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Ein ganz großes Geschenk

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erstellt am 30.Okt.2012 | 11:51 Uhr

Rostock | Wenn bei Marion Burde nachts das Diensthandy klingelt, kann das nur eins bedeuten: Für eine(n) der derzeit 220 Frauen und Männer, die in Rostock auf der Warteliste für eine Spenderniere stehen, ist endlich ein Organ gefunden worden. Denn die Nummer des Handys kennen nur die Mitarbeiter von Eurotransplant im niederländischen Leiden. Sie koordinieren die Vergabe von Organen hirntoter Spender aus den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien.

In letzter Zeit allerdings hat das Handy nicht so häufig geklingelt wie früher. "Wir transplantieren in Rostock gewöhnlich mehr als 60 Nieren pro Jahr", so der Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie an der Rostocker Universitätsmedizin, Prof. Dr. Oliver Hakenberg. 1976 wurde in der Hansestadt die erste Niere verpflanzt, das Uniklinikum war damit Vorreiter in der DDR. Bis gestern sind seither exakt 1600 Spendernieren transplantiert worden - doch momentan ist die Tendenz fallend. "2012 ist ein ausgesprochen schlechtes Jahr, bisher haben wir erst 34 Nieren verpflanzt" , so der Klinikchef. Dass das mit dem Skandal um manipulierte Wartelisten in einigen deutschen Transplantationszen tren zu tun hat, glaubt er nicht: "Auch in der ersten Jahreshälfte sind uns schon sehr viel weniger Spenderorgane angeboten worden." Es sei vielmehr in Deutschland ein grundlegendes Problem, dass sich viel zu wenige Menschen mit dem Thema Organspende auseinandersetzten. Denn das bedeute zwangsläufig auch, sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen - für viele ein Tabuthema. Dass die Politik das jetzt mit dem neuen Transplantationsgesetz ändern wolle, sei gut gemeint - aber die Lösung, auf die man sich verständigt habe, sei nur halbherzig, so Prof. Hakenberg.

Bislang gilt hierzulande die Zustimmungslösung: Organe dürfen nur entnommen werden, wenn sich der Spender noch zu Lebzeiten damit einverstanden erklärt hat oder wenn seine Angehörigen dem nach seinem Tod zustimmen. Ab 1. November gilt nun die Entscheidungslösung: Krankenkassen werden ihre Versicherten regelmäßig mit Informationen über die Organspende versorgen und die Spendenbereitschaft abfragen. Allerdings: Wer da rauf nicht reagieren will, kann alles auch einfach im Papierkorb entsorgen.

Transplantationsmediziner halten die Widerspruchslösung für die einzig praktikable, um dem akuten Mangel an Spenderorganen begegnen zu können. Dabei gilt jeder als Spender, wenn er nicht zu Lebzeiten ausdrücklich der Entnahme von Organen widersprochen hat. "Die Leute wären dadurch gezwungen, sich beizeiten mit dem Thema zu beschäftigen", so Prof. Hakenberg. Es gebe in Deutschland ein riesiges Potenzial an Spenderorganen, das nicht genutzt werde - viel mehr, als gebraucht werden. In der Hälfte aller Fälle lehnten allerdings Angehörige die Organentnahme ab - denn in der emotionalen Ausnahmesituation, in der sie sich durch den Tod eines nahe stehenden Menschen befänden, würde sie diese Entscheidung schlichtweg überfordern, so Prof. Hakenberg. "Hätte ihnen ihr Angehöriger die Entscheidung zu Lebzeiten abgenommen, könnte viel mehr Menschen geholfen werden", ist der Rostocker überzeugt.

