Ein Jahr nach Utøya

<strong>Blumen für die Opfer:</strong> Auf der norwegischen Insel Utøya ermordete Anders Behring Breivik vor einem Jahr 69 junge Menschen in einem Ferienlager.<foto>dpa</foto>
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Blumen für die Opfer: Auf der norwegischen Insel Utøya ermordete Anders Behring Breivik vor einem Jahr 69 junge Menschen in einem Ferienlager.dpa

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22. Juli 2012, 10:20 Uhr

Die Erinnerung kommt immer wieder. Vom 22. Juli. Vom Sommerlager der Jungsozialdemokraten auf der herrlichen Fjordinsel Utøya. Erst duftete alles nach Sommer, nach Leben. Dann kam das große schwarze Loch, die Todesangst. Die 20-jährige Politologiestudentin Jorid Nordmelan lässt sie gewähren. Das sei weniger schädlich für die Seele als sie zu verdrängen, sagen die Therapeuten ihr. Die Angst aushalten, bis sie verpufft, statt sie zu verdrängen. Den 22. Juli überlebte Jorid auf Utøya zusammengekauert unter einem Bett in einem Schlafsaal mit einer Freundin zusammen, ohne Fluchtweg. Nur weil sie die Fenster mit Matratzen verbarrikadiert hatte, konnte Anders Behring Breivik kein Tränengas hineinwerfen und sie hinaus in den sicheren Tod treiben, wie die Jugendlichen, die sich in anderen Gebäuden auf der Insel versteckt hatten. All das geschah in einem der sichersten, in einem der geborgensten, einem der reichsten und sozial gerechtesten Länder der Welt. In Norwegen.

Sicherheitskräfte entschuldigen sich

Heute ist das Ereignis, das Jorid und ganz Norwegen für immer prägen wird, genau ein Jahr her. Überall im Lande werden Gottesdienste abgehalten, um der Opfer zu gedenken. Ministerpräsident Jens Stoltenberg besuchte Utøya bereits einige Tage zuvor privat und ohne Presse, um sich auf den Jahrestag einzustellen, noch einmal alles Revue passieren zu lassen. Am Sonntag wird der Sozialdemokrat mit der königlichen Familie an einem Gottesdienst in der Osloer Kathedrale teilnehmen und auf der Insel Utøya eine Rede vor Jungsozialdemokraten halten. Vor einem Jahr bewies Stoltenberg Führungsstärke und hielt sein in solchen Extremsituationen so völlig unerfahrenes Land bewundernswert professionell zusammen, so die überwiegende Meinung der Norweger.

Damals, am Freitag, dem 22. Juli 2011, als sich die Norweger in den Sommerferien befanden, tötete der rechtsradikale Moslemhasser Anders Behring Breivik mit einer Bombe im Osloer Regierungsviertel acht Menschen. Während man in Oslo und der ganzen Welt automatisch von einem islamistischen Angriff ausging und moslemische Frauen in Kopftüchern von hasserfüllten Norwegern aus der Osloer Straßenbahn geschubst wurden, fuhr der blonde Täter, ohne auf Straßensperren zu stoßen, zur malerischen Insel Utøya. Dort erschoss er ohne Gegenwehr 69 junge Menschen im traditionellen Sommerferienlager der sozialdemokratischen Nachwuchsorganisation.

Die Polizisten des sonst so sanften Landes trauten sich erst eine Stunde nach dem vermeintlich ersten Notruf nicht zu Wasser auf die Insel. Sie sahen dem Morden tatenlos von der Festlandseite zu. Die Hubschrauberpiloten waren alle im Urlaub. Später legten Minister und führende Polizeibeamte ihre Ämter nieder, angeblich aus privaten Gründen. Die völlig mit der Situation überforderten Sicherheitskräfte entschuldigen sich dann beim Ende Juni zu Ende gegangenen Rechtsprozess für ihr Zuspätkommen und auch dafür, dass sie nicht schon früher auf Breivik aufmerksam wurden. Der hatte anscheinend zahlreiche Spuren hinterlassen, als er seine Megabombe mit Düngemitteln im Internet, eine Polizeiuniform, mit der er seine Opfer täuschte, Waffen und Munition zusammenkaufte.

Breivik, der sich im Gerichtsprozess selbst als Atheisten bezeichnete, begründete seine Tat und seine sonderbare Bitte darum, am Gericht in Militäruniform erscheinen zu dürfen, damit, dass er sich in einem Kreuzzug gegen Moslems befände.

Dass er hauptsächlich atheistische Sozialdemokraten ermordete, motivierte der im folgenden Gerichtsprozess vom ausschlaggebenden Teil der Rechtsmediziner als geistig sehr krank befundene Einzeltäter damit, die staatstragende Partei dafür bestrafen zu wollen, dass sie so viele moslemische Flüchtlinge nach Norwegen lasse. Die seien ein Dolch in der Kultur des dünnbesiedelten Landes, begründete er ähnlich wie die zweitstärkste politische Kraft Norwegens zuvor, die ausländerfeindliche Fortschrittspartei (FRP), deren aktives Mitglied Breivik lange war.

Rechtspopulisten sind wieder im Aufwind

Die als Brandstifter kritisierte FRP musste bei den kurz auf das Massaker im Herbst 2011 folgenden Kommunalwahlen empfindliche Verluste hinnehmen. "Dennoch hat nun auch der Alltag wieder angefangen, gerade auch politisch sind die Rechtspopulisten wieder im Aufwind, als ob Utøya nie geschehen wäre", sagt der Politologe Magnus Engen Marsdal von der linksorientierten Denkfabrik Zentrum für Gesellschaftsanalyse in Oslo.

