Gesellschaftliches Engagement : Fürs Ehrenamt den Job verloren

Im Katastrophenfall geht es nicht ohne Ehrenamtler.
Im Katastrophenfall geht es nicht ohne Ehrenamtler.

Freiwillige Helfer werden vielerorts händeringend gesucht – doch Träger wie das DRK wissen: Der Arbeitgeber muss mitspielen

von
09. November 2015, 21:00 Uhr

Hartmut G. versteht die Welt nicht mehr: Weil er sich ehrenamtlich in der Medical Task Force des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) engagiert und sich dort berufsbegleitend zum Rettungssanitäter ausbilden lässt, hat er seinen Arbeitsplatz verloren. Davon ist der 53-Jährige, der bei Ludwigslust wohnt, überzeugt. Belegen kann er es allerdings nicht, denn er befand sich im letzten Monat seiner Probezeit, als ihm die Geschäftsführung mitteilte, dass er seine Sachen packen könne. Begründen musste sie die Kündigung deshalb nicht. Zeitlich fiel das zusammen mit einem Antrag auf Freistellung, den Hartmut G. in der Hagenower Firma abgegeben hatte: Zur Rettungssanitäterausbildung gehört ein mehrwöchiges Praktikum, für das er im Ludwigsluster Stift Bethlehem einen Platz bekommen hat. Dafür wollte er freigestellt werden – schließlich hatte er schon im Einstellungsgespräch auf sein Engagement in der MTF hingewiesen und damals schriftlich bestätigt bekommen, dass man ihn dabei unterstützen wollte.

Laut Landes-Katastrophenschutzgesetz, so Hartmut G., müsste er für dieses Praktikum wie auch für andere Ausbildungsbestandteile sogar bezahlt von der Arbeit freigestellt werden. Der Arbeitgeber hätte dann Anspruch darauf, sich den Ausfall erstatten zu lassen. Auch darauf hätte er seine Firma aufmerksam gemacht – doch leider hätte er beim DRK keine Informationen darüber bekommen, wo diese Erstattung zu beantragen ist.

Hier steht Aussage gegen Aussage. „Lohnersatzleistungen sind nicht in der breiten Masse möglich, aber durchaus im Einzelfall“, erklärt DRK-Landesgeschäftsführer Hans-Peter Schultz. Darüber seien die ehrenamtlichen Helfer auch informiert worden. Und: Nachdem G. beim DRK seine Probleme mit dem Arbeitgeber geschildert hatte, habe er selbst sich dorthin gewandt, aber keine Rücknahme der Kündigung erreichen können.

Laut Innenministerium zahlt das Land – neben dem Bund und dem DRK selbst, die sich ebenfalls an den Kosten beteiligen – jährlich eine Vorhaltepauschale in Höhe von rund 287 000 Euro für die MTF. 163 000 Euro davon dienen zur Deckung helferbezogener Kosten und damit auch von Lohnausfallkosten. Bei voller Sollstärke stünden allerdings pro Helfer und Jahr nur 316 Euro zur Verfügung.

Er bedauere den Arbeitsplatzverlust von Herrn G., sagt Schultz, betont aber auch: „Wir haben das immer mal wieder. Das ist kein Einzelfall.“ Das DRK freue sich über jeden Freiwilligen, der seine Einsatzkräfte unterstützen wolle – „aber man braucht auf der anderen Seite auch immer ein gewisses Entgegenkommen der Arbeitgeber“. Das Dilemma sei, dass das Landes-Katastrophenschutzgesetz nicht nur den Anspruch der Helfer auf eine bezahlte Freistellung regele, sondern – sogar im selben Paragrafen – auch vorschreibe, mit Rücksicht auf bestehende Arbeits- und Dienstverhältnisse der Helfer Übungen und Ausbildungsveranstaltungen möglichst in die arbeitsfreie Zeit zu legen.

Das gelinge auch größtenteils, so Schultz. Bei Lehrgängen wie dem zum Erwerb der Rettungssanitäter-Qualifikation orientiere man sich an den Teilnehmern. „Wenn sie sagen, dass sie in der Woche arbeiten, machen wir das an Wochenenden, sonst auch mal im Block.“ Praktika allerdings müssten in der Woche stattfinden, und das ginge nicht ohne Freistellung von der Arbeit.

Allerdings sei längst nicht immer eine so (zeit-)aufwändige Ausbildung der Ehrenamtler nötig. „Wir suchen zum Beispiel auch Logistiker und Kraftfahrer“, so Schultz. Auch Mediziner, die sich zu einer Notarztausbildung entschließen, würden benötigt.

Gegenwärtig hat die MTF 236 Mitglieder. „Bis 2020 soll sie vollständig, gegebenenfalls auch zweifach besetzt sein“, so der DRK-Landesgeschäftsführer. Laut Innenministerium liegt die Sollstärke bei 516 Helfern. Fälle wie der von Hartmut G. machen es aber doppelt schwer, weitere Freiwillige zu gewinnen.

Hartmut G. hofft, bald wieder einen Arbeitgeber zu finden – aus diesem Grund möchte er seinen richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Wobei: Auch diesem Arbeitgeber will und muss er von seinem ehrenamtlichen Engagement erzählen – auch wenn es ihm neues Ungemach bescheren könnte.

Schon, als er sich arbeitslos meldete, gab es wieder Ärger. Er sollte zusichern, dass er bei einer Jobanforderung sofort das Praktikum abbrechen würde. Nur dann wäre die Agentur für Arbeit bereit, ihm Sozialversicherungsschutz für die Zeit des Praktikums zu gewähren. Auf die Frage, was das für seine vertragliche Bindung an die Klinik bedeutet, bekam Hartmut G. keine Antwort. „Tolle Aussichten“, meint er resignierend.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen