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Beratung : Erziehungstipps künftig vom Schuldnerberater?

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gegen die geplante Umgestaltung der Beratungsstellenlandschaft in MV regt sich Widerstand.

svz.de von
erstellt am 12.Mai.2015 | 07:45 Uhr

Die Formulierung im Koalitionsvertrag von SPD und CDU in Mecklenburg-Vorpommern klingt unverfänglich. Es sei „zu prüfen, inwieweit unter den sich vollziehenden demografischen Veränderungen bestehende Beratungsstellen für verschiedene Zielgruppen miteinander verknüpft bzw. aufeinander abgestimmt und optimiert werden können und müssen“.

Praktiker dagegen warnen vor den Auswirkungen solch einer „Optimierung“. „Ich sehe da reihenweise Strukturen zusammenbrechen“, sagt zum Beispiel die Landesgeschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Christina Hömke. Und: „Wie soll das gehen, wenn dieselbe Person künftig nicht nur Ehe-, Familien- und Lebensberatung, sondern beispielsweise auch Schuldner- oder Erziehungsberatung anbietet“, fragt die Landesfachinitiative Erziehungs- und Familienberatung (LEF).

Das Sozialministerium, so hatte Staatssekretär Nikolaus Voss unlängst auf einer Veranstaltung des Landkreises Vorpommern-Greifswald erläutert, will die beratungs- und trägerübergreifende Steuerungsfunktion der Kommunen stärken und die Finanzverantwortung dort ansiedeln, wo die Aufgabe gesetzlich verankert ist. „Das heißt, das Geld soll den Landkreisen bzw. kreisfreien Städten und nicht mehr den Wohlfahrtsverbänden als Trägern der Beratungsstellen gezahlt werden“, verdeutlicht Hömke. Ihre Bedenken: „Vor Jahren flossen Mittel für Schuldner-, Sucht- und Drogenberatung schon direkt an die Kreise – das verkomplizierte die Abrechnung mit den Trägern der Beratungsstellen enorm“. Schon damals hätten reihenweise Beratungsstellen dichtgemacht.

Das Sozialministerium will ein „bedarfsgerechtes, flächendeckendes Beratungsangebot sichern – unter Einbeziehung von mobilen Instrumenten und dem Internet.“ Landkreise und Städte sollen mit den Landesfördermitteln trägerübergreifende Beratungszentren errichten. „Wer dort präsent sein will, muss aber 20 Prozent Eigenmittel aufbringen“, so Hömke. „Wer in der Fläche als kleiner Verein tätig war, hat dann gegen die großen Player aber gar keine Chance.“ Fraglich sei, wie die ganze Themenvielfalt – von der Migration über sexuelle Gesundheit bis hin zur allgemeinen Sozialberatung – unter einem Dach zusammengeführt werden soll. Zumal: „Was da geplant ist, ist eine neue Behörde unter dem Dach der Kreisverwaltung – und wer geht da schon hin, wenn er in einer persönlichen Notsituation Rat braucht?“

Dazu stellt die Landesgeschäftsführerin die Frage, was aus Strukturen wie dem Schweriner „Haus der Begegnungen“ werden soll. „Dort werden Beratungen vorgehalten, die von dem neuen Modell gar nicht erfasst werden, zum Beispiel für Sehbehinderte und Gehörlose. Und was wird aus Landesverbänden wie der Rheumaliga oder der Multiple-Sklerose-Gesellschaft, die auch Beratungen anbieten?“

Auch für die landesweit zwölf Beratungsstellen der Lebenshilfe, die speziell für geistig und schwerst-mehrfachbehinderte Menschen und ihre Angehörigen da sind, würden die Pläne der Landesregierung das Aus bedeuten, befürchtet Lebenshilfe-Landesgeschäftsführerin Dr. Karin Holinski-Wegerich. „Diese Beratung kann doch ein anderer gar nicht bieten“, warnt sie. Und: „Wir beraten regional. Wenn Ratsuchende künftig erst in die Kreisstadt fahren müsen, werden viele darauf verzichten“, befürchtet sie.

Der Landkreis Vorpommern-Greifswald habe sich indes ungeachtet aller Bedenken von Trägern bereiterklärt, die neue Struktur zu testen, so Hömke. In einer Bestandsaufnahme seiner Beratungsstellen kommt er zu dem Ergebnis, dass die Kooperationsbereitschaft von Trägern, die in der Beratung tätig sind, oft nicht ausgeprägt bzw. mangelhaft sei. Trägerübergreifende Strukturen seien die Ausnahme. Damit gingen wichtige Synergieeffekte verloren.

Christina Hömke hält dennoch an ihrer Forderung nach dem Erhalt der bestehenden Strukturen fest – auch im Interesse der vielen Ehrenamtler, die sich in Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände engagieren. „Sie hätten es verdient, auf Händen getragen zu werden. Statt dessen gibt das Land ihnen einen Tritt“, bedauert die Landesgeschäftsführerin.

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