Integration von Flüchtlingen in MV : Eine Chance, doch nicht umsonst

Schulleiter Karsten Hill  im Gespräch mit den Lehrerinnen Anne Kathrin Bennöhr und Christin Grothe (v.r.n.l.), die die Flüchtlingskinder unterrichten.
Schulleiter Karsten Hill im Gespräch mit den Lehrerinnen Anne Kathrin Bennöhr und Christin Grothe (v.r.n.l.), die die Flüchtlingskinder unterrichten.

An immer mehr Schulen im Land lernen Flüchtlingskinder – doch offenbar ist nicht überall klar, wer für ihre Unterrichtsmaterialien sorgen muss.

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14. Januar 2016, 06:00 Uhr

„Wir schaffen das.“ Ganz bewusst wiederholt Karsten Hill den ebenso berühmten wie umstrittenen Satz der Kanzlerin. Und setzt dann betont nach: „Aber das kostet auch etwas.“

Seit Mitte Dezember ist die Regionale Schule mit Grundschule in Zehna, die Karsten Hill leitet, für den Unterricht der Flüchtlingskinder aus der Gemeinschaftsunterkunft in Lohmen zuständig. 30 Mädchen und Jungen, die aus Syrien und Afghanistan stammen, lernen jetzt gemeinsam mit den 320 regulären Schülern in Zehna.

Bis zum Monatsende hat das Schulamt Karsten Hill eine externe Lehrerin geschickt, die die 15 älteren Flüchtlingskinder in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) unterrichtet. Um die 15 Grundschüler kümmern sich zwei seiner Kolleginnen, eine davon steckt bereits in der DaZ-Qualifizierung. Im zweiten Schulhalbjahr soll eine dauerhafte Lösung her, „eine von den 100 zusätzlichen DaZ-Lehrkräften, die das Land einstellt, kommt dann fest zu uns an die Schule“, so Karsten Hill.

Was ihn allerdings ärgert: Während er seit Jahren die Einstellungsgespräche mit künftigen Lehrkräften selbst führt, behält sich bei DaZ-Lehrern das Schulamt die alleinige Auswahl vor. „Aber es passt nun mal nicht jeder zu uns…“, weiß der langjährige Schulleiter.

Was er noch nicht weiß ist, wie er mit 27 Wochenstunden, der regulären Arbeitszeit der neuen DaZ-Lehrkraft, 30 Kinder der Klassenstufen eins bis acht täglich vier Stunden lang unterrichten soll. „In anderen Bundesländern gibt es Obergrenzen für solche Fördergruppen, in Schleswig-Holstein zum Beispiel dürfen es nicht mehr als 15 Kinder sein“, so Hill. In Mecklenburg-Vorpommern gebe es solche Grenzwerte nicht, theoretisch könnte also eine DaZ-Lehrerin 30 Kinder gleichzeitig unterrichten. „Praktisch geht das nicht“, betont Hill. Um die Grundschüler werden sich deshalb auch weiter seine Kolleginnen aus dem Grundschulbereich kümmern müssen.

Grundsätzlich sei der Unterricht von Flüchtlingen an einer relativ überschaubaren Schule auf dem Lande eine Chance, betont der Schulleiter. Sowohl für die Neulinge, die hier weniger Vorurteilen begegneten, als auch für die Alteingesessenen, die oft noch gar keine Kontakte mit Fremden hatten.

Was dem Schulleiter aber echtes Kopfzerbrechen bereitet ist die Frage, wer das Lehrmaterial für die Flüchtlingskinder bezahlen soll. „Ein Satz Lehrbücher und Arbeitsmaterialien kostet je nach Klassenstufe zwischen 100 und 150 Euro.“ Für seine regulären 320 Schüler sei das entsprechende Geld im Haushalt der Schule eingeplant. „Gefüllt wird der aus den Zuweisungen der Wohnsitz-Gemeinden unserer Schüler“, erläutert Hill. Doch wer stellt das Geld für die Flüchtlingskinder? Das Amt Güstrow Land nicht, ergab seine Nachfrage dort. Der Landkreis auch nicht, lautete die nächste Absage. Das Schulamt sei lediglich für die Zuweisung der (DaZ-)Lehrer zuständig…

Karsten Hill kann und will das nicht verstehen. Man könne doch nicht ernstlich erwarten, auch das noch über Spenden abzufangen. Zur Begrüßung der Kinder habe jedes – aus Spenden – einen Beutel mit einem Block und etwas Kleinkram bekommen. „Für manche ist das bis heute die Schultasche“, weiß Karsten Hill. Zwei Kinder kämen sogar mit Famila- und Aldi-Tüten zur Schule. „Dabei hatte uns das DRK als Träger ihrer Unterkunft zugesichert, alle Kinder bekämen eine Grundausstattung. Aber die haben längst nicht alle.“ Neid sei da programmiert – „und schlimmstenfalls auch, dass ein Kind sich einfach das nimmt, was es nicht hat“, befürchtet der Schulleiter. Sein Vorschlag wäre deshalb eine Schlüsselzuweisung von beispielsweise 300 Euro pro Flüchtlingskind, aus der alles bezahlt werden könnte, was für den Schulbesuch nötig ist, die Lehrbücher ebenso wie der Trainingsanzug.

Laut Bildungsministerium ist die Sache indess ganz einfach – zumindest, was die Unterrichtsmaterialien betrifft: „Der Schulträger ist laut Schulgesetz für die Beschaffung der Schulbücher für alle Schülerinnen und Schüler zuständig – das schließt auch Kinder mit Migrationshintergrund ein“, betont Ministeriumssprecher Henning Lipski. Wer Träger der Schule in Zehna ist, hat er auch schnell parat: das Amt Güstrow Land.

Für Karsten Hill heißt das: Alles wieder auf Anfang…

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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