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Interview: Landesbischof der Nordkirche : Für Gott gibt es keine Obergrenzen

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie der Landesbischof der Nordkirche christlich-abendländische Werte erklärt – und was er von Pegida und der AfD hält.

svz.de von
erstellt am 30.Dez.2015 | 21:00 Uhr

Egal, ob es die Dresdener Pegida-Demonstranten sind, oder der AfD-Redner im Brandenburger Landtag: Alle berufen sich auf christlich-abendländische Werte. Aber was hat es damit eigentlich auf sich? Und wie sehen die christlichen Kirchen auf diesen Umgang mit ihren Kernthemen? Benjamin Lassiwe sprach darüber mit dem Landesbischof der Nordkirche, Gerhard Ulrich.

Was sind „christliche Werte“?
Ulrich: Christliche Werte gründen in der jüdisch-christlichen Kultur auf der Heiligen Schrift. Entscheidend für sie ist das biblische Menschenbild, das davon ausgeht, dass der Mensch sich nicht selbst erschafft: Gott hat den Menschen als sein Ebenbild erschaffen. Unser Leben ist ein Geschenk, letztlich unverfügbar.

Was heißt das im Alltag?
Daraus wächst die Überzeugung, dass jeder Mensch unabhängig von seiner Leistung eine unantastbare Würde hat. Das hat ja auch Eingang in unser Grundgesetz gefunden. Damit wiederum ist die Überzeugung verbunden, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Taten. So entsteht der christliche Wert der Nächstenliebe.

Wir sind jetzt noch in der Weihnachtszeit – und erinnern daran: Gott wird Mensch in diesem Kind in der Krippe, das kurz danach mit seinen Eltern fliehen muss. Gott kommt herunter zu den Heruntergekommenen, in dem Kind, das in ärmlichsten Verhältnissen zur Welt kommt. Und lässt als erstes sein „Fürchtet euch nicht!“ denen ausrichten, die im Finstern sitzen. Eine Umwertung der Werte der Welt ist Grundlage der christlichen Werte! Die Welt geht nicht auf in dem, was wir können, und auch nicht in dem, was wir haben.

Sind christliche Werte interpretierbar?
Wenn ich von Freiheit und Verantwortung spreche, dann sage ich: Wir sind frei, aber nur, weil wir gebunden sind an das Wort Gottes. „Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist“, heißt es in der Bibel. Wir sind nicht frei, die Schwachen nicht zu achten. Wir wissen genau, was dem Leben dient und was nicht. Das ist nicht interpretierbar.

Jesus hat gesagt: „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ Wenn ich sage, ich bin ein Christ, und mich damit an das Wort Gottes binde, dann sind diese christlichen Werte nicht umzudeuten oder auslegbar.

Was halten Sie davon, dass Pegida Demonstrationen veranstaltet, um an christlich-abendländische Werte zu erinnern?
Das passt natürlich nicht zusammen, aber ich sehe da auch viele Menschen, die voller diffuser Ängste um die eigene Zukunft sind und die in meinen Augen instrumentalisiert und missbraucht werden. Wenn man mit ihnen redet, dann merkt man, vielen geht es nicht um einen Hass gegen Fremde und Flüchtlinge. Sondern viele fühlen sich selbst heimatlos im eigenen Land. Und das sind nicht diejenigen, die stark sind und Erfolg haben. Sie sehen nun, dass ihr Bild von der Welt nicht mit der Realität übereinstimmt.

Wenn aber auf Pegida-Demonstrationen ein Kreuz in Nationalfarben getragen wird, dann ist das purer Zynismus: Jesus Christus ist ans Kreuz gegangen, weil er sich für eine offene Gesellschaft eingesetzt hat. Weil er Integration und Inklusion gelebt hat, als er mit Aussätzigen und Ausgestoßenen aß. Die Pegida-Demonstranten in Dresden schleppen ein Symbol durch die Gegend, das genau das Gegenteil von dem besagt, was sie skandieren und auf ihren Transparenten verbreiten.

Pegida hat die christlichen Werte also nicht verstanden?
Viele Menschen, die dort mitmarschieren, werden nach meiner Ansicht mit ihren diffusen Ängsten missbraucht, und halten das „christliche Abendland“ für einen geschlossenen Kulturraum, der angeblich durch die Fremden gestört werde, so dass sie selbst nicht mehr zurechtkommen würden. So bleiben sie ganz bei sich und übernehmen keine Verantwortung für das Ganze.

Wer vom „christlichen Abendland“ spricht, redet von einem Raum, der ohne die Vielfalt der Kulturen und Religionen überhaupt nicht denkbar ist – zu dem allerdings auch schlimme Erfahrungen des Rassismus und der Ausrottung ganzer Kulturen gehören. Heute wissen wir: das sogenannte christliche Abendland muss Vielfalt als Reichtum, nicht als Störung verstehen.

