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"Hier ist es wie im Gefängnis"

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erstellt am 18.Mär.2011 | 06:23 Uhr

Horst | "Hier ist es wie im Gefängnis", sagt Boban Demirovic. Mit seiner Frau Marija und seinen beiden Kindern Vlastemir (12) und Marija (16) floh der Lkw-Fahrer vor drei Monaten aus Serbien nach Deutschland, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch nach nun knapp zwei Monaten im Erstaufnahmelager Horst des Amts für Migration und Flüchtlingsangelegenheiten ist von dieser Hoffnung nicht viel geblieben. "Ursprünglich hieß es, wir sollten drei Wochen hier bleiben", sagt Demirovic.

Das Lager ist vier Kilometer von Boizenburg an der Elbe entfernt. Es liegt im Wald und ist von einem zwei Meter hohen, massiven Zaun umgeben. Eine kleine Polizeistation ist im Empfangsgebäude untergebracht. Wollen die Flüchtlinge ihr "Gefängnis" verlassen, müssen sie sich beim wachhabenden Pförtner abmelden. Der nimmt ihnen für die Dauer ihres Ausflugs ihre Papiere ab. Boban Demirovic und seine Frau haben einen roten Ausweis - weil ihr Fall in Hamburg behandelt wird.

Ausweis wird eingezogen

Der Stadtstaat nutzt das Lager seit 2006 ebenfalls. Ursprünglich waren nur die Flüchtlinge, die nach Mecklenburg-Vorpommern sollen, in Horst untergebracht. Wer hier nicht selbst wohnt, kommt nur rein, wenn er den Namen seines Gastgebers nennen kann. Für die Dauer des Besuchs wird der Personalausweis einkassiert.

Drinnen ist die Stimmung gedrückt. Die Flüchtlinge sind in mehreren großen Wohnblocks untergebracht. Die Ausstattung der Räume ist spartanisch. Auf ihren 16 Quadratmetern haben sich die Demirovics so gut es geht eingerichtet. Außer ihren Betten - Matratzen auf Metallrahmen - gibt es in ihrem Zuhause auf Zeit nur ein paar Metallspinde, wie man sie aus dem Schwimmbad kennt, ein kleiner Tisch und drei Stühle sind die einzigen Gebrauchsgegenstände.

"Kochen ist verboten", sagt Demirovic. Es gibt zwar eine kleine Gemeinschaftsküche, das Essen wird aber in der zentralen Kantine ausgegeben. Dass ihr Arzt Marija empfohlen hat, momentan nur Suppe oder selbst gekochtes Essen zu sich zu nehmen, ist da egal. Vor sechs Monaten wurde die 37-Jährige in Belgrad operiert, ist derzeit täglicher Patient beim Lagerarzt. Von ihm wurde sie auch schon mit einem Taxi zu einem Kollegen nach Hamburg geschickt. Der hat der Mutter ein Attest ausgestellt, dass sie möglichst schnell das Lager verlassen soll.

Betroffenen fehlt Beschäftigung

Geholfen hat das bisher nichts. In der nächsten Woche hat ihr Mann den nächsten Vorsprechtermin beim Amt in Hamburg. "Ich habe keine Ahnung, was dann passiert", sagt er. Bisher sei kein Asylantrag eines Serben in Deutschland anerkannt worden, meint Demirovic.

Beschäftigung gibt es kaum. Das Warten zerrt an den Nerven. "Wir machen gar nichts", sagt Demirovic. Seine Frau hat eine abgewetzte serbische Bibel dabei, würde gerne mehr lesen. Auch den beiden Kindern ist langweilig. "Ich würde gerne in die Schule gehen", sagt Tochter Marija. Doch das geht in Horst nicht. "Sie sind jetzt schon drei Monate nicht mehr in der Schule gewesen", ärgert sich ihr Vater.

Pro Person gibt es 40 Euro im Monat. Der einzige Luxus, den Boban Demirovic sich gönnen kann, sind ein paar Zigaretten. Kontakt zu anderen Lagerinsassen hat die Familie kaum. Die vier beherrschen nur serbisch, bleiben daher lieber unter Landsleuten wie Lasloiv Sadikovic. Zumal sie noch nicht einen deutschen Besucher im Lager gesehen haben. Zurück wollen sie trotzdem nicht: "In Serbien haben wir kein Leben", sagt Demirovic.

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