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Waldkindergarten Selmsdorf : Goldsandschürfen am Elefantenbaum

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Anlässlich des „Tags des Baumes“ startet heute im Nordosten eine Kampagne für mehr Natur- und Waldkindergärten. In Selmsdorf erleben die Kinder täglich, wie spannend ein Kindergarten im Wald sein kann.

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erstellt am 23.Apr.2012 | 09:35 Uhr

Selmsdorf | Es ist frisch an diesem Vormittag. Nur vereinzelt blinzeln schwache Sonnenstrahlen durch die blassgraue Wolkendecke. Ein paar Regentropfen haben den Waldboden betupft. Dem vierjährigen Lovis ist nach dem kleinen Fußmarsch zum Elefantenbaumplatz trotzdem so warm, dass er seine Jacke abstreift. Elefantenbaum - so heißt die alte Buche mit den tiefen, weit verzweigten Ästen, auf der er und die anderen Kinder des Waldkindergartens in Selmsdorf so gerne klettern.

Heute rennt Lovis jedoch mit Elias, Ludwig und Paul schnurstracks zu dem kleinen selbstgebauten Stocktipi in der Nähe des Baums. "Hier dürfen nur Kinder rein", verkünden die Kleinen stolz, verschwinden in ihrer Holzhöhle - und haben sogleich eine Spielidee. "Wir kochen", schlägt der sechsjährige Elias vor. Schnell werden aus Blättern Nudeln, Mooshäufchen dienen als Kräuter, winzige Ästchen als Tomatenmark. Alles zusammenrühren - fertig ist das Fantasiegericht.

Ein paar Meter weiter sind Emilia und Jula schon in Goldgräberstimmung. Auf einer sandigen Baumwurzel schürfen die Mädchen "Goldsand", wie sie erzählen. Mathilda hat in der Zwischenzeit einen ganz anderen Schatz geborgen. Das bizarre Totholzgebilde sieht aus wie ein Dinosaurierknochen, findet die Fünfjährige.

Selbstgemachtes Spielzeug

"Es ist schön zu sehen, wie die Kinder ihre Fantasie einsetzen", sagt Erzieherin Nicole Hennecken. Ein Stock, der eben noch ein Stück Kuchen war, dient ein paar Minuten später als Flugzeug. Vorgefertigtes Spielzeug ist im Waldkindergarten dagegen Mangelware. Zum Basteln werden Naturmaterialien benutzt. "Die Kinder kommen mit wenig aus und wissen Kleinigkeiten zu schätzen", sagt die 43-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Lars Göring und Praktikantin Hanna Sager betreut sie derzeit die Gruppe mit 15 Jungen und Mädchen im Alter von drei bis sechs Jahren.

Lehmbackofen und Waldklavier

Vor allem aber lernt der Nachwuchs, die Natur zu verstehen und achtsam mit ihr umzugehen, wie Nicole Hennecken betont. Denn das ist eines der Hauptziele des christlich geprägten Waldkindergartens: Die Kinder sollen die Chance bekommen, eine natürliche Beziehung zu ihrer Umwelt und zu sich selbst aufzubauen. In einer Mischung aus Wald- und Waldorfpädagogik spielen und lernen sie im Rhythmus der Jahreszeiten. Warum sieht der Wald im Sommer anders aus als im Winter? Welche Pflanzen bringt der Frühling zum Vorschein? Warum fallen im Herbst die Blätter von den Bäumen?

Um die Antworten hautnah mitzuerleben, verbringen die Kleinen fast jeden Vormittag im Freien. Montags und freitags bleiben sie auf ihrem Waldplatz am Bauwagen, an dem es auch Toiletten gibt. Hier können sie malen, schnitzen, filzen, gemeinsam gärtnern, kochen und essen. Lagerfeuerstelle, Kletter stämme, Baumsofa, Waldklavier, Lehmbackofen, Gemüse- und Kräuterbeete - seit Gründung des Kindergartens im Jahr 2007 durch eine Elterninitiative ist hier ein liebevoll gestaltetes Areal erwachsen. Dienstags bis donnerstags sucht die Gruppe ausgewählte Orte im Wald auf, an denen es viel zu entdecken gibt. Nach ihrer Rückkehr zum Mittagessen werden die Kinder dann gegen 14 Uhr abgeholt.

