Himmlischer Lotto-Sechser

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15. Oktober 2009, 10:41 Uhr

Schwerin | Ein eiliger Gast von auswärts - plötzlich da, plötzlich weg - und doch einer, von dem noch lange gesprochen wird: Immerhin hat er Teile Nordeuropas erleuchtet. Am Dienstag gegen 19 Uhr hatten starke Lichterscheinungen am Firmament die Menschen zwischen Belgien und Mecklenburg in Erstaunen, Begeisterung oder Angst versetzt. Einige Sekunden lang tat sich etwas ganz weit oben, etwas, das je nach Standort und Formulierkunst als helle Kugel mit Schweif, als leuchtender Kondensstreifen oder mächtige Sternschnuppe beschrieben wurde.

Augenzeugen meldeten sich aus den Beneluxstaaten und den Niederlanden, aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, aus Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Etliche wandten sich an Polizei und Feuerwehr. Andere wählten die Ufo-Hotline von Werner Walter. Sein Centrales Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelphänomene (Cenap) gilt als Kompetenzzentrum für Himmelsgelicht und Meldestelle Nummer 1, wie sich spätestens beim letzten großen Lichtspiel vor eine dreiviertel Jahr gezeigt hatte.

Gut 50 Erlebnisberichte waren dem Hobbyastronomen aus Mannheim bis gestern Mittag zu Ohren gekommen. Auf seiner Visitenkarte im Internet stellt er das 1976 gegründete Cenap als "privaten Zusammenschluss von astronomie- und parawissenschaftsinteressierten Menschen" vor, die sich mit der Aufklärung ungewöhnlicher Himmelserscheinung befassen. "Vorrangig fallen hierunter Meldungen von unidentifizierten Flugobjekten (Ufo)", heißt es. Und: "Cenap wird innerhalb der Ufo-Szene den Skeptikern zugerechnet".

Idealer Zeitpunkt Werner Walter (Jahrgang 1957) identifiziert die geheimnisvolle Lichtquelle als Meteor. Dem Mannheimer geht es um "alles, was am Himmel vorgeht". Die Erlebnisberichte vom Dienstag bringen den Fachmann ins Schwärmen: "Das war ein himmlischer Lotto-Sechser." Allein der Beobachtungskorridor sei gewaltig gewesen. Er habe sogar Kunde von einer Sichtung über der Insel Rügen im Norden Mecklenburg-Vorpommerns erhalten. "Die Wolkendecke war aufgerissen, der Zeitpunkt nahezu ideal, da noch viele Menschen unterwegs waren", sagt Werner Walter. Von Horizont zu Horizont habe es geleuchtet, weißlich-grün beschrieben die Zeugen das Licht, das sich lautlos aus Richtung Sonne schräg nach unten bewegt habe und drei, vier Sekunden sichtbar war - eine Szenerie, wie aus einem guten Science-Fiction-Film.

Richtig neidisch sei er, bekennt der Forscher. "Tausende Stunden habe ich schon auf dem Acker zugebracht mit meinem Teleskop, doch so etwas war mir noch nicht vergönnt." Glücklich alle jene, die das Schauspiel erblickten. "Davon können sie noch ihren Enkeln erzählen." Der Landwirt aus Lüneburg beispielsweise, der mit seinem Trecker die letzen Furchen vor Feierabend zog im Schummerlicht, als das geheimnisvolle Licht aufblitzte. Oder der Autofahrer auf der Bundesstraße 192 zwischen Neubrandenburg und Waren. Er hatte flugs die örtliche Einsatzleitstelle der Polizei angeklingelt und eine "grünliche Feuererscheinung in einigen Kilometern Entfernung" geschildert. "Wir haben zuerst geprüft, ob ein Tanklager brennen könnte oder irgendwo Erdgas abgefackelt wird", sagte ein Sprecher der Polizei gestern.

Licht mit Donnergrollen Runde 600 Kilometer entfernt, im niederländischen Ort Meedhuizen bei Groningen, will ein Bewohner handfeste Überreste der Feuererscheinung ausgemacht haben. Einem Fernsehsender erklärte der Mann, Bruchstücke eines Meteoriten seien in der Nachbarschaft eingeschlagen. Forscher der meteomedia-Wetterstationen halten das durchaus für möglich. Sie gehen ebenfalls davon aus, dass die Leuchterscheinung von einem Meteoriten hervorgerufen wurde, und dass dieser Meteorit die Erdoberfläche erreicht haben könnte. Immerhin hatten Bewohner der Beneluxländer zum Lichtstreif auch Geräusche wahrgenommen. Geräusche, die an Donnergrollen oder den Überschallknall eines Flugzeuges erinnerten und Indiz dafür sind, dass genug Materie unterwegs war, um zum Boden zu gelangen. Nach Ansicht der Forscher kommen als Landeplätze die Niederlande oder die Nordsee vor der emsländischen Küste in Betracht.

Thomas Grau, Gründer des Europäischen Netzwerkes zur Erforschung von Feuerkugeln und Meteoriten (erfm), favorisiert die Nordsee-These. "Wir haben Bilder von der Feuerkugel und von der Meteorwolke", sagte er gestern. Rainer Arlt vom Astrophysikalischen Institut in Potsdam schätzt das Gewicht des Meteoriten angesichts seiner Leuchtkraft auf fünf bis zehn Kilogramm. Mehrmals im Jahr dringe solch ein Außerirdischer über Mitteleuropa in die Erdatmosphäre ein. Nur in seltensten Fällen hinterlasse er mehr als Licht und Aufregung.

Thomas Grau ist einer jener Wenigen, denen ein Fund des seltenen Himmelsgesteins geglückt ist . Er hatte nach der letzten Aufsehen erregenden Lichterscheinung über Norddeutschland im Januar 2009 Überreste eines Meteoriten auf der dänischen Insel Lolland geborgen.

Feiner Unterschied
Sternengucker Werner Walter wird seinem Ruf als Skeptiker in der Ufo-Szene gerecht, und nennt den "Gast von auswärts" beim "korrekten Namen". Der Meteor tritt mit 200 000 Stundenkilometern in die Erdatmosphäre ein und verglüht rund 100 Kilometer über dem Boden durch die Reibung mit feinsten Luftteilchen. Meteorit wiederum ist der Teil des Meteors, der es zur Erde schafft. "Im Mittelalter war es einfacher und nur von erschröcklichen Himmelszeichen die Rede."

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