Was auf den Demonstrationen zu hören ist, lässt darauf schließen, dass die christlichen Werte überhaupt nicht verstanden worden sind. Vielmehr werden Unsicherheit und Ängste durch Hassparolen aktiv geschürt, Flüchtlinge und diejenigen, die sich für sie einsetzen, offen bedroht und die Gesellschaft gespalten. Ich bin nicht sicher, ob alle, die da mitgehen, immer wissen, welch große Verantwortung sie tragen.

Was ist der richtige Umgang mit diesen Ängsten?
Wir müssen diese Menschen mit ihrer Verantwortung konfrontieren. Wir müssen einschreiten, wenn sie gegen Fremde hetzen. Ich stimme dem katholischen Bischof Norbert Trelle aus Hildesheim ganz und gar zu, wenn er sagt: „Wer gegen Flüchtlinge, Fremde, Migranten und Menschen anderer Hautfarbe hetzt, der hat die Kirche gegen sich.“

Und ich stimme der Kanzlerin völlig zu, wenn sie sagt, dass wir die mit den Flüchtlingen verbundene Herausforderung schaffen. Weil wir genug haben, was wir teilen können. Das darf natürlich nicht zu Lasten derer gehen, die bei uns ohnehin schon am Rand stehen. Auch diese Menschen müssen wir in unsere Gesellschaft integrieren.

Hat die Kirche eine Aufgabe, wenn es darum geht, dass Menschen die christlichen Werte nicht verstanden haben?
Man muss sich ja zunächst mal fragen: Woran liegt es eigentlich, dass die jüdisch-christliche Überlieferung der Bibel, deren Inhalte und Geschichten doch immer wieder erzählt werden, so unbekannt sind? Warum ist das Wissen um die eigene Kultur so wenig ausgeprägt?

Ich glaube, das ist die erste Herausforderung: Ein Dialog mit einer anderen Kultur ist nur möglich, wenn ich meine eigene Kultur kenne. Das ist eine riesige Bildungsaufgabe, vor der wir stehen – zum Beispiel eben im Blick auf die jüdisch-christliche Überlieferung der Bibel und das Erbe der Reformation. Unsere Gesellschaft ist bis heute davon geprägt; ihre Grundimpulse sind hochaktuell und werden uns auch in Zukunft helfen, eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz zu gestalten.

Dennoch können wir nicht mehr davon ausgehen, dass sich unsere Werte quasi von selbst weitergeben. Wir dürfen nicht aufhören, von Gott zu erzählen. Wir müssen uns als christliche Kirchen noch stärker in der Öffentlichkeit zeigen, und nicht nur an den gewohnten Orten, an denen man uns zu Recht vermutet – sondern auch im Theater, in einer Fabrikhalle oder in einem Hauptbahnhof. Wir sollten nicht so viel Energie in die Diskussion um eine angebliche Bedeutungslosigkeit des Christentums investieren, sondern uns einmischen, denn es gibt kein unpolitisches Evangelium.

Vertritt die Alternative für Deutschland (AfD) christliche Werte?
Ich rufe allen Menschen, die da mittun, zu: Schaut genau hin! Schaut Euch das Programm an! Hört genau hin, was die Menschen sagen, die für Euch sprechen wollen und prüft, ob das alles mit eurem Bekenntnis zusammen passt oder ihm widerspricht! Und wisst, dass Ihr mitverantwortlich seid für all das, was dort in die Öffentlichkeit getragen und vertreten wird. Ich persönlich habe da vieles wahrgenommen, das quer steht zu meinem christlichen Glauben und seinen Werten, quer zu dem, was diese Welt braucht, quer zu den Nöten, die es gibt und die auf eine Antwort warten.

Braucht es denn die von der AfD geforderten Obergrenzen für Flüchtlinge?
Davon abgesehen, dass nicht nur die AfD so etwas fordert: Für Gott gibt es keine Obergrenzen, wenn es um Schwache und Elende geht, um Fremde, um bedrohte Menschen, die Schutz und Zuflucht suchen.

Neben der Flüchtlingshilfe in Europa gilt es, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Die Not der Menschen, die zu uns kommen, geht ja auch zurück auf jahrhundertelange Kolonisierung und Ausbeutung ihrer Heimatländer. Auch heute sind wir hier, im reicheren Teil dieser Welt, mitverantwortlich für ihr Elend.

Und es ist eine Schande, dass wir immer noch nicht aufhören, die Ressourcen ihrer Länder auszubeuten. Wenn die Entwicklung so weitergeht wie bisher, wird die Zahl der Klimaflüchtlinge bald die Zahl derer übersteigen, die vor Waffen fliehen. Vor Waffen, die übrigens auch wir vorher in die Diktaturen dieser Welt geliefert haben.

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