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"Es ist großartig in Europa"

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Wie erleben europäische Soldaten Krieg und Frieden? Ein Besuch beim Multinationalen Korps Nordost in Stettin

svz.de von
erstellt am 09.Dez.2012 | 07:54 Uhr

Stettin | Dezente Musik erfüllt den Raum. Major Norbert Hrib bittet den Mann hinter der Bar dennoch, die Anlage auszustellen. Nichts soll die Ruhe dieses Gesprächs im Offizierskasino stören, eines Gesprächs über Krieg und Frieden. Dazu sind wir in den "Baltic Barracks" verabredet. Die Ostseekaserne im westpolnischen Stettin ist die Heimat des Multinationalen Korps Nordost, genauer gesagt: der Stabsführung. Mehr als 200 Offiziere aus elf europäischen Staaten sind hier stationiert. Sie führen den Befehl über neun Nato-Divisionen. Viele der Soldaten waren in Afghanistan im Einsatz oder im Irak. Sie kennen den Krieg, den Tod und den Terror.

"Über Frieden unterhalten wir uns selten. Wir sind Profis und reden meistens über unseren Job", sagt Hrib. Nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: "Natürlich ist Frieden unser Job." Der 40-jährige Major mit den sanften braunen Augen stammt aus dem Osten der Slowakei. Der Barmann bringt Kaffee. Dann beginnt er Bier zu zapfen. Auf dem Tresen reiht sich ein Glas an das nächste.

"Das wird ein Icebreaker", erklärt Boris Schnelle. Der Oberstleutnant der Bundeswehr ist Presseoffizier. Er hat das Gespräch über den Frieden organisiert und möchte zuhören. Nun mischt er sich ein, damit kein falscher Eindruck entsteht. "Das ist nicht unser Feierabendbier. Heute beginnen im Führungsstab die Beratungen über eine Großübung. Da ist es üblich, gemeinsam ein Bier zu trinken, um das Eis zu brechen." Hrib schmunzelt zustimmend. Er schwärmt von der "speziellen Atmosphäre in diesem Korps, in dem Menschen aus so vielen Ländern so gut zusammenarbeiten". Der Slowake grübelt kurz. Dann sagt er schlicht: "Europe works." Europa funktioniert.

Dafür erhält die EU heute den Friedensnobelpreis. Seit sechs Jahrzehnten habe die Union zur friedlichen Entwicklung auf dem alten Kontinent beigetragen, urteilte die Jury in Oslo. Desmond Tutu sieht das anders. Der südafrikanische Bischof, der 1984 selbst den Friedensnobelpreis erhielt, protestierte kürzlich gegen die Auszeichnung für die EU. "Sie strebt nicht nach der Verwirklichung der von Alfred Nobel ersehnten globalen Friedensordnung ohne Militär", erklärte Tutu. Major Hrib kennt diese Kritik noch nicht, als er sagt: "Wir wollen Kriege verhindern oder beenden." Soldaten als Friedensstifter. Doch kann der Export europäischer Werte nach Afghanistan oder in den Irak funktionieren?

"Das scheint mir eine recht politische Frage zu sein", entgegnet Hrib, der 2010 als ISAF-Offizier in der Taliban-Hochburg Kandahar im Einsatz war. Marcin Przybylski kommt ihm zu Hilfe. "Ja, natürlich sind wir stolz darauf!", ruft der polnische Major. Oberstleutnant Schnelle hat den 36-Jährigen, der 1999 der erste polnische Nato-Offizier war, ebenfalls zu dem Gespräch eingeladen. Wenig später stößt noch die polnische Sanitätssoldatin Jolita Bolen dazu.

"Wir bringen dem afghanischen Volk Frieden. Warum sollen wir das nicht offen sagen?", fragt Przybylski, der 2004 im Irak gedient hat. Der Pole ist davon überzeugt, dass Soldaten sich nicht für ihre Arbeit und ihre Gefühle schämen müssen. "Im Irak-Einsatz habe ich nirgendwo Frieden gespürt, nicht einmal im Camp, auch im Zelt nicht, nicht einmal im Bett", erzählt Przybylski. Er hat, wie Hrib, zwei kleine Kinder. Sie kamen nach dem Auslandseinsatz zur Welt. "Im Irak saß mir die Gefahr ständig im Nacken. Im Kopf herrschte permanent Ausnahmezustand."

Die Bilder von Leid und Tod sind stets abrufbar. Die Sanitätssoldatin Bolen, die ebenfalls im Irak gedient hat, erinnert sich "vor allem an die verwundeten Kinder, die bei uns eingeliefert wurden. All die verbrannte Haut! Im Irak Mutter zu sein, ist etwas anderes, als in Polen Kinder zu haben." Bolen hat einen Sohn und eine Tochter, 14 und 16 Jahre alt. "Ich sage ihnen immer: Der Frieden ist das Wichtigste."

Auf dem Tresen stehen bereits zwei Dutzend Gläser Bier, um das Eis zwischen den Offizieren zu brechen. Ob der Irak-Krieg gerechtfertigt war oder die Afghanistan-Mission erfolgreich, das wollen und sollen die Soldaten nicht entscheiden. Eines aber weiß Major Przybylski genau: "Vor dem Rückflug aus dem Irak habe ich am Flugzeug gedacht: Wow! Das ist gut, das ist sehr gut, jetzt geht es nach Hause. Ich bin glücklich, dass ich in Polen lebe. Es ist großartig in Europa."

Der südafrikanische Bischof Tutu dagegen sagt: "Die EU ist kein Vorkämpfer für den Frieden." Er hat erlebt, wie Soldaten und Polizisten Tod und Leid über sein Land gebracht haben. Und doch lässt sich die Frage, ob Europa ohne Militär ein friedlicherer Ort wäre, kaum sicher mit einem Ja beantworten.

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