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Europaabgeordneter Werner Kuhn : Helfen nach dem Maß der Not

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Als DRK-Präsident und Europaabgeordneter sieht Werner Kuhn Flüchtlingshilfe als Gebot der Stunde an – doch auch er hat Fragen

svz.de von
erstellt am 04.Dez.2015 | 19:32 Uhr

Wenn Werner Kuhn nach einer Woche im Europaparlament in Brüssel oder Straßburg nach Hause nach Zingst kommt, dann kann es schon mal passieren, dass ihm ein Gastronom eine Liste vorlegt, wie viele Flüchtlinge er als Zimmermädchen oder Küchenhilfen beschäftigen möchte. Für den CDU-Politiker ein Lichtblick in der oft angespannten Diskussion über Zuwanderung in Deutschland.

Als er 1992 bis 1994 Landrat in Ribnitz-Damgarten war, gab es schon einmal einen Flüchtlingsansturm, erinnert sich Kuhn. Damals seien zahlreiche Menschen aus Osteuropa gekommen. Er sei damals von Dorf zu Dorf gefahren, habe zum Beispiel geschaut, wo von einer LPG noch das Lehrlingswohnheim stand, das inzwischen nicht mehr gebraucht wurde und den Neuankömmligen als erste Unterkunft dienen konnte. Eine Erfahrung aus jener Zeit hält Kuhn bis heute für ganz wichtig: „Man muss mit den Bürgermeistern zusammenarbeiten und mit den Leuten vor Ort.“ Die seien in seiner Zeit als Landrat vielfach arbeitslos gewesen – und Fremden gegenüber skeptisch. „Also habe ich sie überzeugt, indem ich ihnen erst mal auf zwei Jahre befristet Arbeitsverträge in der Flüchtlingsbetreuung angeboten habe.“

So, davon ist Kuhn überzeugt, kann auch heute die Integration der Flüchtlinge gelingen: „Wenn man alle von Anfang an mit an den Tisch holt, dann läuft das auch ganz anders.“ Nur, wer noch nie Kontakt zu Flüchtlingen gehabt hätte, glaube blind alles, was man ihm über sie erzählen würde. Wer aber aus erster Hand erfahren hätte, welche Strapazen diese Menschen auf sich nehmen mussten, um vor dem Bürgerkrieg zu fliehen, der sei auch bereit zu helfen, ist Kuhn überzeugt.

Keiner habe einen Massenexodus in dieser Dimension erwartet. „Aber wir können diese Menschen doch auch nicht aufhalten.“ Er halte es da mit der Rot-Kreuz-Maxime: „Wir helfen nach dem Maß der Not.“

Wobei auch Werner Kuhn – nicht zuletzt als Präsident des DRK-Landesverbandes, der in mehreren Einrichtungen Flüchtlinge betreut – auch viele Probleme bewusst sind. Zum Beispiel ist ihm unverständlich, warum es so lange dauert, bis Asylsuchende in Deutschland registriert werden. „Warum ist das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration nicht dazu in der Lage, mobile Einrichtungen zur Antragsannahme zur Verfügung zu stellen?“, fragt Kuhn. „Und warum kann man nicht auch gleich von jedem Flüchtling Handy- und Gerätenummer registrieren? Dann wäre immer bekannt, wer sich wo aufhält. Wer nichts zu verbergen hat, kann auch nichts dagegen haben.“

Momentan müssten die Menschen aus den DRK-Notaufnahmeeinrichtungen „in Zehnerpacks“ zu den Erstaufnahmestellen gefahren werden – das sei teuer und uneffektiv. Aber: „Es ist doch auch für uns als Betreiber wahnsinnig wichtig zu wissen, wen wir da bei uns haben.“ Unklar ist Kuhn auch, warum die Zuständigkeit für Flüchtlingsfragen nicht konzentriert wird. „Das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration ist für die Asylanträge zuständig. Die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber ist aber Ländersache. Das passt doch nicht zusammen.“

Auch vor Ort könnte man mehr Aufgaben konzentrieren, meint Kuhn. So habe das DRK für die Erstaufnahmeeinrichtungen hauptamtliche Mitarbeiter eingestellt. „Unsere Vorstellung ist, dass diese Mitarbeiter auch als Regionalkoordinatoren zur Verfügung stehen“, erläutert der DRK-Präsident. „Wenn die Flüchtlinge aus dem Camp in eine Gemeinde kommen, sind sie dort wieder fremd und brauchen neue Ansprechpartner – mit unserem Modell könnte man das vermeiden.“

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