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Ein Mantel der Zuneigung für kleine Patienten

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erstellt am 19.Dez.2012 | 06:27 Uhr

Rostock | Mike, der kleine Möwenjunge, der so forsch den Schirm unter den Flügel geklemmt hat, stammt aus seiner Feder. "Wir suchten damals nach einem Namen und einem Symbol für unser Projekt", erinnert sich Privatdozent Dr. Carl-Friedrich Classen an die Anfänge des Arbeitskreises "Mike Möwenherz" vor fünf Jahren. "Der Name sollte einprägsam sein und nicht bloß Kinder-Palliativteam lauten. Und das Symbol sollte ein maritimes sein - als Zeichen dafür, dass wir von Rostock, von der Ostseeküste aus agieren."

Leuchtturm, Fisch und Möwe hatte der Leiter der Kinderkrebsstation am Rostocker Uniklinikum seinerzeit zu Papier gebracht - der Vogel, der Wind und Wetter und allen Widrigkeiten trotzt, machte dann schließlich das Rennen. "Der Name ergab sich irgendwie von selbst - erst später wurde mir bewusst, dass es ja auch die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren und in Wiesbaden und Leipzig Kinderhospize mit dem Namen Bärenherz gibt", so Classen.

Als bislang einziger aktiver Kinderarzt in Mecklenburg-Vorpommern hat der Rostocker eine Zusatzausbildung zum Palliativmediziner absolviert. Doch weil ein Spezialist allein sich unmöglich um alle Kinder im Land kümmern kann, die unheilbar krank sind - auch wenn es im Jahr zum Glück nur 20 bis 30 Jungen und Mädchen im Nordosten sind, die sterben - und weil er zudem bereits durch seine Tätigkeit an der Kinderklinik voll ausgelastet ist, engagiert Dr. Classen sich für den Aufbau eines speziellen Palliativteams für Kinder. Solch ein Team sollte, unterstützt von Ärzten und Pflegediensten vor Ort, zu Hause das volle Behandlungsspektrum anbieten, das auch im Krankenhaus möglich ist. Der Vorteil wäre, dass die kranken Kinder - ebenso wie ihre Eltern und Geschwister - bis zuletzt in der gewohnten Umgebung bleiben könnten.

Momentan ist großes Improvisationstalent nötig, um das zu gewährleisten - Dr. Classen und die vielen Helfer, die er dabei hat, leisten die meiste in diesem Zusammenhang anfallende Arbeit ehrenamtlich.

Das Wort Palliativmedizin hat seinen Ursprung im Lateinischen: "pallium" heißt Mantel, und wie ein Mantel sollen alle Maßnahmen der Palliativmedizin den Schwerstkranken schützend umhüllen. "Es gibt keinen rechtlichen Zwang, bis zum Ende jede medizinisch mögliche Maßnahme zu ergreifen", stellt Classen klar, und ergänzt: "Das heißt nicht, den Patienten dann unbehandelt zu lassen, sondern es geht da rum, wie wir ihn behandeln." Zurückhaltung statt aggressiver Eingriffe sei das Credo der Palliativmediziner. "Wir fragen uns, sollen wir den Patienten noch einmal stechen, ihm einen Katheter legen, ihm noch mal wehtun - oder ist es nicht besser für ihn, ein mildes Medikament zu verabreichen, das ihn betäubt." Entscheidend sei, dass das, was passiert, medizinisch indiziert ist - und dass es tatsächlich oder mutmaßlich das ist, was der Patient will. "Es ist ein Menschenrecht, sein eigenes Sterben zu haben und dabei nicht fremdbestimmt zu sein", betont Dr. Classen. Das gelte auch schon für Kinder. "Wir neigen dazu, Kinder in dieser Hinsicht zu unterschätzen", so Classen. Seiner Erfahrung nach wissen viele der kleinen Patienten, wenn sie sterben müssen. "Sie sprechen meist in einer Situation darüber, in der man das gar nicht erwartet. Wir würden einem Kind da nichts aufdrängen, aber aufmerksam sein für die Signale, die es aussendet."

Auch Kinder hätten am Ende ihres Lebens nicht selten eine Liste von Dingen, die sie noch erledigen wollten. Classen erzählt in diesem Zusammenhang von einem sterbenskranken kleinen Jungen, der unbedingt noch seine Einschulung erleben wollte. "Also haben wir ihm auf der Station eine Einschulungsfeier organisiert - das war für ihn einer der glücklichsten Tage seines Lebens." Man müsse nichts Besonderes tun, sondern dem Kind einfach Normalität ermöglichen, betont Classen.

Natürlich sei es "ganz, ganz schlimm, wenn ein Kind leiden, wenn es sterben muss" - das empfindet Dr. Classen auch nach 25 Jahren als Arzt noch so. Aber er hat gelernt, auch dieses Sterben zu akzeptieren. Und er hat die Erfahrung gemacht, dass er den Mädchen und Jungen schon allein dadurch helfen kann, dass er da ist. Ihnen zu sagen, "Ich lass dich jetzt nicht allein", würde den kleinen Patienten schon helfen - genauso wie ihren Eltern.

Zu vielen Eltern hat der Arzt auch über den Tod ihrer Kinder hinaus noch Kontakt. Einigen begegnet er regelmäßig wieder, wenn sie für den Kinderhos pizverein Oskar das Elterncafé auf der Station betreuen. Andere sieht er bei den Treffen des Arbeitskreises "Mike Möwenherz". Denn wer wüsste besser wie Eltern, die selbst ein Kind verloren haben, welche Unterstützung man in solch einer Situation braucht.

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