Neubrandenburg : Ein Kabarettist als Oberbürgermeister?

Silvio Witt
Silvio Witt

Parteikandidaten in erstem Wahlgang abgehängt /Politneuling sieht politische Unkultur als Ursache

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02. März 2015, 21:05 Uhr

Wunden lecken war gestern angesagt in der Kommunalpolitik der drittgrößten Stadt in MV. Ein politischer Neuling hatte allen Partei-Kandidaten bei der Direktwahl zum Oberbürgermeister den Schneid abgekauft (wir berichteten).

Mit 43,1 Prozent der Stimmen lag Silvio Witt weit vor dem Nächstplazierten, Linke-Kandidat Torsten Koplin (26,8 ). „Absolut überrascht“ war der wortgewandte Kabarettist, der eine Kommunikationsagentur betreibt und früher als Journalist arbeitete. „Mit solchen Zahlen hatte keiner gerechnet.“

Nicht nur deshalb ist Witt eine Ausnahmeerscheinung. Im Wahlkampf setzte er mit betonter Unaufgeregtheit und Verzicht auf Polemik Akzente in einer Stadtpolitik, die nach seiner Wahrnehmung ein Reflex lähmt: „Provozieren und reagieren - das ist ein Muster, das hier leider seit Jahren eingeübt ist.“ Und an dem er sich als Kabarettist weidlich abarbeitete. Witt stützte sich nicht auf ein Netzwerk, auch wenn ihm das häufig unterstellt wird. Schließlich hätte bei der letzen Wahl 2008 ein „unabhängiger“ Kandidat mit Hilfe eines von „abtrünnigen“ Stadtvertretern gelenkten Netzwerks den CDU-Amtsinhaber Paul Krüger um Haaresbreite geschlagen. „Leider reicht die Phantasie vieler wegen der Vorgänge 2008 nicht aus, sich vorzustellen, dass jemand sich wirklich aus eigenem Antrieb und aus eigener Kraft um das Amt bewirbt“, sagte Witt unserer Zeitung. Von seiner Kandidatur hätten im Vorfeld nur seine Eltern und auswärtige Freunde gewusst.

Falls Witt die Stichwahl gewänne, sorgt er sich nicht, gegen die ganze Stadtvertretung „regieren“ zu müssen. „Vermitteln statt dekretieren“ will er, „das eigene Ego raushalten“, neue Kommunikationsformen entwickeln und Stadtvertreter wie Bürger „mehr als bisher zu Beteiligten stadtpolitischer Entscheidungen machen“.

Gegenspieler Torsten Koplin, erfahrener Landtagsabgeordneter und vielfach in der Kommunalpolitik engagiert, eröffnete noch am Wahlabend den Stichwahlkampf. Mit Enkel Leon überklebte er seine Plakate mit dem Spruch: „Wenn’s einer kann, dann: Torsten Koplin.“ Ob das reicht, den Politneuling zu besiegen, wird sich am 15. März erweisen.

Kommentar von Michael Seidel

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Selbst dran schuld
Es ist nicht unüblich, dass  kommunal eher  Wählergemeinschaften antreten  als Parteien. Wenngleich dieser Trend  Blüten treibt: Im vorpommerschen Anklam etwa geriet eine als Lobbygruppe gegründete Unternehmer-Initiative  zum politischen Hauptakteur.  Was in Kleinkommunen noch angehen mag, gibt  im  Oberzentrum Neubrandenburg  zu denken: Eine Einzelperson schaffte es, für die Wähler attraktiver zu sein als  mühsam aufgebaute und erfahrene Partei-Kandidaten. Dass  etwas schief läuft,  wissen die Neubrandenburger seit Jahren. Schon 2008 war der jetzt scheidende OB de facto abgewählt, wären  dem Gegenlager nicht auf dem letzten Meter peinliche Pannen passiert.  Doch wie muss es um eine Stadtpolitik bestellt sein, wenn es den Parteien   nicht gelingt,  überzeugendes Personal  an den Start bringen? Insofern wäre es eine heilsame Lehre, wenn ein (übrigens sehr ernsthafter) Kabarettist (kein Faxenmacher) bewiese, dass ein Stadtoberhaupt aus der Mitte der Gesellschaft kommen kann. Demokratie lebt!

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