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Landesrabbiner William Wolff : Ein Brückenbauer für Toleranz

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Landesrabbiner William Wolff wird heute zum Ehrenbürger von Schwerin ernannt / Er hat das Judentum im Land wieder lebendig gemacht

svz.de von
erstellt am 27.Jan.2014 | 07:15 Uhr

Mit raschen Schritten eilt William Wolff in sein Büro in der jüdischen Gemeinde Schwerins. Er rückt seine Kippa zurecht, die immer wieder auf den schlohweißen Haaren verrutscht. Der Landesrabbiner entschuldigt sich für die kleine Verspätung. Er komme gerade aus der Russisch-Stunde, sagt der 86-Jährige. Im Frühjahr 2002 übernahm Wolff, deutscher Jude mit britischem Pass, das Rabbinat in Mecklenburg-Vorpommern. Das Amt war 67 Jahre unbesetzt gewesen, das Judentum hatte nach der Nazizeit im Nordosten Deutschlands praktisch keine Rolle mehr gespielt. Wolff wird am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, Ehrenbürger der Landeshauptstadt.

Wolff arbeite unermüdlich daran, im Geiste der Toleranz Brücken zwischen Juden und Nichtjuden zu bauen, begründet Schwerins Stadtpräsident Stephan Nolte die Ehrung. „Sein Wort, seine Lebenserfahrungen und seine menschliche Wärme sind gefragt, in Schulen genauso wie in Kirchen oder politischen Diskussionen“, sagt Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke). Die Ehrenbürgerschaft wurde nach 1990 erst zweimal in der Landeshauptstadt vergeben – an die Blumenfrau Bertha Klingberg (1898 bis 2005) und den Luftfahrtpionier Ludwig Bölkow (1912 bis 2003).

Schwerin verdankt seine Ersterwähnung einem Juden. Vor über tausend Jahren berichtet der Kaufmann Ibrahim Ibn Jakub von einer Burg in einem See und meint die Feste auf der Schlossinsel – den heutigen Landtagssitz. Zu neuer Blüte erwacht jüdisches Leben im Nordosten erst durch Immigranten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Zuwanderer heben 1994 Gemeinden in Rostock und Schwerin aus der Taufe, 2004 entsteht die neue Synagoge in der Hansestadt. Rund 1700 gläubige Juden gibt es heute wieder in Mecklenburg-Vorpommern.

„Die Jugend zieht weg aus dem Land, das ist aber kein jüdisches, sondern ein allgemeines Problem“, schildert William Wolff die Lage. „Ich möchte, dass die jungen Leute auch künftig bewusste Juden bleiben und da, wo sie sind, am jüdischen Gemeindeleben teilhaben.“ Die junge Generation, die sich sprachlich und schulisch schnell in Deutschland integriere, liege ihm am Herzen. „Ohne die Jugend gibt es keine Zukunft“, sagt der Rabbi.

Das rastlose Leben von Emigranten ist Wolff nicht fremd. Geboren in Berlin, am 13. Februar 1927, fliehen seine Eltern 1933 nach Amsterdam und 1939 weiter nach London. Später arbeitet Wolff als Journalist, 1984 erhält er die Ordination. Auf Bitte der Juden in Mecklenburg-Vorpommern, dem letzten deutschen Bundesland ohne jüdischen Gesetzeslehrer, wird er 2002 Landesrabbiner in Schwerin. Seither drückt er für seine russischsprachige Gemeinde auch wieder die Schulbank. Seine Predigten hält er in Hebräisch und inzwischen auch in Russisch. Mit den Kindern gehe er jedes Jahr auf Reisen. Ausflüge führten bisher nach Prag, Auschwitz, Wien, Amsterdam.

Zu seinen Aufgaben gehöre es, sich um die Menschen zu kümmern und ihnen Wissen über die jüdische Lebensweise, Vorschriften und Feste zu vermitteln, sagt Wolff. Dazu brauche er Russisch, aber auch die deutsche Sprache und Kultur gehörten zur Integration dazu. Die Religionslehre stehe oben an, vor allem Einwanderer aus der früheren Sowjetunion hätten da Nachholbedarf, meint der Rabbi. „Der Sowjetkommunismus hat das Judentum ausgerottet, so wie die Nazis die Juden“, sagt er. Bevor Wolff die Synagoge in Schwerin betritt, die an Stelle des von den Nazis 1938 zerstörten Gotteshauses gebaut und 2008 geweiht wurde, legt sich der kleine hagere Mann den Talar um. „Ich finde das feierlicher“, lächelt er. Des Rabbis Lachen ist ansteckend. „Er ist mit seiner Weisheit und seinem wunderbaren Humor ein großartiger Gesprächspartner, der von vielen Menschen sehr geschätzt wird“, sagt Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). „Er hat großen Anteil daran, dass jüdisches Leben in unserem Land heute wieder heimisch ist.“ Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, mag den Wahl-Mecklenburger ganz besonders. „William Wolff ist für mich schon längst einer der herausragenden Rabbiner im ganzen Land.“

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