles versteckt."

Als das Ghetto 1942 geräumt wird, zerreißt die Familie Rubinstein. Die Eltern und fünf Geschwister werden das Kriegsende nicht erleben. Ihre Tochter Isabella gelangt mit gefälschten Papieren nach Schwerin. Als vermeintlich streng katholisches Dienstmädchen aus Polen wird sie zwangsverpflichtet, in der Villa eines Nazis zu arbeiten. Täglich hat sie ein Porträt des Führers zu entstauben. Allein und in Todesgefahr ist das junge Mädchen von damals gerade so alt wie die meisten Zuhörer in ihren Jugendprojekten heute.

Schon nach kurzer Zeit wird die 16-Jährige denunziert, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Nach einer Odyssee durch sechs verschiedene Haftanstalten kommt sie mit knapp 17 im Mai 1943 in Auschwitz-Birkenau an. Sie rasieren ihr den Schädel kahl, stecken sie in die Kleidung eines getöteten russischen Soldaten, geben ihr zwei linke Holzschuhe und jüdische Gebetstücher als Fußlappen. Aus Isabella Rubinstein wird "Schutzhäftling Nummer 45554". Die Ziffernfolge, vorwärts wie rückwärts zu lesen, gilt ihr später als Glückszahl. Denn sie hat überlebt - trotz und mit der unauslöschlichen Nummer 45554.

Unter den Mithälftlingen bleibt sie Isa. Von belgischen Frauen im Lager lernt das sprachbegabte Mädchen Französisch. Ohne Stift und Zettel. Die anderen halten ihr vor: "Sie werden Dich mit Deinem Französisch verbrennen." Isa lässt sich nicht beirren. "Wenn ich lebe, werde ich es brauchen. Und wenn ich sterbe, habe ich jetzt Freude daran", sagt sie. "Auch in der Hölle habe ich die Möglichkeit gehabt, eine Wahl zu treffen." Diese Erfahrung weiterzugeben, ist ihr wichtig, insbesondere im Gespräch mit den Jugendlichen. "Mein Ziel ist: Sie sollen denken und wählen und verantwortlich sein." Was Batsheva Dagan vom Grauen des Lagerlebens preisgibt, hängt von den Fragen ihrer Zuhörer ab und von ihrem Alter. Im Küchenkommando muss "Schutzhäftling 45554" mit bloßen Händen Brennnesseln für die Lagerküche sammeln. Auf der Krankenstation sind jeden Morgen als rstes die Körper zu berühren, um zu spüren, wer die Nacht nicht überlebt hat. Im Frühling 1944 kommt Isa in die Abteilung "Kanada", wo die Hinterlassenschaften der Toten zu sortieren sind, all das, was vom unendlichen Menschenstrom in die Gaskammern übrig blieb. Die Häftlinge nennen das Revier nach dem fernen Land ihrer Träume, das Freiheit und Reichtum verheißt. Sie müssen dort das Letzte durchsuchen, dessen die Menschen beraubt worden waren, müssen Nähte auftrennen, um verborgene Schätze zu finden. Schätze, die das Deutsche Reich gebrauchen kann.

Als in Auschwitz-Birkenau die näherrückende Front zu hören ist, brennen in Kanada bergeweise Koffer. Eine letzte, unvollendete Aufgabe für Isa und die anderen, bevor sie auf den Todesmarsch gen Westen getrieben werden. Bei minus 20 Grad und Schnee. "Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen."

Nach einer kurzen Zeit im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und der erneuten Evakuierung erlebt die junge Frau die Befreiung in Lübz an der Elde. Mit ihrer Freundin geht sie nach Belgien und im Herbst 1945 weiter nach Palästina. Sie heiratet Paul Kornweiz und wählt einen hebräischen Namen: Dagan für Korn und Batsheva nach der Frau von König David. Batsheva Dagan bekommt zwei Söhne, heute hat sie zehn Enkel und zehn Urenkel.

Die polnische Jüdin spricht sieben Sprachen fließend. In Israel hat sie Psychologie studiert. "Erziehung ist der Schlüssel zu einer guten oder schlechten Welt", sagt sie. Sie will junge Menschen zu "Zeugen der Zeugen" machen, wenn sie über die Schoah spricht. Sie sagt ihnen: "Ihr seid nicht schuld. Aber ihr müsst etwas da raus lernen." So wirbt Batsheva Dagan für eine Welt ohne Hass und Feindseligkeit. Um den Wert von Mitgefühl und Menschlichkeit kennenzulernen kann der Mensch nicht jung genug sein, glaubt sie. Darum hat sie mehrere Kinderbücher geschrieben, zum Beispiel die Geschichte "Chica, die Hündin aus dem Ghetto". "Die Nürnberger Gesetze verboten Juden die Tierhaltung", erklärt Batsheva Dagan. In ihrem Buch erzählt sie von einem kleinen Jungen, der sich nicht von seiner Hündin trennen will. Er sucht einen Weg und findet einen. "Die Geschichten für Kinder brauchen ein Happy End, damit sie den Glauben an das Gute nicht verlieren." Und: "Ich bin ja auch ein Happy End." Das Happy End mit der Nummer 45554.

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