Harald Ringstorff - der große Versöhner

 <strong>Harald Ringstorff </strong>nimmt Abschied bei seiner letzten Landtagssitzung im Sommer 2011.<foto>Archiv/dpa</foto>
Harald Ringstorff nimmt Abschied bei seiner letzten Landtagssitzung im Sommer 2011.Archiv/dpa

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22. März 2013, 10:22 Uhr

Alt-Ministerpräsident - die ser Titel steht Harald Ringstorff. Bei der Festveranstaltung zur Eröffnung der Ausstellung "150 Jahre Sozialdemokratie" im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus genießt es der rüstige Rentner aus Weiße Krug in der Nähe von Sternberg, mal ganz ohne Verantwortungsstress im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. "Ein Zehntel der Geschichte der SPD hat Harald Ringstorff in Mecklenburg-Vorpommern entscheidend geprägt", sagt Erwin Sellering hochachtungsvoll vor der heutigen Verleihung des Albert-Schulz-Preises an Ringstorff in Rostock. "Es war die intensivste Phase meines Lebens, eine Zeit mit viel Stress und wenig Schlaf", erwidert Ringstorff nachdenklich. Man könne das mit einem Marathonlauf vergleichen, bei dem man seinem Körper das Letzte abverlange. Eine Andeutung, dass trotz aktiver Lebensweise - der 73-Jährige ist noch immer ein begeisterter Schwimmer - die Arbeit als Regierungschef nicht spurlos an seiner Gesundheit vorübergegangen ist. Und dann gibt Ringstorff eine Anekdote nach der anderen zum Besten, mal schmunzelnd, mal nachdenklich, mal auf Plattdeutsch. Den jungen Leuten im Saal rät er, geradlinig zu sein und ausdauernd, aber nicht zu vergessen, dass niemand das alleinige Recht auf die absolute Weisheit gepachtet hat. Wer politische Achtung genießen wolle, müsse verantwortungsvolle Politik vorleben.

Eine Beliebt heit, von denen andere träumen

Harald Ringstorff und Mecklenburg-Vorpommern, das ist ein Jahrzehnt lang ein politisches Wortpaar. Der Sozialdemokrat hat das Land geprägt, wie wohl kein anderer vor ihm - und nach ihm. Harald Ringstorff erreichte Beliebt heitsgrade, von denen andere nur träumen können. Ringstorff hat den Grundstein gelegt, dass noch heute die SPD fest verwurzelt ist im ansonsten konservativen Mecklenburg-Vorpommern.

Und doch beginnt der heute 73-Jährige seine Amtszeit an der Spitze des Landes 1998 mit einem Paukenschlag, der die ganze Bundesrepublik aufhorchen lässt. Mit einem Tabubruch. Nach acht Jahren Wartezeit und mit Bonner Rückenwind - Helmut Kohl wird abgewählt, Gerhard Schröder gewählt - überholt auch die SPD in MV erstmals die CDU. Für den SPD-Spitzenkandidaten Harald Ringstorff ist dies der Zeitpunkt des Kurswechsels. Erstmals wird in Deutschland eine rot-rote Koalition geschmiedet. Ringstorff läuft Spießruten. Auch in der eigenen Partei. Die "Schweriner Verhältnisse" werden geboren und bundesweit geächtet. Und was macht Ringstorff? Er geht unbeirrt seinen Weg. Der Mecklenburger gilt gelegentlich als stur. Andere sagen, er weiß was er will.

Linksbündnis gehört zur Erfolgsbilanz

Die PDS-Minister erwiesen sich als zuverlässige Partner. Noch als Ringstorff im Sommer 2008 nach zehn Jahren an der Spitze des Landes seinen Rücktritt ankündigt, schließt er in seine Erfolgsbilanz ausdrücklich die nunmehrige Linkspartei mit ein: "Die Saat der vergangenen Jahre geht auf. Damit meine ich ausdrücklich die acht Jahre Rot-Rot und die zwei Jahre Rot-Schwarz." Nein, Ringstorff versteckt sich nicht. Der gebürtige Wittenburger steht zu seinen Entscheidungen - auch noch Jahre später. Man könnte das aufrecht nennen. Ehrlich ist es allemal.

Der viel größere Paukenschlag 1998 ist jedoch Ringstorffs Versöhnungskurs. In einer Zeit als Deutschland tief gespalten ist, ruft er in seiner Regierungserklärung am 2. Dezember auf, "unsere gespaltene Gesellschaft zusammenzuführen. Wir alle wissen, welche Gräben unser Land durchziehen - Gräben zwischen Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, und solchen, die vergeblich Arbeit suchen, zwischen Gewinnern der Wende und Wendeverlierern, zwischen Links und Rechts, zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, zwischen Bürgern ostdeutscher und Bürgern westdeutscher Herkunft..." Das ist das wirkliche Credo des Sozialdemokraten.

