Finanz-Wissen: Serie rund ums Geld : Geldanlagen sollten einfach sein

Dem Auf und Ab an der Börse misstrauen immer mehr deutsche Privatanleger: Gut 600 000 von ihnen  haben den Börsen im vergangenen Jahr den Rücken zugekehrt.
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Dem Auf und Ab an der Börse misstrauen immer mehr deutsche Privatanleger: Gut 600 000 von ihnen haben den Börsen im vergangenen Jahr den Rücken zugekehrt.

Neue Serie unserer Zeitung / Zwischen Zinssenkungen und Börsen-Hype: Ziele sind wichtiger als Renditen, meint Finanzexperte Andreas Borsch

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21. Juli 2014, 11:45 Uhr

Das Zinsniveau ist im Keller, die Börse schwer berechenbar und die Produkte der Banken und Versicherungen werden immer vielfältiger: Viele Verbraucher blicken auf dem Finanzmarkt kaum noch durch. Mit unserer neuen Serie „Finanz-Wissen“ wollen wir in den kommenden Wochen mehr Klarheit schaffen. Gemeinsam mit dem Finanzexperten und Honorarberater Andreas Borsch aus Schwerin werden wir künftig montags auf den Ratgeber-Seiten verschiedene Anlageformen beleuchten und Tipps zum privaten Geldmanagement geben. Honorarberatung heißt, dass Berater keine Provisionen von Produktanbietern, sondern Honorare von den Verbrauchern erhalten. Zum Auftakt erklärt Borsch im Gespräch mit Angela Hoffmann, wo generelle Fallstricke bei Anlage-Entscheidungen lauern und welche gesetzlichen Änderungen es bei der Beratung gibt.

Das Zinsniveau befindet sich im Keller: Lohnt es sich überhaupt noch zu sparen?
Die derzeitig am Markt erzielbaren Renditen sollten nie ein Grund für Anlageentscheidungen sein. Vielmehr hängt die Entscheidung, ob, wie viel und wie gespart wird, von der derzeitigen Lebens- und Einkommenssituation und insbesondere von den Zielen des Sparers und seiner Anlagementalität ab. Hier werden in der Regel die meisten Fehler gemacht. Keiner würde sich einen Anzug oder ein Kleid nur deswegen kaufen, weil es gerade Mode ist, wenn die Größe, der Stil oder die Farbe nicht zu einem passen. Die persönliche Risikobereitschaft spielt hierbei eine erhebliche Rolle. Risiken werden von vielen Anlegern falsch bewertet. Nichts anzulegen und auf „bessere“ Zeiten zu hoffen, ist genauso eine Spekulation in die Zukunft wie eine Anlage in Aktien.
Welche Anlageformen sind gar nicht mehr sinnvoll?
Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Es gibt viele gute Anlagen, die jedoch nicht zu jedem Anleger passen. Aufpassen sollte man bei teuren Kombinationsprodukten wie Kapitalbildenden Lebensversicherungen, Fondspolicen, Bausparverträgen und komplexen Produkten wie Zertifikaten und Beteiligungen. Anlagen, die man nicht versteht, sollte man nicht kaufen.
Was ist vernünftiger?
Einfache und flexible Geldanlagen mit geringen Kosten wie Tagesgelder oder Festzinsangebote bei Direktbanken und sogenannte ETF´s (passiv gemanagte Fonds) bei Depotanlagen. Den höchsten und sichersten Ertrag bringt die Tilgung der eigenen Schulden.
Was sind die häufigsten Fehler bei der privaten Finanzoptimierung?
Viele Bürger fällen finanzielle Entscheidungen überstürzt und achten nicht auf die Wechselwirkungen der jeweiligen Anlage mit anderen Finanzentscheidungen. Sie hören auf den Rat von Verwandten oder Freunden und laufen dabei Gefahr, deren Erfolge, Misserfolge oder Vorurteile als Grundlage für eigene Entscheidungen zu nehmen. Wie man selbstbewusst mit den eigenen Finanzen umgeht, muss das Ziel einer jeden Beratung sein. In vielen Finanzhaushalten schlummern hohe Reserven, da Anlagen getätigt, oder Versicherungen und Finanzierungen abgeschlossen wurden, die nicht zu einem passen, zu teuer oder ineffizient sind.
Vom 1. August an gelten neue Regeln zur Honorarberatung. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Änderung für die Verbraucher?
Mit dem Honoraranlageberatungsgesetz hat der Gesetzgeber versucht, den Begriff der unabhängigen Beratung zu schützen. Zukünftig darf sich nur der als unabhängiger Berater bezeichnen, der vom Produktgeber keinerlei Provisionen kassiert. Das wird viele Banken und Vertriebsstrukturen, die mit dieser angeblichen Unabhängigkeit werben, in Erklärungsnöte bringen. Leider greift das Gesetz aus meiner Sicht viel zu kurz. Die für uns Honorarberater wichtige Einführung des generellen Provisionsverbotes (wie in Teilbereichen in Skandinavien und England bereits umgesetzt) bzw. die Offenlegung der Gesamtkosten bei Versicherungen wurden dagegen leider nicht verankert.

Banken und Versicherungen kritisieren, dass bei einer flächendeckenden Einführung der Honorarberatung breite Bevölkerungsgruppen von der Beratung ausgeschlossen werden...

Das ist falsch und richtig zugleich. Im Gegenzug muss man fragen, wie denn diese Bevölkerungsgruppen bisher die ganzen Banken- und Vertriebsstrukturen bezahlen konnten? Durch Provisionen. Und die sind oft sehr üppig. So kostet die Anlage von 10 000 Euro in einen Aktienfonds in der Regel 5 Prozent (500 Euro) Ausgabeaufschlag und jedes Jahr bis zu 1,5 Prozent (150 Euro) versteckte Bestandspflegeprovisionen. Das sind in fünf Jahren gut 1200 Euro reine Vertriebskosten. Bei anderen Finanzprodukten sieht es ähnlich aus. Die meisten Anleger wissen das jedoch nicht. Deshalb plädieren wir für eine 100-prozentige Transparenz der Kosten.


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