"Gibt keine protestfreie Zone"

Karsten Rudolph
Karsten Rudolph

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17. Februar 2011, 07:44 Uhr

Karsten Rudolph ist Privatdozent der Ruhr-Universität Bochum für Neue und Neueste Geschichte am Zentralinstitut für soziale Bewegungen und soziale Geschichte. Mit ihm sprach Annika Kiehn über Atomkraft-Gegner in MV.

Herr Rudolph, Experten sagen, in Lubmin sei kein großer Widerstand zu erwarten aufgrund mangelnder Protest-Strukturen vor Ort und dem unrebellischen DDR-Gemüt der Anwohner. Heißt das, dass Lubmin nun unbehelligt zum Sammellager für europäischen Atommüll wird?

Ich möchte mich mit festen Prognosen zurückhalten, wie sich die weiteren Proteste entwickeln werden. Nur so viel: Die innerdeutschen Bewegungen der Jahre 89/90 zeugen doch davon, dass die Bevölkerung im Osten unseres Landes durchaus eine gewisse Protesterfahrung hat und weiß, dass es sich lohnen kann, sich für etwas einzusetzen. Zudem gibt es heute mehr Mobilität. Der Austausch zwischen Ost- und West-Deutschen ist viel größer geworden. Die Probleme sind ja nicht so isoliert wie die Orte, an die sie gebracht werden. Daher mischen sich auch Menschen ein, die nicht in unmittelbarer Nähe leben. Das Beispiel Heiligendamm zeugt ebenfalls davon, dass politisch wichtige Entscheidungen auch an den abgelegensten Orten mit massivem Widerstand rechnen können. Und wer hätte gedacht, dass die sonst so besonnenen Stuttgarter zu solch dauerhaften Protesten neigen würden. Zwischen der Ostsee und den Alpen gibt es keine protestfreie Zone mehr.

Protestforscher sagen, Lubmin wird kein zweites Gorleben. Eine vorschnelle Beurteilung?

Auch die Proteste in Gorleben fingen einmal klein an. Zunächst wurden die Berufsprotestler und Aktivisten dort auch nicht von der Politik für voll genommen. Als sich dann aber auch die umliegende Bevölkerung eingemischt hat, waren alle überrascht. Mit einer solchen Anti-Atombewegung hätte niemand gerechnet. Da hieß es: ,Warum machen die Deutschen das? Das macht doch sonst keiner. Ähnlich kann man die derzeitige Entwicklung in Lubmin sehen. Ob die in den Kinderschuhen stecken bleibt, wird sich zeigen. Und: nicht immer, wenn ein Journalist eine Kamera aufstellt, müssen zwingend 10 000 Menschen protestieren. Vielleicht waren mehr vor Ort, als es in den Medien rüberkam.

Sind die Lubminer zurückhaltender, weil sie durch das Kernkraftwerk mit der Materie bereits vertraut sind?

Das mag sein. Die Verlagerung von Atomenergie aufs Platte Land als Modernisierungsimpuls zu verkaufen ist nichts Neues. Mit Arbeitsplätzen und allerhand Subventionen haben diese Landkreise viel davon profitiert. Aber ich denke, es wird genug Impulse von außen geben.

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