Immerhin, so der Rechtspopulismusexperte, hätten sich die Bemühungen um eine Integration der relativ segregiert lebenden moslemischen Gemeinde in Norwegen in diesem Jahr deutlich verstärkt. "Der harte Kern der Ausländerfeinde ist freilich nicht bekehrt. Aber viele Norweger der Mitte und Moslems sind sich nach dem Anschlag nähergekommen. Sympathien und Verständnis sind in beide Richtungen gewachsen. In Oslo wurden Teezusammenkünfte von der islamischen Gemeinde für Norweger organisiert. Das klingt naiv, ist aber wichtig, weil Norwegen eben nie ein klassisches Einwanderungsland war", sagt er. Auch die königliche Familie erhöhte ihre Bemühungen um den Status der islamischen Gemeinden im Lande durch viele Besuche. Allerdings würden diese positiven Initiativen nun wieder einschlafen, so Marsdal.

Die beiden Aspekte, zum einen, dass Breivik kein Islamist ist, sondern ein gewöhnlicher Norweger, als auch, dass er anscheinend psychisch sehr krank ist, habe das Land ein wenig beruhigt. Zum einen sei das Nato-Mitglied also doch keine Zielscheibe für Islamisten. Zum anderen sei ein verrückter Norweger eben ein extremer, aber vereinzelter Störfall, und damit kein Zeichen für eine kranke, norwegische Gesellschaft, die sich nun radikal verändern müsse, so der Tenor.

Norwegen ist dabei, das Kapitel Utøya zu schließen. Bereits vier Wochen nach dem Anschlag war es erstaunlich, wie Norweger die weitab der Medienwelt und der Arbeiterpartei leben, offen eingestanden, dass sie keine Lust mehr hätten, mit Nachrichten vom Massaker bombardiert zu werden. Die vor allem im Ausland verbreitete Meldung, Norwegen sei ein Dorf, in dem jeder eines der 69 Opfer gekannt habe, entspricht nicht der Wahrheit in einem Land mit 4,9 Millionen Einwohnern. Zudem ist auch in Norwegen der Abstand zwischen den gewöhnlichen Menschen und ihren politischen Repräsentanten und hier vor allem auch der Arbeiterpartei extrem gewachsen. Wie andernorts in Europa ist auch die Jugendorganisation der Sozialdemokraten in Norwegen heute eine vor allem von der gehobenen Mittelschicht der Hauptstadt dominierte Karriereschmiede, häufig für Kinder von bereits erfolgreichen Politikern. Gerade diese Volksferne haben sich nicht nur in Norwegen die erst später ins politische Etablissement aufgenommenen Rechtspopulisten zunutze gemacht.

Weiter Vertrauen in den Rechtsstaat

Auch Thomas Mathiesen, prominenter Rechtssoziologie-Professor in Norwegen, glaubt, dass sich die norwegische Gesellschaft nicht viel geändert hat in diesem einen Jahr. Er sieht das aber vor allem positiv. "Es gab keine Lynchjustiz-Demonstrationen vor dem Gericht. Keine Straßenkrawalle. Das Vertrauen in unseren human geprägten Rechtsstaat scheint nicht verloren gegangen zu sein", sagt er.

Dennoch sieht er das humane, vor allem auf Reintegration und Therapie statt auf bloße Gefängnisstrafen setzende norwegische Rechtssystem gefährdet. "Es gibt viele, die nun unser mildes Strafsystem - Norwegen hat die kürzesten Gefängnisstrafen der Welt, eine auf 21 Jahre begrenzte Haftstrafe für Breivik, bei uns gibt es nämlich auch kein lebenslänglich mehr oder gar einen Psychiatrieaufenthalt des Mörders - für unmöglich halten. Das wäre aber der falsche Weg", sagt er.

Auch Stoltenberg betonte Ähnliches: "Die wichtigste Sache nach dem 22. Juli war die Bewahrung von dem, was wir haben. Denn wir haben viele Jahre lang das Glück gehabt, in einer wohlfunktio nierenden Demokratie zu leben, mit mehr Offenheit, mehr Meinungsfreiheit als in den meisten anderen Ländern der Welt", sagte der Ministerpräsident in der letzten Woche. Dennoch hat dessen Regierung erst kürzlich die Gesetzgebung bei Terrorverdacht deutlich verschärft. Auch werden sich die Sozialdemokraten anscheinend nicht von ihrer bereits vor Utøya deutlich strammeren Einwanderungspolitik entfernen.

Laut Ansicht von Kritikern ist gerade die von Stoltenberg gepredigte Veränderungslosigkeit Norwegens ein Jahr nach Utøya das große Problem. "Es hat sich nicht genug verändert", sagte der Utøya-Überlebende Tore Bekkedal und weist auf die geschmacklos offen rassistische Debatte über die Entfernung von Roma hin, die sich kürzlich etwas außerhalb von Oslo niedergelassen haben. Da hätten die Machthabenden inklusive Sozialdemokraten sich viel zu sehr zurückgehalten. Björn Ihler, ein anderer Überlebender, meint hingegen, dass es wichtig sei, in Norwegen radikale Meinungen nicht mehr aus der öffentlichen Debatte auszuschließen, um solche Taten zu verhindern. Breivik hatte vor Gericht ausgesagt, dass er zum Terroristen wurde, weil die politisch korrekte norwegische Gesellschaft seine Meinung und die anderer Radikaler à priori ausgrenze und deswegen eben keine wirklich demokratische sei.

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