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Goldtürmchen und Plattenbau

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erstellt am 30.Mär.2012 | 09:38 Uhr

Schwerin | Gleich neben dem Hauptbahnhof verfällt ein Gebäude. Die rote Eingangstür ist mit Brettern vernagelt, die Fassade bröckelt, die Scheiben sind kaputt. Glaubt man Dortmunds Oberbürgermeister Ulrich Sierau, dürfte es so was hier eigentlich gar nicht geben. Schließlich sind wir in Schwerin, im Osten. Da wo sie laut Sierau dank der Milliarden aus dem Solidarpakt "gar nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld".

Gleich gegenüber dem Abbruchhaus liegt langgestreckt das Schweriner Stadthaus. Im sechsten Stock hat Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow ihr Büro. Die 53-Jährige von der Linken ärgert sich über Sieraus Soli darpakt-Attacke. Denn eigentlich findet sie, "drückt uns Kommunen doch alle derselbe Schuh". Bund und Länder teilten den Städten immer mehr Aufgaben zu, ohne das nötige Geld bereitzustellen. "Das trifft alle, egal ob im Osten oder Westen", sagt die Oberbürgermeisterin. Die Behauptung, der Osten brauche keine Hilfe mehr, weist sie zurück: "Wir vergolden hier von dem Geld keine Türklinken."

Von Gramkows Fensterfront aus kann man halb Schwerin überblicken. "Da hinten ist das Neubauviertel Großer Dreesch, weiter vorne das Schloss, hier das Theater, da der Dom und was da glitzert, ist der Pfaffenteich", erzählt die 53-Jährige, während ihr Zeigefinger die Scheibe entlangwandert.

Den Pfaffenteich erreicht man vom Schweriner Hauptbahnhof aus zu Fuß in zwei Minuten. Auf die Idee, die zwölf Hektar große Wasserfläche als Teich zu bezeichnen, käme im Ruhrgebiet wohl niemand. Schwerin jedoch hat zwölf Seen. Auch die Straßen und Gassen der Altstadt haben mit denen in Dortmund, Witten oder Oberhausen nicht viel gemein. Statt durch Schlaglöcher geht es über saubere Pflastersteine. Bröckelnde Fassaden sind wenig zu sehen, dafür hübsch sanierte Häuser. Wie am Marktplatz. Dort stehen ein Denkmal, Giebelhäuser und das mit Goldbuchstaben verzierte Altstädtische Rathaus.

Nur der Marienplatz mit Einkaufszentren, SchleckerMarkt und Ramschladen erinnert den Besucher spontan an Ruhrgebiets-Innenstädte. Gerade ist der Platz Baustelle. Bei der Apotheke an der Ecke gibt es deshalb zehn Prozent Rabatt. "Gebuddelt wird hier eigentlich immer", erzählt eine Bäckerei-Verkäuferin. "Manchmal wundert man sich, wofür so alles Geld da ist."

Für das Staatstheater offenbar nicht. Ein Sparkonzept sah die Entlassung von 79 der 320 Mitarbeiter vor. 3000 Schweriner protestierten. Die Landeshauptstadt legte die Pläne auf Eis. Für 2013 fehlen dem Theater wieder zwei Millionen Euro.

Ein paar Meter weiter ist es mit den Parallelen zu Bochum, Wuppertal und Co. schon wieder vorbei. Auf einer kleinen Insel im Schweriner See liegt hier das "Märchenschloss", wie Angelika Gramkow den Prunkbau mit Türmchen und goldener Kuppe nennt. Zweifellos der schönste Landtag Deutschlands, wie Schweriner gern betonen. Gerade wird dort saniert, was genau ansteht, scheint hier aber niemand so recht zu wissen. "Das Gerüst ist im Grunde immer da", sagt eine Frau, die ihren Hund ausführt. "Es wandert ständig ums Schloss he rum."

Marina Bredowske sitzt davor auf einer Bank und blinzelt in die Sonne. Die Klagen aus dem Ruhrgebiet kann die 28-Jährige nachvollziehen. "Vor Kurzem war ich in Essen. Auf den Spielplätzen dort habe ich Geräte gesehen, die gibt’s hier seit DDR-Zeiten nicht mehr." Auch vielen Straßen und Häuserfassaden dort sehe man an, dass lange nichts gemacht worden sei. "Schwerin ist dagegen wirklich schön", sagt sie. "Aber abends um acht werden hier die Bürgersteige hochgeklappt."

Nach der Wende rechnete sich die Produktion von Lederwaren, Plastmaschinen und Hydraulikanlagen in Schwerin nicht mehr - 10 000 Jobs fielen weg. 25 000 Einwohner haben die Stadt seitdem verlassen und sie zur kleinsten Landeshauptstadt Deutschlands gemacht. Gegangen sind vor allem junge Leute. Kein Wunder, findet Passantin Karola Berger. "Was willst du hier werden außer Altenpfleger oder Kellner?" Fast jeder Sechste in Schwerin lebt von Hartz-IV, vier von zehn Kindern sind betroffen.

Heike Ihde kennt viele von ihnen. Die 51-Jährige ist Leiterin von "Future Kids", einer Kindertagesstätte (Kita) in der Plattenbausiedlung Mueßer Holz. Die Fahrt aus der Innenstadt in diese andere Welt kostet 1,50 Euro. 15 Minuten lang ruckelt die Straßenbahn an Plattenbauten vorbei - in allen Größen und Farben. 23 000 Schweriner leben hier auf dem Dreesch, einer Großwohnsiedlung, die mit dem Beginn der 70er-Jahre Stück für Stück aus dem Boden gestampft wurde. Erster Bauabschnitt war der Große Dreesch, es folgten Neu-Zippendorf und Mueßer Holz. "Als sie da ankamen, war wohl kein Geld mehr übrig", meint Ihde. Im Mueßer Holz entstand nur noch das Nötigste: hohe graue Plattenbauten.

In Neu-Zippendorf stehen dazwischen jetzt auch kleinere bunte. Hochhäuser wurden gekappt und saniert - mit Mitteln für den Stadtumbau.

Im Mueßer Holz ist das anders. Hier stehen die grauen Riesen noch. "Klein-Moskau" nennen die Schweriner die Gegend, in der viele Russlanddeutsche leben. "Wer es sich leisten kann, schaut, dass er wegkommt", sagt ein Bewohner. Dass zwischen Riesenbauten und Brachland nun ein 3,3 Millionen Euro teurer bunter Kita-Würfel steht, in dem Kinder von deutsch- und englischsprechenden Erziehern betreut werden, Frühstück und Mittagessen bekommen und durch Forscher-, Turn- und Bastelräume tollen, kann dem Viertel helfen, glaubt Chefin Heike Ihde: "Wir zeigen den Leuten, dass auch ihre Kinder Perspektiven haben."

Auf die hofft die Oberbürgermeisterin auch für Schwerin als Ganzes. Der Konzern Nestlé hat angekündigt, 450 Jobs zu schaffen. Vielleicht locken die ja einige junge Leute zurück. Doch auch dann, betont Angelika Gramkow, müsse das Geld aus dem Solidarpakt fließen: "Wir brauchen es, um mit Arbeitslosigkeit und explodierenden Sozialkosten fertig zu werden." Dass auch das Ruhrgebiet Unterstützung nötig hat, glaubt sie. "Die Ursache für die Probleme dort liegt aber nicht bei uns."

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