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Großes Rätselraten um kleinen Erreger

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erstellt am 06.Jun.2011 | 08:26 Uhr

Berlin | Den ganzen Tag über Rätselraten und keine Entwarnung aus Bienenbüttel. Die EHEC-Fahnder haben Indizien, nicht mehr. Viel deutet darauf hin, dass Sprossen von einem Bio-Gartenbaubetrieb im niedersächsischen Landkreis Uelzen der Auslöser der Epidemie sein könnten. "Solange nicht alle Proben abgeschlossen sind und der Verdacht nicht vollständig ausgeräumt ist", rät Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) gestern Nachmittag in einer eilig anberaumten Pressekonferenz weiter zum Verzicht auf Sprossen.

Es ist der Tag der vielen offenen Fragen: Waren die Behörden in Niedersachsen mit ihrer Warnung zu früh vorgeprescht? Hatte man sich zu lange auf Gurken und Tomaten als mögliche EHEC-Ursache konzentriert? Erste Proben von besagtem Betrieb in Niedersachsen hatten den Verdacht gestern zunächst nicht gestützt. Nicht auszuschließen jedoch, dass belastete Sprossen von diesem Hof in den Handel gelangt sind.

Gemüse-Absatz ist zusammengebrochen

Aufschluss erhofft man sich nun von der Untersuchung einer älteren Sprossenpackung, die bis heute analysiert sein soll. "Die Auswertung von Handelsbeziehungen hat mehrfach den Weg von diesem Erzeuger zu späteren Erkrankungsfällen gewiesen", resümieren Beamte von Ministerin Ilse Aigner in einem Bericht an den Verbraucherschutz-Ausschuss des Bundestages.

Eine "Task Force" und ein "Krisenarbeitsstab" suchen jetzt weiter nach den Ursachen. Schließlich könnte es noch andere EHEC-Quellen geben. Immer neue Warnungen und Lebensmittel-Tests der Behörden - der Gemüse-Absatz ist zusammengebrochen und die Kritik am Krisenmanagement nimmt zu. Bleibt es doch bei den beiden unabhängig voneinander ausgesprochenen Behördenwarnungen: Empfohlen wird weiter einerseits der Verzicht auf Salat, Gurken und Tomaten und andererseits ein vorübergehender Verzicht auf Sprossen.

"Die Verbraucher werden im Stich gelassen", moniert nicht nur Grünen-Parteichefin Claudia Roth. Seit Tagen bereits steht die Bundesregierung mit den zuständigen Ministern Aigner (Verbraucherschutz) und Daniel Bahr (Gesundheit) in der Kritik. Verbraucherschützer und Opposition erhöhen den Druck, sprechen von Fehlern und Mängeln beim Krisenmanagement.

Ministerin bleibt Antworten schuldig

Mit markigen Sätzen versuchte Verbraucherministerin Aigner, den Eindruck von Behördenstreit und Kompetenz-Wirrwarr zu vermeiden. "Für die Bundesregierung hat der Kampf gegen EHEC höchste Priorität", so die CSU-Politikerin gestern. Bund und Länder würden Hand in Hand arbeiten und "zwar rund um die Uhr", weist sie die Kritik "als reine Show" zurück. Alle notwendigen Maßnahmen seien getroffen worden. Viele Tausende "Puzzelsteinchen" müssten jetzt zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Kein Wort allerdings zu Berichten, bei Diagnose-Gesprächen mit EHEC-Patienten sei nicht nach dem Verzehr von Sprossen gefragt worden.

Hintergrund: Schon einmal - 1996 in Japan - hatten Sprossen eine EHEC-Epidemie mit Tausenden Infizierten ausgelöst. Laut Bundesverbraucherschutzministerium sind bis zum vergangenen Sonntag 4714 Lebensmittelproben von Behörden und Wirtschaft auf EHEC untersucht worden, unter anderem von 514 Gurken und 580 Tomaten. Nur in den zwei bereits bekannten Gurkenproben sei der Erreger nachgewiesen worden, heißt es nach Informationen unserer Berliner Redaktion im Ministeriumsbericht an den Verbraucherschutz-Ausschuss. Getestet wurden auch Erdbeeren, Spargel, Paprika, Rohmilch, Käse und Wurst. Von getesteten Sprossen ist im Bericht des Ministeriums allerdings nicht die Rede.

"Wir (...) sind erschüttert und besorgt", war gestern auf der Internetseite des Betriebs zu lesen, der am Sonntag ins Visier der EHEC-Ermittler geraten war. Aufgrund der aktuellen Lage habe man in der zweiten Maihälfte eigene Sprossen auf EHEC testen lassen. Ergebnis: Negativ.

Ist der Höhepunkt der Epidemie nun erreicht? Mit Erleichterung registrieren die Behörden, dass die Zahl der Neuinfektionen offenbar inzwischen leicht zurückgeht.

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