Milliardengeschäft : Erstklässler sitzen freiwillig nach

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Turbo-Abitur und Lehrermangel lösen Run auf private Nachhilfe-Einrichtungen aus / Ersatzschulen machen ein Milliardengeschäft

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10. März 2014, 07:43 Uhr

Während noch vor einigen Jahren vor allem Jugendliche vor ihrem Schulabschluss oder den Abiturprüfungen zusätzlichen Unterricht nahmen, gehen mittlerweile auch immer mehr Grundschüler zur Nachhilfe. Schätzungen zufolge schafft etwa jeder vierte Schüler in Deutschland zumindest zeitweise den Lehrstoff nur noch mit fremder Hilfe gegen teures Geld. Gründe sind zunehmender Leistungsdruck in allen Schularten und Altersklassen, außerdem ein wachsender Ehrgeiz der jungen Generation sowie soziale und inhaltliche Defizite in Schulen und Elternhäusern.

Ralf Kuchmetzki, Gründer des Lernzentrums Schwerin, registriert einen steigenden Anteil von Grundschülern im Zusatzunterricht. Dazu trage das Bildungs- und Teilhabepaket bei. In Schwerin würden 500 Schüler dauerhaft Nachhilfe bei den fünf Anbietern bekommen. Darunter seien immer mehr Schüler der Privatschulen und ausländische Jugendliche. Kuchmetzki: „Das Turbo-Abitur nach zwölf Schuljahren und der anhaltende Lehrermangel im Land tragen nicht gerade zu einer Entspannung der Situation bei.“

Zur Nachhilfe kommen längst nicht mehr nur versetzungsgefährdete Schüler, wie Susanne Gieding von der Schülerhilfe Rostock beobachtet. Freiwillig nachsitzen würden vor allem jene, die zeitweise den Anschluss verpasst haben und das Nachholen des Stoffes zu Hause allein nicht packen. „Typische Nachhilfe-Schüler sind nicht die ehrgeizigsten, sie brauchen einen Anschub“, sagte sie. Dabei komme es auf die richtige Dosis von maximal ein bis zwei Doppelstunden pro Woche an, um Überlastungen zu vermeiden.

Einer Studie von 2010 im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zufolge gehört Nachhilfeunterricht für viele Kinder und Jugendliche zum Alltag. In Deutschland nehmen etwa 1,1 Millionen Schüler jährlich Zusatzunterricht in Anspruch. Mit 17 Jahren hat jeder vierte Jugendliche mindestens einmal im Laufe seiner Schulzeit bezahlte Nachhilfe bekommen. Für die außerschulische Aufarbeitung des Lehrstoffes ihrer Kinder geben Eltern in Deutschland jährlich insgesamt bis zu 1,5 Milliarden Euro aus.

Dabei schwanken die Ausgaben für Nachhilfe bundesweit. Gemessen an allen Schülern liegen sie zwischen 74 Euro pro Schüler und Jahr in MV und Sachsen-Anhalt sowie 131 Euro in Hamburg und Baden-Württemberg bei einem Bundesschnitt von 108 Euro.

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