Was diese Entscheidung für schwer Kranke bedeutet, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen, erleben Marion Burde und ihre Kollegin Ramona Heiden immer wieder. Denn wenn während ihrer Rufbereitschaft das Diensthandy klingelt, sind fast immer sie es, die kurz darauf den Patienten die ersehnte Nachricht überbringen. Nicht selten haben die potenziellen Empfänger vier, fünf, sechs und manchmal auch noch mehr Jahre auf ein passendes Spenderorgan gewartet. "Mit vielen haben wir regelmäßig Kontakt, weil sie nachfragen, wo sie denn auf der Warteliste stehen und wie lange es noch dauern würde. Andere rufen an, um sich abzumelden, wenn sie verreisen wollen. Tatsächlich haben wir schon Patienten im Friedrichstadtpalast oder im Zoo erreicht, als es für sie ein Spenderorgan gab", erzählt Marion Burde.

Ist ein potenzieller Spender gefunden worden, muss binnen weniger Minuten geklärt werden, ob Rostock das Angebot von Euro transplant annimmt. Dazu befragen die Mitarbeiterinnen des Transplantationsbüros zuerst den diensthabenden Oberarzt der Urologischen Klinik und dann den behandelnden Dialysearzt des Nierenkranken. "Würde der Patient eine Transplantation zu diesem Zeitpunkt nicht verkraften oder gäbe es andere Gründe abzulehnen, würden wir bei Eurotransplant Bescheid geben, und sie würden die Niere dem Nächsten auf der Warteliste zukommen lassen", erläutert Marion Burde.

Steht einer Transplantation nichts entgegen, folgt dann der Anruf beim Patienten. "Das ist jedes Mal ein ganz besonders emotionaler Moment", weiß die gelernte Krankenschwester, die seit zwölf Jahren im Transplantationsbüro arbeitet. "Es ist eigentlich für jeden ein Schock. Viele weinen, und viele können auch erst mal überhaupt nichts sagen." Marion Burde oder ihre Kollegin erklären dann ganz behutsam, was die Patienten als Nächstes zu tun haben: Tief durchatmen, Taxi rufen, Tasche packen…

"Die Patienten sollten zügig in die Klinik kommen, denn es stehen noch eine Reihe von Untersuchungen und unter Umständen auch noch eine Dialyse an, bevor transplantiert werden kann", erläutert Prof. Hakenberg. Je nachdem, von wo das Spenderorgan kommt, liegen drei bis 24 Stunden zwischen Entnahme und Einpflanzen der Niere, durchschnittlich sind es in Rostock elf Stunden. "Ist die Zeitspanne größer als 24 Stunden, werden die Chancen, dass das Organ beim Empfänger anspringt, immer geringer", erläutert der Urologe. "Aber es deshalb nicht zu versuchen, wäre fatal." Die Patienten wüssten, dass es keine Garantie gebe, dass ihr Körper die neue Niere annimmt. "Sie wissen, dass sie ein ganz großes Geschenk bekommen - aber auch ein Geschenk kann mal nicht funktionieren."

Die Patienten müssten dann zurück an die Dialyse, und sie müssten sich erneut unten in die Warteliste einreihen. Doch auch das sei nicht aussichtslos, betont Prof. Hakenberg. Zweittrans plantationen würden vier- bis fünfmal pro Jahr vorgenommen. Dass jemand seine dritte Spenderniere bekäme, passiere in Rostock wenigstens einmal im Jahr, und alle zehn Jahre käme es sogar vor, dass ein Patient ein viertes Mal eine neue Niere erhalte.

Auffällig sei seit einigen Jahren die Zunahme bei Lebendspenden, so Prof. Hakenberg - und das nicht erst, seit das Beispiel des Ehepaars Steinmeier Schlagzeilen gemacht hätte. "Zwanzig Prozent aller Nierenspenden sind mittlerweile Lebendspenden." Besonders häufig seien es Frauen, die ihrem Mann oder ihrem Kind eine Niere spenden wollten. Allerdings seien strenge ethische und medizinische Grenzen zu beachten. Eine Lösung für das Problem des Organmangels sei die Lebendspende daher nicht, betont Hakenberg, selbst wenn Nieren mittlerweile sogar übertragen werden könnten, wenn Spender und Empfänger unterschiedliche Blutgruppen hätten. An der Rostocker Universitätsmedizin hätten Urologen und Nephrologen dazu ein spezielles Verfahren zur "Antikörperwäsche" entwickelt.

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