Der Mecklenburger vergisst nicht

Diese Worte sind um so höher zu schätzen, wenn man weiß, dass der damals 59-Jährige selbst sein jahrelang mühsam renoviertes Haus an die Alteigentümer abgeben musste. Gerade als er es fertig hatte. Ringstorff macht aus seinem Ärger keinen Hehl. Und wer ihn kennt, weiß, der Mecklenburger vergisst nicht. Auch nicht seine Niederlagen, die der SPD-Politiker gerade in den 1990ern immer wieder einstecken muss.

1990, als ihn die Wende an die Spitze der Sozialdemokratie in MV spült, muss er auf dem Höhepunkt der politischen Freiheit eine solche Niederlage einstecken. Zwar wird der Chemie-Ingenieur im März 1990 in Güstrow SPD-Landesvorsitzender. Aber für die Spitzenkandidatur zur Landtagswahl schickten ihm die Genossen aus Schleswig-Holstein den dortigen Justizminister Klaus Klingner (SPD). Eine Pleite. Mit 27 Prozent bleibt die SPD weit hinter der CDU. Schlimmer noch: In der Wahlnacht am 14. Oktober wechselt auch noch ein potenzieller SPD-Abgeordneter auf die CDU-Seite. Ringstorff wird nur Fraktionschef der geschmälerten 20-köpfigen SPD-Fraktion, die einerseits einer 34-köpfigen CDU/FDP-Koalition Paroli bieten muss. Andererseits muss sie sich gegen die zwölfköpfige Fraktion der PDS/Linke Liste abgrenzen.

Ministeramt in der Vulkan-Krise verloren

Als der CDU 1994 bei den Wahlen der Koalitionspartner FDP für immer verloren geht, da steht Ringstorff bereit. Er wird Wirtschaftsminister im zweiten Kabinett von Berndt Seite (CDU) - bis zur zweiten Werftenkrise im April 1996. Der Bremer Vulkan hatte 843 Millionen D-Mark für die ostdeutschen Werften in Bremen versickern lassen. Finanzministerin Bärbel Kleedehn (CDU) verspricht Bundesfinanzminister Theo Waigel in Bonn, am Ersatz der Millionen mitzutragen. Ringstorff fordert Kleedehns Rücktritt und kreidet Ministerpräsident Berndt Seite den Alleingang der Ministerin an. Es folgt eine Regierungskrise sondergleichen, die letztlich den Wirtschaftsminister sein Ministerium kostet. Ringstorff muss zurück in die Fraktion. Er findet in CDU-Fraktionschef Eckhardt Rehberg seinen besten Feind und verachtet seither den CDU-Ministerpräsidenten Seite von ganzem Herzen. Wer diese Vorgeschichte kennt, ahnt, warum den Mecklenburger 1998 die PDS weniger schreckt als die CDU.

Koalitionsbruch im Bundesrat

Doch auch ein Harald Ringstorff muss einmal der Parteidisziplin willen sein Wort brechen. Es geht um Gerhard Schröders Rentenreform, die Anfang Mai 2001 im Bundesrat abgestimmt wird. "Alles klar, Helmut", teilt der Ministerpräsident per Autotelefon seinem Stellvertreter, Helmut Holter (PDS), noch vor der Abstimmung mit. Angesichts des Neins der PDS zur Reform will sich MV entsprechend dem Koalitionsvertrag der Stimme enthalten. Während der Sitzung sagt der SPD-Landeschef dann plötzlich entgegen der Vereinbarung Ja - obwohl die Stimmen aus MV für die Mehrheit zur Rentenreform gar nicht notwendig sind. Die Empörung des Koalitionspartners ist groß. Vom "monarchischen" Verhalten des Ministerpräsidenten ist die Rede. Der gesteht schließlich ein, gegen den Koalitionsvertrag verstoßen zu haben und entschuldigt sich - für den Wortbruch, nicht für das Ja zur Rentenreform. Denn, er habe im Interesse des Landes gehandelt.

Ringstorff tut das, was er für richtig hält. Emotionales hat für ihn in der Politik nichts zu suchen. So ist es auch wenig verwunderlich, dass er nach den Wahlen 2006 das Bündnis mit der PDS aufkündigt, weil die gemeinsame Ein-Stimmen-Mehrheit keine ausreichende Sicherheit zum Regieren bietet. Ringstorff regiert noch zwei weitere Jahre mit der CDU - und bestimmt den Zeitpunkt seines Rücktritts selbst. Das gelingt wenigen.

Größter Mecklenburger seit Fritz Reuter

Im Sommer 2008 zieht er sich zurück - und lebt seine zweite Passion aus, still in den Landtagsreihen ohne Einmischung in das Handeln seines Nachfolgers widmet er sich dem Erhalt der plattdeutschen Sprache. Sozialdemokraten nennen ihn schmunzelnd den größten Mecklenburger nach Fritz Reuter. Man erlebt den Ex-Ministerpräsidenten scherzend auf Empfängen, wenn es ihm seine Krankheit erlaubt und vor allem mit einem besonderen, trockenen Humor. Und wenn er mal wütend ist, so klingt das höchste Maß an Gefühlsausbruch so: "Das stinkt mich jetzt an."

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