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Aktion am Welthebammentag : Geburt im Rettungswagen?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mütter und Geburtshelferinnen setzen sich für selbstbestimmte und sichere Geburt ein

svz.de von
erstellt am 05.Mai.2015 | 20:45 Uhr

Es ist der Albtraum jeder werdenden Mutter: Sie kommt nicht mehr rechtzeitig in die Entbindungsklinik, muss ihr Kind im Rettungswagen auf die Welt bringen. „Leider wird dieser Albtraum für immer mehr Frauen auch in Mecklenburg-Vorpommern Realität“, weiß Michaela Skott von der Elterninitiative „Mother Hood“. Beinahe wöchentlich gebe es neue Fälle, unlängst sogar zwei an einem Tag. Der Grund: Längst nicht mehr jede Frau könne in den zulässigen 20 bis 30 Minuten eine der 17 geburtshilflichen Stationen im Land erreichen. So steige die Zahl außerklinischer Geburten – gewöhnlich zwei Prozent – in letzter Zeit deutlich an.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung wolle ab Oktober außerklinische Geburten nur noch bis zum Tag nach dem errechneten Geburtstermin bezahlen. Das würde die Situation weiter verschärfen, so Skott. Einerseits würde es das Wahlrecht der Frauen einschränken. Es würde aber auch dazu führen, dass in Kliniken vermehrt Geburten eingeleitet bzw. Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt geholt würden. Denn eine längere Schwangerschaft würde als medizinisches und damit als Haftpflichtrisiko angesehen werden. 60 Prozent aller Kinder aber kämen erst nach dem errechneten Termin zur Welt, das sei ganz normal, so Skott.

Den gestrigen Welthebammentag nutzte die Elterninitiative, um ihre Sorgen öffentlich zu machen und für ihre Petition für eine selbstbestimmte und sichere Geburt zu werben (www.change.org/elternprotest). Hebammen wie Jessica Schröder machten zugleich auf die Existenznöte ihres Berufsstandes aufmerksam. Seit 2008 arbeitet die Schwerinerin freiberuflich. Allerdings: „Im vergangenen Jahr habe ich schweren Herzens die Geburtsbegleitung, das Kernstück meiner Arbeit, aufgeben müssen. Eine systembedingte, keine freiwillige Entscheidung“, betont sie. Sie habe selbst zwei Kinder, da könne sie nur noch zwei Frauen pro Monat auch während der Geburt in der Klinik begleiten. Das aber verursache mehr Kosten, als es einbringe: Gerade einmal 300 Euro hätte sie als Beleghebamme pro Geburt bekommen – vor Steuern. Auch die Versicherungsbeiträge musste sie aus ihren Einnahmen bestreiten - allen voran die Berufshaftpflicht, für die im vergangenen Jahr bereits über 5000 Euro fällig wurde. Und ab 2016 soll es gar keinen Haftpflichtschutz mehr für Hebammen geben.

Immer mehr freiberufliche Hebammen ziehen sich aus eben diesen Gründen aus der aktiven Geburtshilfe zurück. „Ab Juli wird es in Crivitz keine Beleghebamme mehr geben. Und in Schwerin wird ab Januar nur noch eine einzige außerklinische und Beleggeburten betreuen“, zählt Michaela Skott auf. Das Recht der Frauen, Geburtsort und -art frei zu wählen, sei dadurch enorm eingeschränkt.

Auch Peggy Ellmerich aus Schwerin empfindet das so. Sie erwartet ihr zweites Kind und wünscht sich eine Bezugshebamme, die sie nicht nur während der Schwangerschaft und im Wochenbett, sondern auch direkt bei der Geburt begleitet. Doch würden in Schwerin gerade noch zwei Hebammen diese Rundumbetreuung anbieten. Die, für die sie sich entschieden habe, machte aber ausgerechnet dann Urlaub, wenn ihr Kind kommen soll. „Schlimmstenfalls werde ich wieder eine von vier Frauen sein, um die sich die Klinikhebamme gleichzeitig kümmern muss“, befürchtet Peggy Ellmerich .

Auch Silke Gajek, sozialpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, findet derartige Zustände unhaltbar. Ihre Fraktion werde einen interministeriellen runden Tisch zum Thema Geburtshilfe anregen, erklärte sie. Ziel müsse ein flächendeckendes Netz von Geburtskliniken und Hebammen sein – erreichen ließe sich das aber nur über eine grundlegende Änderung des Vergütungssystems und eine Haftungsfreistellung.

 

 

 

 

 

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