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Englisch-Taucher auf dem Recknitz Campus

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erstellt am 07.Sep.2010 | 07:53 Uhr

Laage | Am Freitag reist Amy Voss aus Alaska an. Die angehende Deutschlehrerin wird auf dem Recknitz Campus von Laage (Kreis Güstrow) erwartet. In der Kleinstadt - gut 5500 Einwohner mit Ortsteilen - an den nördlichen Ausläufern der Mecklenburger Schweiz soll die Amerikanerin für einige Monate die deutsche Kultur kennen lernen. Und sie soll im Englischunterricht assistieren - im Englischuntericht von Klasse 1.

"Immersion" heißt die Lehrmethode, nach der die Grundschule im Recknitztal als einzige landesweit seit diesem Schuljahr arbeitet - dem Schuljahr, das wieder einmal mit harscher Kritik an den mageren Englischkenntnissen im Osten der Republik begonnen hat. Einer Vergleichsstudie über bundesweite Bildungsstandards zufolge hatte die Schülerschaft neunter Klassen beim Lesen und Zuhören in Englisch hintere Plätze belegt - quer durch alle neuen Bundesländer (wir berichteten). Nun tüfteln deren Bildungsministerien an Programmen, die Defizite zu beheben.

Der Weg führt über Mathematik

In Laage stehen für zwei der drei neuen ersten Klassen zehn Stunden "Immersion" auf dem Stundenplan. Das Wort beschreibt das Eintauchen in eine fremde Sprache. Der Weg führt dabei über ein obligatorisches Lehrplanfach wie Mathematik, Sachkunde oder Werken. "Wir haben mit Mathe angefangen", sagt Englischlehrerin Susanne Graichen. Sie hat bislang an weiterführenden Schulen unterrichtet und sich zunächst mit einer Fortbildung für die Grundschule qualifiziert. In Mecklenburg County, North Caroline/USA, dem amerikanischen Partnerbezirk von Mecklenburg-Vorpommern, hospitierte sie zudem an der Smith Academy of International Languages, einer erweiterten Grundschule mit Spezialisierung auf deutsche, französische, spanische und chinesische Sprache.

Susanne Graichen beschreibt ihren Unterricht als "Kombination verschiedener Lehrmethoden". Unter anderem gehören Gesten dazu. "Die Kinder lernen den Schulalltag auf Deutsch und Englisch kennen", sagt sie. Zwei spezielle Klassenräume wurden für die Immersionsstunden eingerichtet, damit schon der Rahmen signalisiert: Hier wird Englisch gesprochen. "Außer, wenn es um Regelverstöße geht", schränkt die Lehrerin ein.

28 Anmeldungen auf Anhieb

Im Rathaus von Laage haben sowohl die Immersion als auch der Recknitz Campus einen glühenden Fan. Ilka Lochner-Borst, seit einer Woche Chefin der Stadtverwaltung, hatte als damalige CDU-Landtagsabgeordnete mitgeholfen, das Englisch-Projekt auf den Weg zu bringen. "Es war ein gutes Signal für den ländlichen Raum, dass Laage den Zuschlag erhalten hat", sagt sie. Die Idee sei beinahe so alt wie die Regionalpartnerschaft mit den USA. Am Ende ging es dann Holterdipolter. Dass bei der Vorbereitung zum neuen Schuljahr auf Anhieb 28 Eltern ihre Kinder für "Immersion" angemeldet hatten, verbucht Ilka Lochner-Borst als Pluspunkt für ihren Campus. Der wirbt mit dem Motto "Schlau werden. Fit sein. Alle zusammen." Nach der Grundschule geht es über die Orientierungsstufe bis zur 10. Klasse und zum Abitur weiter - in drei modernen Schulhäusern mit Sportanlagen und Hort.

Offiziell müsste also von einer Kooperativen Gesamtschule mit Grundschule die Rede sein, doch genau das mag niemand recht hören. "Es ist das Misstrauen gegenüber Begriffen", vermutet Ilka Lochner-Borst. Die einen wollen nicht mehr an die problematische bundesrepublikanische Gesamtschule der 1980er-Jahre erinnert werden, die anderen fürchten eine gedankliche Verbindung zur Einheitsschule. Die Bürgermeisterin favorisiert den Namen "Recknitz Campus" und lobt das Prinzip dahinter. "In einem Flächenland muss ich mich den demografischen Gegebenheiten beugen", sagt sie und nennt beispielhaft eine Alternative: Das Abitur in Laage statt runde 25 Kilometer entfernt auf den Gymnasien von Güstrow oder Rostock. Zudem sei ein Campus eine ideale Lösung für die Qualität von Schule.

An der Grundschule lernen derzeit 240 Kinder, rund 700 sind es von Klasse 5 bis 12. Das Lehrerkollegium zählt 60 Frauen und Männer, Fahrlehrer sind eine absolute Ausnahme, wie Brit Kaleun, im siebten Jahr Schulleiterin, sagt. Sie weiß um die Anziehungskraft, die ihr Ganztagsschulkonzept in der Region hat. Mit ihren Kolleginnen und Kollegen feilt sie zudem an Unterrichtskonzepten für alle Sparten des Campus. In der Orientierungsstufe ist Freitag der Fördertag, an dem verstärkt in Deutsch, Mathe und Englisch gearbeitet wird. Ab Klasse 7 stehen fächerübergreifende Lernprojekte im gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht im Lehrplan, ein Jahr später geht es bei den Naturwissenschaften weiter. Für die 8. und 9. im Regionalschulbereich gibt es seit vier Jahren den Praxislerntag, den die Schüler in rund 100 Firmen der Region absolvieren können. "Ich habe ein engagiertes Kollegium, das über den Tellerrand guckt", sagt Brit Kaleun. Mit der Eröffnung des Grundschulneubaus und dem Start von Immersion hat nun auch die Grundschule an Profil gewonnen. Vorerst. Denn Immersion soll wachsen - sowohl in den regional- als auch den gymnasialen Zweig des Recknitz Campus.

Der Start ins Englisch-Tauchen jedenfalls ist geglückt, wie nach gut zwei Wochen zu hören ist, wenn ein vielstimmiges "Hello, Miss Graichen" über den Schulhof tönt. Die Kinder haben die Botschaft verstanden: Bei Susanne Graichen nur auf Englisch.

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