Nur wenn es stark regnet oder zu kalt ist, verlagern sich die Aktivitäten in den Bauwagen mit Heizofen. Ab Windstärke sieben oder minus sieben Grad gibt es außerdem noch eine Ausweich einrichtung im Nachbarort Paling. Leichter Regen macht den Kindern dagegen gar nichts aus, wie Lars Göring beobachtet hat. Im Gegenteil. "Es tut ihnen gut, viel an der frischen Luft zu sein", weiß der Erzieher, der es selbst genießt, so viel Zeit mit den Jungen und Mädchen in der Natur verbringen zu können. "Eine wunderschöne Arbeit", meint der 40-Jährige. Auch Hanna Sager hat sich ihren Praktikumsplatz gezielt ausgesucht. Es sei erstaunlich, wie viel Wissen die Kinder innerhalb kürzester Zeit über die Natur ansammelten, zeigt sich die 19-Jährige beeindruckt.

Warteliste wird länger

Damit haben sie vielen Gleichaltrigen etwas voraus, die den Bezug zu Flora und Fauna längst verloren haben. Sie können zwar mit der Computermaus umgehen, fürchten sich aber vor echten Tieren. Sie wissen nicht, wo ihr Essen herkommt und wie sie Kleinigkeiten selbst herstellen können. Doch das wollen nun offenbar immer mehr Eltern ändern. Nach anfänglicher Skepsis bei manchen Bewohnern aus der Region ist die Warteliste für den Selmsdorfer Kindergarten inzwischen so lang, dass die Gruppengröße ab Sommer aufgestockt werden soll, wie Nicole Hennecken berichtet. Spätestens dann könnte der Kindergarten auch einen weiteren kleinen Bauwagen für Materialien benötigen, ergänzt ihr Kollege. Auch Holzspenden seien immer willkommen.

Äste sind nachgiebiger als Metallstangen

Einige Eltern hatten sich ursprünglich wegen möglicher Verletzungsgefahren im Wald gesorgt. Tatsächlich passiere hier jedoch weniger als auf einem künstlich angelegten Spielplatz, versichern die Erzieher. Äste sind nachgiebiger als Metallstangen. Durch das regelmäßige Spielen im Freien würden die Kleinen außerdem schnell ein sicheres Gespür für ihren Körper und seine Grenzen entwickeln.

Das mag man glauben, wenn man sieht, wie lebhaft und vorsichtig zugleich Jess, Ludwig und Josephine an den Seilen herumturnen, die sie mit den Erziehern zwischen zwei Bäumen gespannt haben. Die Stämme haben sie zuvor mit Matten abgedeckt. "Baumschutz geht vor", sagt Nicole Hennecken. Klar, dass sich der Kindergarten auch in diesem Jahr wieder am "Tag des Baumes" beteiligen will. Gemeinsam mit dem Förster soll am Mittwoch der Baum des Jahres 2012, die Europäische Lärche, gepflanzt werden.

Doch jetzt heißt es erst einmal Rückmarsch zum Mittagessen. "Eins, zwei, drei, Kinder kommt herbei", ruft Lars Göring. Mira zeigt ihm stolz den Inhalt ihrer umgedrehten Mütze: Sie hat ein paar Pflänzchen gesammelt, die sie später trocknen will. Luis, Paul und die anderen schultern derweil ihre Rucksäcke. Aus einigen ragen neue Schätze aus dem Wald heraus. Daraus lässt sich bestimmt noch etwas machen.

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