Landesarbeitsgemeinschaft sucht nach neuem Partner : Geld fehlt: Aus für Selbsthilfe-Chats

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„Die Online-Beratung mittels Gruppen- bzw. Einzelchats wird zum 1.1.2014 vorerst eingestellt, da die Finanzierung nicht mehr gegeben ist“.

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15. Dezember 2013, 21:30 Uhr

Die roten Zeilen auf der Startseite des Internetauftritts der Selbsthilfe-Kontaktstellen www.selbsthilfe-mv.de stechen sofort ins Auge: „Die Online-Beratung mittels Gruppen- bzw. Einzelchats wird zum 1.1.2014 vorerst eingestellt, da die Finanzierung nicht mehr gegeben ist“, heißt es da, und hinter dem Stichwort Online-Beratung „nur noch bis 31. 12. 2013“.

Depressionen, Mobbing, Essstörungen, ADHS, Ängste, sexuelle Gewalt… – die Bandbreite der Themenchats, die die Selbsthilfe-Kontaktstellen des Landes für Gruppen oder auch einzelne Ratsuchende organisiert haben, ist groß. Und sie ist, wie das gesamte Chat-Angebot, bundesweit einmalig. „Alle anderen, das ist zumindest mein Eindruck, bieten Foren an“, erklärt Sabine Klemm, Vorstandsvorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Selbsthilfekontaktstellen (LAG) und Leiterin der Kontaktstelle in der Landeshauptstadt.

Als 2006 in Mecklenburg-Vorpommern die ersten Chats angeboten wurden, war die Landesarbeitsgemeinschaft der Selbsthilfe-Kontaktstellen damit voll auf der Höhe jener Zeit. „Es war damals innovativ und wegweisend, gerade im Hinblick auf Selbsthilfemöglichkeiten in unserem Flächenland, wo es nicht allen Interessierten möglich ist, regelmäßig zu Treffen von Selbsthilfegruppen zu fahren“, so Sabine Klemm. Inzwischen sei die Entwicklung im Internet natürlich viel weiter vorangeschritten, und Nutzergewohnheiten hätten sich geändert. Dennoch gelte unverändert, dass das Angebot niedrigschwellig sei. Und es würde auch junge Leute an die Selbsthilfe heranführen, die man über andere Medien nicht erreicht. Klemm zufolge bieten Chats zudem nach wie vor gegenüber Foren viele Vorteile: „Sie sind ein geschützter Raum, in dem man anonym seine Fragen zu sensiblen Themen loswerden kann, ohne dass Unbefugte mitlesen.“ Auch der Datenschutz könne hier garantiert werden – in Foren sei das nicht immer der Fall. Diese hätten dafür den Vorteil, dass sie im Unterschied zu den Selbsthilfe-Chats 24 Stunden am Tag erreichbar sind.

Thematisch hat die LAG im Laufe der Jahre eine Menge ausprobiert – und auch Lehrgeld gezahlt. „Einige Themen gingen gar nicht, ADH zum Beispiel oder Stressbewältigung“, so die LAG-Vorstandsvorsitzende. Sucht oder Mobbing seien dagegen Themen, die auch nach Jahren noch sehr stark nachgefragt würden.

Dass das Angebot der Selbsthilfe- Chats jetzt – zumindest vorübergehend – eingestellt wird, sei in erster Linie eine Frage des Geldes, so Sabine Klemm. Einzelne Krankenkassen hätten sich zwar mit einer Anschubfinanzierung am Projekt beteiligt, schon seit Jahren hätte aber die Rentenkasse den Hauptteil der finanziellen Last getragen.

„Sie hat uns nun vor wenigen Wochen informiert, dass sie zum Jahresende die Zahlung einstellt“, so die LAG-Vorsitzende. Über die Gründe könne sie nur Vermutungen anstellen. Möglicherweise hätte es damit zu tun, dass es Hauptanliegen der Rentenversicherung bei derartigen Projekten ja sei, zu verhindern, dass jemand aus dem Arbeitsleben ausscheiden und in Rente gehen muss. Das decke sich aber nicht mit allen Chat-Themen. Und bestimmte Altersgruppen auszuschließen sei weder gewollt noch möglich. Klemm verhehlt aber auch nicht, dass es in letzter Zeit Probleme mit dem professionellen Betreiber der Plattform gab, über die die Chats abgewickelt werden. „Seit es dort einen Personalwechsel gab, hatten wir beispielsweise keine persönlichen Ansprechpartner mehr“, nennt sie nur ein Beispiel.

Nun sucht die LAG neben einem neuen Geldgeber auch eine neue Betreiberplattform – „denn weitermachen wollen wir unbedingt“, betont Klemm. Vielleicht könne eine einzelne Krankenkasse davon überzeugt werden, ein exklusives Projekt mit der LAG zu vereinbaren, hofft sie. Allerdings: „Die Pauschalförderung der Kassen, die wir für unsere Online-Chats nicht nutzen dürfen, ist schon sehr hoch.“ Ratsuchende sollen aber auch in dieser Phase der Neuorientierung nicht völlig im Regen stehen. „Zum einen gehört zu unserem Online-Angebot nach wie vor die Datenbank mit den Kontaktdaten von mehr als 600 Selbsthilfegruppen im ganzen Land“, so Sabine Klemm. „Andererseits können über das Kontaktformular auf der Seite nach wie vor Fragen gemailt werden. Wir leiten sie dann zur Beantwortung weiter.“

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