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Freie Zugänge und Treppenwitze

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erstellt am 03.Apr.2012 | 11:36 Uhr

Neubrandenburg | Axel Wittmann ist auf dem Weg zu einem großen Ärgernis. Im vierten Gang steuert der 59-Jährige seinen elektrischen Rollstuhl behände durch die Innenstadt von Neubrandenburg. Stufenlose Übergänge, abgesenkte Bürgersteige, glatte Pflasterstreifen. "Die Hauptstraßen im Zentrum sind wirklich gut befahrbar", lobt der Vorsitzende des Behindertenverbands Neubrandenburg. Das erste große Ziel an diesem Tag wirkt dagegen wie aus der Zeit gefallen: der Bahnhof.

Seit mehr als 17 Jahren kämpft der örtliche Behindertenverband für eine behindertenfreundliche Ausstattung - bislang vergebens, wie Wittmann bedauert. Rein kommt er über eine Rampe, doch am Hinterausgang des Gebäudes ohne Toiletten wird er jäh ausgebremst. Treppen führen zu den Gleisen. Wer diese nicht nutzen kann, weil er mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen unterwegs ist, der muss per Rufknopf an einer Säule Hilfe holen. Ein Bahnmitarbeiter lotst den Betreffenden dann über einen abgesperrten Gleisübergang. "Das funktioniert allerdings nur zu Dienstzeiten der Bahnmitarbeiter und eine Viertelstunde, bevor der Zug fährt", sagt Wittmann. Der Weg bis zum Übergang ist außerdem eine einzige Holperstrecke. Routiniert verhindert Wittmann, dass er mit seinem Rolli in eine gefährliche Schräglage gerät. Noch während er das umständliche Prozedere vorführt, gesellt sich eine ältere Dame mit Rollator hinzu. "Furchtbar" findet sie es, mit der Bahn von Neubrandenburg aus zu verreisen - doch sie sei darauf angewiesen.

Zweigeteilt ist dagegen der Eindruck am angrenzenden Busbahnhof. Der Nahverkehr mit seinen Niederflurbussen und erhöhten Einstiegen ist barrierefrei, der Fernverkehr dagegen nicht. "Wer auf dem Land wohnt, hat ein großes Problem", weiß Wittmann.

"Da verschluckt man fast sein Gebiss"

Er selbst wohnt aus diesem Grund in der Innenstadt. Die Wohnung im Erdgeschoss wurde rollstuhlgerecht nachgerüstet. Nicht optimal, aber ausreichend, findet Wittmann.

Auf dem Rückweg vom Bahnhof macht der Rollstuhlfahrer einen Schlenker über die Wallanlagen. Kein Problem - statt Stufen gibt es Wege mit sanften Neigungen. Innerhalb der Stadtmauern aber sind die eingebauten Laufbänder neben dem alten Kopfsteinpflaster nicht durchgängig miteinander verbunden. "Das stört nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch Radler und Stöckelschuhträgerinnen", sagt Wittmann mit einem Augenzwinkern. "Wenn man darüber fährt, verschluckt man fast sein Gebiss."

Zum Lachen sind die Hoppelwege trotzdem nicht, wie Else Altmann im Vorbeifahren bestätigt. Die ältere Dame hat sich für extra breite Reifen an ihrem Rollstuhl entschieden.

In ihrer Wohnung kann sie dagegen auf ein schmaleres Modell umsteigen. Sie gehört zu den rund 300 barrierefreien Wohnungen in Neubrandenburg. Mit Hilfe von Assistenten kann Else Altmann ihren Alltag weitgehend selbstbestimmt gestalten. "Ich fühle mich wohl hier und bin froh, dass ein Umzug ins Pflegeheim nicht nötig ist", erzählt die Rentnerin.

Und die Selbstbestimmtheit außerhalb der eigenen vier Wände? Auf dem Boulevard, der Haupteinkaufsstraße, ist das kein Thema. Im Zuge von Sanierungsarbeiten sind die Wege so angehoben worden, dass die Eingänge zu den Geschäften ebenerdig sind.

In vielen Nebenstraßen ist das allerdings keine Selbstverständlichkeit mehr. Hier liegt es an den Ladenbesitzern, ob sie sich die wachsende Kundschaft im Rollator oder Rollstuhl entgehen lassen möchten.

Für Claudia Wulf ist es wichtig, dass sie sowohl mit ihrem Rollstuhl als auch mit dem Kinderwagen in die Geschäfte kommt. Im Vergleich mit anderen Städten zieht die junge Mutter eine positive Bilanz. "Was Barrierefreiheit angeht, ist Neubrandenburg sehr weit", findet sie. Mehr Kontrollen würde sie sich allerdings bei den Behindertenparkplätzen wünschen. "Die sind oft von Wagen ohne Behindertenausweis belegt."

Behindertentoilette unerreichbar

Man sieht der Stadt an, dass es einen starken Behindertenverband gibt, der nicht locker lässt. Dennoch erlebt Axel Wittmann immer wieder Dinge, mit denen er eigentlich nicht mehr gerechnet hätte. Neubauten ohne Fahrstühle, zu schmale Eingänge oder Kompromisse mit Lift-Ungetümen, die schon mal stecken bleiben. Mit der viel beschworenen Inklusion hat das alles nichts zu tun. "Wenn von Anfang an alles so geplant würde, dass es für jeden zugänglich ist, dann müsste man anschließend keine teuren Sondereinrichtungen bauen", sagt der frühere Bauzeichner und Archivar, der wegen einer Muskelschwund-Krankheit immer mehr auf den Rollstuhl angewiesen ist. Die Polizei hat auf nachträglich eingebaute Rampen gleich ganz verzichtet, wie Wittmann berichtet. "In das Gebäude kommt man einfach nicht hinein."

Als absolut gelungen bezeichnet er dagegen die Lösung im Schauspielhaus, einem der ältesten Gebäude der Innenstadt. Eine moderne Glasverbindung zwischen historischen Bauten bietet einen breiten Zugang.

Das neue Standesamt im Friedländer Tor belegt zudem, dass sich Denkmalschutz und Barrierefreiheit in der mittelalterlichen Wehranlage nicht ausschließen müssen. Im Erdgeschoss befindet sich ein temporärer Arbeitsplatz für einen Ansprechpartner, der ohne Hürden zu erreichen ist. Das ebenfalls ebenerdige Trauzimmer verfügt über eine Induktionsschleife für Hörgeschädigte und eine ausgezeichnete Akustik, wie Standesamtleiter Andreas Beck betont. Von Behindertentoiletten bis zum Stillzimmer wurde an alles gedacht.

Die Behindertentoilette in der Volkshochschule (VHS) kann dagegen niemand nutzen: Der Zugang zur Bildungsstätte ist nicht rollstuhlgerecht. Eine Rampe führt zwar ins Untergeschoss, doch Toiletten und Seminarräume liegen eine Etage darüber - erreichbar nur über Treppen. Axel Wittmann hofft nun, dass die VHS in das Haus der Kultur und Bildung umziehen wird, das saniert wird. Das Thema Barrieren für Menschen mit Behinderungen wäre dann um einen Treppenwitz ärmer.

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