Ein Blick unter die Zwiebelhaut

Günter Grass schreibt und zettelt mit Leidenschaft politische Debatten an – und er ist seit mehr als einem halben Jahrhundert auch Bildhauer, Grafiker und Maler. Foto: Archiv
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Günter Grass schreibt und zettelt mit Leidenschaft politische Debatten an – und er ist seit mehr als einem halben Jahrhundert auch Bildhauer, Grafiker und Maler. Foto: Archiv

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24. Januar 2013, 10:00 Uhr

"Nun steht er gehäutet da, rufen jetzt viele, die nicht die Zwiebel zur Hand nehmen wollen, weil sie befürchten, etwas, nein schlimmer, nichts sei zu finden, das sie kenntlich werden ließe."

Ein neues Gedicht von Günter Grass? Ein Zitat aus seinem autobiografischen "Beim Häuten der Zwiebel", dem Buch, in dem er im Jahr 2006 seine einstige Zugehörigkeit zur Waffen-SS offenlegte?

Nein - darauf beziehen sich die Zeilen aus dem Jahr 2007 zwar, aber sie gehören zu einer Druckgrafik von Grass. Der Literaturnobelpreisträger, seit dem 1959 erschienenen Roman "Die Blechtrommel" einer der wichtigsten, meistgelesenen und meistdiskutierten Autoren deutscher Zunge, hat nach einem Steinmetz-Praktikum Kunst studiert und sich immer nicht nur als Autor, sondern als bildender Künstler gesehen. Die Ausstellung "Günter Grass - Graphiken und Plastiken" zeigt vom 25. Januar bis 3. März im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus mehr als hundert Arbeiten auf Papier und dazu Bronze-Plastiken. Es ist keine Tournee-Ausstellung, sondern eine einmalige Schau. "Die Ausstellung ist maßgeschneidert", sagt Hilke Ohsoling. Sie ist die Geschäftsführerin der "Ute und Günter Grass Stiftung", die das Werk des Künstlers pflegt. Ohsoling hat die Werkschau kuratiert - Grass selbst hat sich dabei zurückgehalten, nur die thematischen Grundlinien mit festgelegt. Er schätze das Ausstellungsforum in Schwerin sehr, teilte Grass auf Nachfrage unserer Zeitung mit, und freue sich sozusagen auf ein Wiedersehen - mit dem Ort und mit seinen Werken: "Wenn ich etwas fertigstelle, kommt es vor, dass mir die Arbeiten erst nach Jahren wiederbegegnen. Deshalb sehe ich mir Ausstellungen wie diese gern an. Das Schleswig-Holstein-Haus kenne ich, ich schätze seine großen und lichten Räume. Es ist meine zweite Ausstellung an diesem Ort und ich freue mich, dass sie zustandegekommen ist." Selbst zur Eröffnung kommen kann der Nobelpreisträger nicht, obwohl es fest geplant war. Nach einem planmäßigen Klinikaufenthalt im April vergangenen Jahres ist er noch nicht ganz wiederhergestellt. Auch längere Interviews scheitern daran - und an der fehlenden Zeit.

85 Jahre alt ist Grass im vergangenen Jahr geworden, und er hat sich wie seit einem halben Jahrhundert immer wieder in aktuelle Debatten eingemischt, war immer ein politisch denkender Mensch. Sein Gedicht "Was gesagt werden muss", in dem er die Politik der derzeitigen israelischen Regierung gegenüber dem Iran kritisierte, war der bisher letzte Aufreger. Es brachte ihm prompt Antisemitismus-Vorwürfe und Einreiseverbot in Israel ein.

In dem Israel-Gedicht redete er von "letzter Tinte". Kommt also nichts mehr? Doch, sagt Grass: "Fritze Margull, der seit vielen Jahren mit mir an meinen Radierungen arbeitet, ist gerade dabei, eine umfangreiche Serie zu meinem 1963 erschienenen Buch ,Hundejahre zu drucken. Ich habe sie in den zurückliegenden beiden Jahren zunächst gezeichnet, dann in Kupfer geritzt, teilweise in seiner Werkstatt mit Aquatinta bearbeitet. Im Herbst, rechtzeitig zum 50. Jahrestag dieses Buches, soll bei Steidl eine illustrierte Ausgabe erscheinen." Das Buch, dazu Illustrationen, später noch einmal Grafiken, vielleicht auch Skizzen im Wortsinn zur Vorbereitung eines literarischen Projektes - so arbeitet Grass.

"Die bildende Kunst habe ich studiert, als Schriftsteller hingegen bin ich Autodidakt", sagt Grass. Das Eine sei ohne das Andere nicht zu denken: "Bei meiner Arbeit ist das Zeichnen mit dem Schreiben eng verbunden. Schon während der Manuskriptarbeit zeichne ich, immer wieder beginnt die Arbeit an einem neuen Thema mit Zeichnungen. Gelegentlich greife ich Motive, die ich literarisch verarbeitet habe, später grafisch wieder auf."

Diese Arbeitsweise zeichnet die Schweriner Ausstellung anschaulich nach. Wendet sich der Besucher im ersten Raum nach links, blickt er in das Gesicht von Oskar Mazerath. Die Hauptfigur des Romans "Die Blechtrommel" hat Grass berühmt gemacht. Der Druck allerdings ist 20 Jahre jünger als der Roman, Oskar Mazerath trägt die Züge von David Bennent, der die Rolle in Volker Schlöndorffs oscar gekrönter Verfilmung von 1979 spielte.

Viele literarische Werke von Günther Grass begegnen dem Ausstellungsbesucher. Im Erdgeschoss hängen Lithogra-fien und Radierungen der Zyklen "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" sowie der Danziger Trilogie "Die Blechtrommel", "Katz und Maus" und "Hundejahre", außerdem "Der Butt" und "Unkenrufe". Im Obergeschoss erwarten den Besucher gleich neben der Treppe Lithografien aus der Serie "Der Schatten: Hans-Christian Andersens Märchen gesehen von Günter Grass", zu den Lyrikbänden "Dummer August" und "Letzte Tänze", aber auch Zeichnungen zu "Zunge zeigen" und "Totes Holz". Auch Selbstporträts sind zu sehen. Im Obergeschoss wartet außerdem eine Lese-Ecke auf die Besucher. Kuratorin Ohsoling hat dort Grass-Ausgaben in verschiedenen Sprachen als Handbibliothek zusammengestellt.

Grass muss nicht fürchten, die Zwiebel zur Hand zu nehmen, nichts zu finden, das ihn kenntlich mache. Die Ausstellung zeigt den Künstler in seiner Unerschöpflichkeit. Es gibt wenige wie ihn.


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