Gegen den Strom, für die Freiheit

<strong>Mahnung</strong>: Gauck (l.), Ministerpräsident Erwin Sellering am Sonnenblumenhaus in Rostock
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Mahnung: Gauck (l.), Ministerpräsident Erwin Sellering am Sonnenblumenhaus in Rostock

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18. März 2013, 10:09 Uhr

Das Urteil der Bürger ist deutlich. Glaubt man den Meinungsumfragen, ist die Mehrheit der Deutschen mit dem Staatsoberhaupt zufrieden oder gar sehr zufrieden. Ein Jahr nach seiner Wahl scheint Joachim Gauck seinen gescheiterten Vorgänger Christian Wulff vergessen gemacht und das höchste Staatsamt wieder in ruhigere Bahnen geführt zu haben. Der 73-jährige DDR-Pfarrer und frühere Bürgerrechtler ist beliebter als die Kanzlerin.

Den ersten Jahrestag nach seiner Wahl am 18. März 2012 wird Joachim Gauck nicht etwa in seinem Amtsitz Schloss Bellevue feiern, sondern im fernen Äthiopien bei einem Staatsbesuch verbringen.

Erst im zweiten Anlauf war Gauck Präsident geworden, knapp zwei Jahre zuvor noch an Wulff gescheitert, der schließlich über seine Affären stolperte. Schnell ist Gauck in seine Rolle als Bürgerpräsident, wie er es formuliert hatte, hineingewachsen. Er freue sich, dass es ihm gelinge, mit vielen Bürgern in Kontakt zu kommen, sie zu gesellschaftlichem Engagement zu ermuntern, erklärte das Staatsoberhaupt in einem Interview für die deutschen Obdachlosen-Straßenzeitungen. "Wenn ich erlebe, dass die Bürgergesellschaft stärker wird, dann macht mich das glücklich."

Nicht Kritiker der Parteien und des Politbetriebes wolle er sein, sondern vielmehr eine Art Übersetzer zwischen der operativen Politik und den Bürgern, beschrieb der Präsident sein Amtsverständnis. Zuhören, debattieren, motivieren, lautet seine Devise. Doch die anfängliche Euphorie über den Neuen an der Spitze des Staates ist deutlich zurückgegangen.

Die Sympathien und Herzen fliegen Gauck scheinbar zu. Seine ersten Wochen und Monate - geradezu ein Traumstart. Wortgewaltig, frei und unbequem startete Gauck ins neue Amt, sorgte dafür, dass es schnell wieder aus den Negativschlagzeilen der Wulff-Affäre herauskam.

"Was für ein schöner Sonntag!", war er am Tag seiner Wahl in der Bundesversammlung frisch, unbeschwert und optimistisch ins Amt gestartet. "Bürger Gauck" wolle er auch in der neuen Funktion ein wenig bleiben, versicherte das Staatsoberhaupt damals. Wo er auftritt, macht er eine souveräne Figur. Beim Antrittsbesuch in Polen wird der "Freund der Freiheit" wie ein guter alter Vertrauter empfangen, die Visite ist die erste gelungene Prüfung für ihn. Viel Lob auch für seinen schwierigen Auftritt in Israel: "Vergiss nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften", lauten seine Worte, die er in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem zu Papier bringt.

Als er Merkels Formulierung von der Sicherheit Israels als Teil deutscher Staatsraison hinterfragt hatte, und auf Distanz zur Kanzlerin geht, eckt er damit daheim zwar an, doch ohne Folgen. Weder versucht er sich bei Merkel & Co. anzudienen, noch redet er denen nach dem Mund, die ihn auf den Schild für das Präsidentenamt gehoben haben.

Als er die Äußerung seines Vorgängers Wulff relativiert, der gesagt hatte, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre, ist man in den Reihen von SPD und Grünen nur wenig begeistert. "Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland", stellt Gauck klar und erhält vor allem Beifall aus der Union.

Ähnliche Reaktionen, als er beim Antrittsbesuch bei der Bundeswehr den "Mut-Bürger" in Uniform lobt und mit der Hand an der Fahne das Hohelied auf die Truppe anstimmt. "Für diese unsere Bundeswehr bin ich dankbar."

Trost und menschliche Wärme in der Stunde machtpolitischen Kalküls. Gauck war es auch, der mit seiner frühen Absage eines Besuches in der Ukraine das Schicksal der dort inhaftierten Ex-Regierungschefin Timoschenko noch stärker ins öffentliche Bewusstsein rückte.

Seine Worte sind nicht die seines Apparates, nicht die eines herkömmlichen Politikers. Der Theologe, Bürgerrechtler, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Buchautor und Vortragsreisende macht es seinen Redenschreibern mitunter schwer, bedient sich zwar aus ihrem Repertoire, verlässt sich oft aber auf seine Gabe.

"Ich bin in einem Prozess, mich selbst zu definieren", hatte Gauck bei Amtsantritt eingestanden. Ein Prozess, der auch nach einem Jahr noch längst nicht abgeschlossen zu sein scheint. Auch wenn der Ostdeutsche gerade wegen seiner Vita als Apologet der Freiheit gilt, so hat er - Freiheit hin oder her - das bestimmende Thema für seine Präsidentschaft noch nicht gefunden.

Seine mit Spannung erwartete und sorgfältig inszenierte Europa-Rede, nachdem er der Kanzlerin vorgeworfen hatte, die Euro-Krise nicht ausreichend zu erklären, war schnell versendet. Eine wirklich große Rede lässt auf sich warten.

Kritik und Gegenwind, als er bei seinem Antrittsbesuch in Brüssel quasi das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Euro-Rettungsschirm vorwegnehmen zu wollen schien, oder als er FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle in einem Interview gegen Sexismusvorwürfe in Schutz nahm und von einem "Tugendfuror" sprach. Worte gegen den Strom - eine Freiheit, die sich Gauck wohl auch in Zukunft nicht nehmen lassen dürfte.

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