"Hells Angels" gefesselt ins Gericht

Der Prozess gegen zwei führende Bandenmitglieder der Hells Angels in Schwerin hat gestern begonnen. <foto>Cornelius Kettler</foto>
Der Prozess gegen zwei führende Bandenmitglieder der Hells Angels in Schwerin hat gestern begonnen. Cornelius Kettler

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22. Juli 2010, 07:06 Uhr

Schwerin | Den "Höllen-Engeln" sind die Flügel gestutzt: An Händen und Füßen gefesselt wurden Andreas S. und Andy S. gestern zum Verhandlungssaal im Schweriner Landgericht geführt, wo ihnen nun der Prozess wegen versuchter räuberischer Erpressung und Nötigung gemacht wird. Sie sollen führende Mitglieder des Rockerklubs "Hells Angels" in Schwerin sein, der 43-jährige Andreas S. aus einem Dorf in der Nähe der Landeshauptstadt laut Anklage sogar ihr "Präsident".

Aus ihrer Zugehörigkeit zu dem schlagzeilenträchtigen Motorradklub machen sie keinen Hehl. Der "Präsident" trägt Schriftzeichen auf seinem T-Shirt, die ihn quasi als "Angel" auf Lebenszeit kennzeichnen, der 34-jährige gebürtige Schweriner das bekannte Symbol mit dem geflügelten Totenkopf. Zwei weitere Angeklagte werden zumindest dem Umfeld der Gruppe zugerechnet - was einer ebenfalls mit seinem T-Shirt dokumentiert.

Wie immer, wenn irgendwo in Deutschland Hells Angels vor Gericht stehen, hat die Polizei Großeinsatz - nun auch in Schwerin. Die Anhänger dieser Gruppierung gelten als wenig zimperlich. Regelmäßig geraten Mitglieder wegen Gewaltdelikten, Drogenhandels, illegalen Waffenbesitzes und Straftaten im Rotlichtmilieu ins Visier der Ermittler. So mussten gestern zum Prozessbeginn Besucher, Journalisten und selbst die Verteidiger intensive Personenkontrollen über sich ergehen lassen. Wenngleich die Vorwürfe der Ermittler in dieser Gerichtsverhandlung - verglichen mit anderen Prozessen - auf den ersten Blick subtil erscheinen.

5000 Euro oder wir schneiden dir das Ohr ab

Laut Staatsanwalt haben die beiden Hauptangeklagten im Januar dieses Jahres in einer Schweriner Bar einen Mann mit einer Pistole und einem Messer bedroht. Falls er nicht 5000 Euro zahle, würden sie ihm ein Ohr abschneiden. Grund war offenbar verletzte Rockerehre. Das Opfer soll sich unberechtigt als "Hells Angel" ausgegeben haben.

Es könne auch mal ein Unfall geschehen, sollen sie dem Mann prophezeit haben. Sie würden auch über seine Familie Bescheid wissen. Drohungen, die der junge Mann offenbar ernst nahm. Der Staatsanwaltschaft zufolge wollte er unmittelbar danach eine Anzeige zurücknehmen, die er vorher gegen die Hells Angels gestellt hatte, und sprach von Selbstmord-Absichten.

Wenige Tage später sollen es die Hauptangeklagten auf den Betreiber eines Tattoo-Studios abgesehen haben, weil der einen Aufkleber mit Totenkopf-Motiv am Auto hatte, das dem der "Hells Angels" ähnelte. Laut Anklage entfernte er unter Druck den Aufkleber wieder. Dann stellte er den Wagen wie verlangt zur Kontrolle vor. Später sollen sie in ihren Kutten - den symbolträchtigen Lederwesten, die sie als Hells Angels ausweisen - in seinem Tätowier-Shop in Schwerin erschienen sein und eine Beteiligung gefordert haben. Der Grund: Da die Hells Angels den Betrieb nicht genehmigt hätten, sei die Eröffnung unzulässig.

Den Ruf der Hells Angels bei Drohung ausgenutzt

Doch offenbar war die Polizei zu diesem Zeitpunkt den "Rockern" schon auf der Spur. Seit Anfang Februar sitzen Andreas S. und Andy S. in Untersuchungshaft. Ein 34 Jahre alter Mitangeklagter wurde Anfang Juli wegen anderer Vorfälle verhaftet. Lediglich der vierte Mann, ein 46-Jähriger Familienvater aus Schwerin, ist auf freiem Fuß. Ihm wird Beihilfe vorgeworfen.

Die Angeklagten hätten bewusst den "Ruf" der Hells Angels ausgenutzt, um ihre Opfer unter Druck zu setzen, heißt es in der Anklage. Die Gruppierung gilt als mächtigster Rockerklub weltweit. 1948 in Kalifornien von Harley-Davidson-Liebhabern als Motorradklub gegründet, soll der Name von einer Bomberstaffel aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Sie sollen heute Mitglieder in rund 30 Ländern haben, wo sie sich örtlich in Vereinen organisieren. Nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) gehören der Schweriner Gruppe der Hells Angels rund 15 Mitglieder an. Sie sei dem Rostocker Rockerklub etwa gleichgestellt. Insgesamt zählt das LKA landesweit etwa 20 Rockerklubs mit insgesamt 200 Mitgliedern, neben den Hells Angels in Rostock und Schwerin auch Bandidos in Stralsund, Neubrandenburg, Greifswald und Anklam sowie den Gremium MC in Schwerin und Neubrandenburg. Einige Mitglieder standen auch schon vor Gericht.

Gegenüber Behörden gilt bei den Klubs offenbar "Schweigepflicht". So wollen auch die Angeklagten im Schweriner Prozess vorerst nichts zu den Vorwürfen sagen. Nur der Verteidiger von Andreas S. hat für den nächsten Prozesstag am Dienstag eine Erklärung angekündigt. So ging der Prozess gestern schneller zu Ende als die Einlasskontrollen dauerten. Das Urteil wird frühestens Ende August erwartet.

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