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"Hartz-IV-Café": Ehrgeiziges Trio packt es an

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erstellt am 05.Jun.2011 | 08:36 Uhr

Neustrelitz | Je länger die Arbeitslosigkeit, desto tiefer der finanzielle und persönliche Fall. Tagtäglich begegnet Benno Havemann solchen Schicksalen. Doch der 51-Jährige weiß, dass er ihnen helfen kann, aus diesem Kreis auszubrechen. Alle Energie fließt deshalb in sein "Hartz-IV-Café" in Neustrelitz, wie die PC-Jugendselbsthilfewerkstatt des Arbeitslosenverbandes (ALV) Mecklenburg-Strelitz liebevoll genannt wird.

Ehrenamtlich, genauso wie seine beiden Kollegen Carsten Günther und Ralf Klei, ist Benno Havemann für die großen und kleinen Belange der Arbeitslosen da. Nicht nur Jugendliche, wie der Name vermuten ließe, nutzen diesen Service. Drucken, faxen, Jobangebote aus dem Internet suchen, bei Bewerbungen helfen, Computer und Zubehör reparieren - "Vieles wird von den Behörden vorausgesetzt", sagt der Projektleiter. "Ohne zu bedenken, dass nicht jeder die Möglichkeit dafür hat."

Viele Projekte werden nicht mehr gefördert

Der Neustrelitzer ist gelernter Koch. 1989 berufsunfähig geworden, sattelte er schließlich auf die technische Schiene um. Als er sich dann um die Computer des Arbeitslosenverbandes kümmerte, ist ihm bewusst geworden, dass viele auf Unterstützung in diesem Bereich angewiesen sind. "Mensch, da könnte man doch was Spezielles anbieten", dachte sich Benno Havemann und gründete 2001 das heutige Hartz-IV-Café. Damals noch als Angestellter in Teilzeit, kombiniert mit dem Ehrenamt. Seit dem 1. Januar dieses Jahres komplett als Ehrenamtlicher.

"Es wurden viele Stellen gestrichen", bedauert Benno Havemann. Zudem seien seit Jahresbeginn viele ALV-Berater aus verschiedenen Projekten weggefallen, die bis dahin immer eine Stütze gewesen seien. So muss sich das Trio des Hartz-IV-Cafés mittlerweile um vieles selbst kümmern, auch um einen festen Job für sich.

Jörg Böhm, Vorsitzender des ALV Mecklenburg-Vorpommern, bestätigt, dass inzwischen viele solcher Projekte nicht mehr gefördert werden, auch "wenn Hartz-IV-Empfänger diese brauchen, um wieder Arbeit zu bekommen." 435 Frauen und Männer beschäftigt der Arbeitslosenverband im Land. Im Oktober 2010 waren es noch 750. Ein Großteil arbeitet mittlerweile ehrenamtlich in den Anlaufstellen des ALV - nicht selten beziehen sie selbst staatliche Stütze.

"Regelsatz ist nicht bedarfsgerecht"

So auch in Neustrelitz. Und der Bedarf dort stieg in den letzten fünf Jahren von 30 auf mittlerweile 250 bis 300 Besucher im Monat. Einer von ihnen ist Axel Giermann aus Neustrelitz. Der 26-Jährige will lieber heute als morgen wieder einen Job haben. Einmal in der Woche sucht er im Hartz-IV-Café nach passenden Stellen, vorrangig im Sanitär- und Heizungsbau. "Ohne die Hilfe von Benno Havemann und seinen Kollegen wäre ich aufgeschmissen", sagt Axel Giermann. Er selbst hat zwar einen Computer, kann sich aber keinen Internetanschluss leisten. "Obwohl ich das Gefühl habe, dass das Arbeitsamt davon ausgeht, dass jeder Internet hat." Aber nicht nur dahingehend ist ihm der Treffpunkt des Arbeitslosenverbandes wichtig. Bewerbungen schreiben - klassisch oder als Online-Bewerbung: "Dabei helfen die drei mir sehr". Und wenn der eigene PC mal streikt, gebe es eine Schulung in Sachen Hard- oder Software. Auch das könnte er sich sonst nicht leisten.

"Die Nachfrage ist da", sagt Jörg Böhm. Für ihn kein Wunder. Der Regelsatz sei einfach nicht bedarfsgerecht ermittelt worden - nicht nur im Hinblick auf Computer und Internet. Das habe auch das Bundesverfassungsgericht bestätigt. "Ein PC ist zwar regelsatzrelevant, aber nicht in der benötigten Höhe." 3,74 Euro monatlich seien etwa für Datenverarbeitungsgeräte und Downloads eingeplant. Ein Internetzugang allein koste aber schon um die 25 Euro im Monat. Die Agentur für Arbeit bietet ihren Kunden zwar Plätze zur Arbeitsmarktrecherche an, nur seien das "lediglich eine Handvoll PCs", sagt Ralf Klei vom Hartz-IV-Café. "Außerdem hat man da nur Zugriff auf die Seiten der Arbeitsagentur." Und dort ausgewiesene Stellen seien oft schon vergeben, so die Erfahrungen des Hartz-IV-Empfängers. Das Internetcafé als Alternative koste dagegen wieder Geld.

Genau deshalb will das Trio in Neustrelitz weiter helfen, wo es kann. Und das, so lange es noch geht. "Denn wir wissen nicht, wie wir es ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis schaffen werden", sagt Benno Havemann. "Aber wir versuchen es."

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