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120 Jahre alt ist die kleinste Fähre auf Rügen : "Hol över, Fährmann!"

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Hier kann man wirklich ausspannen. Auf dem Hang des kleinen Inselörtchens Moritzdorf im Südwesten von Rügen blöken ein paar Schafe. Plötzlich schlägt die Glocke am andern Ufer. Sie ruft Kay-Uwe Strandmann zur Arbeit.

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erstellt am 12.Jul.2011 | 08:21 Uhr

Moritzdorf | Hier kann man wirklich ausspannen. Aus der Ferne ist nur das schrille Pfeifen des "Rasenden Rolands" zu hören. Auf dem Hang des kleinen Inselörtchens Moritzdorf im Südwesten von Rügen blöken ein paar Schafe. Ein kleines Fischerboot auf der Heimfahrt vom morgendlichen Hecht-Fang tuckert durch die Baaber Bek. Plötzlich schlägt die Glocke am andern Ufer. Sie ruft Kay-Uwe Strandmann zur Arbeit.

Der 37-Jährige schwingt sich in sein hölzernes Ruderboot. Im letzten Moment springt Terrier Jason an Bord, und schon setzt der Fährmann zum anderen Ufer über. Drüben, nur 50 Meter von Strandmanns Bootssteg entfernt, sind Radfahrer eingetroffen, die jetzt mit der kleinsten Fähre Mecklenburg-Vorpommerns über den Strom setzen wollen. Die Überfahrt zum Preis von 1,50 Euro je Radfahrer dauert keine zwei Minuten. Nach genau 23 Ruderschlägen steigt die Gruppe wieder an Land und setzt die Fahrt fort zur alten Moritzburg, einem der attraktivsten Ausflugslokale der Insel mit traumhaftem Weitblick.

Vor genau 120 Jahren hieß es zum ersten Mal am Ufer des alten Fischerdorfs "Hol över, Fährmann!". Über Generationen hinweg ruderten die Männer bei Wind und Wetter ihre Kunden über den Strom, anfangs nur einige Einheimische, später immer mehr Ausflügler und Touristen. Strandmann übernahm vor ein paar Jahren die handbetriebene Ruderfähre von Vater Uwe, der 1990 vom Linienverkehr nach Sellin auf die historische Minifähre gewechselt war. Die Strandmanns investierten in Boote, Steganlagen und ein kleines Fährhaus.

Sonderfahrten auch nach Feierabend

Einen anderen Beruf könne er sich gar nicht mehr vorstellen, schwärmt Strandmann, der darauf hofft, dass einer seiner Söhne später mal das Ruder übernimmt. "Den ganzen Tag an der frischen Luft sein und mit gut gelaunten Leuten schnacken, darauf kommts an. Nicht aufs große Geld, das kannst Du hier sowieso nicht verdienen", sagt er. Von Anfang März bis Ende Dezember legen sich Strandmann und sein Kollege Herrmann Adermann in die Riemen, täglich von 9 bis 20 Uhr. Zur Saison, wenn der größte Umsatz gemacht wird, sogar bis 22 Uhr. Und wenn nach Feierabend doch noch mal ein verspäteter Reisender die Glocke läutet, dann macht Strandmann auch mal noch schnell eine Sonderfahrt. "Eigentlich sind wir ja so etwas wie öffentlicher Personennahverkehr", sagt er. Ohne die Fähre müssten Wanderer und Radfahrer einen Umweg von immerhin acht Kilometern über Sellin nehmen. Zulagen vom Land oder Kreis habe das kleine Fährunternehmen trotzdem nie bekommen. Selbst einen Antrag auf Lohnkostenzuschuss für den Kollegen habe die Arbeitsagentur abgelehnt.

Bis zu 100-al pro Tag pendelt die Fähre über die Bek. "Da weißt du am Abend, was du gemacht hast, sagte Strandmann, der sich immer alle drei Stunden mit seinem Kompagnon ablöst. Wenn der Andrang der Fährgäste oder die Strömung im Stichkanal zum Selliner See gar zu groß werden, dann wird auch mal zu einer kleinen Motorfähre gewechselt, die bis zu 15 Fahrräder plus Fahrer aufnehmen kann. An Bord nimmt der Rügener Fährmann, alles, was man tragen kann. Unfälle gab es wohl noch nie. Nur am Himmelfahrtstag, da müsse der Fährmann manchmal ein besonders wachsames Auge auf einige Passagiere haben.

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