Rosemarie Wilcken : Dutt und Durchschlagskraft

Die frühere Wismarer Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken.
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Die frühere Wismarer Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken.

Rosemarie Wilcken wird heute Ehrenbürgerin von Wismar. In der Hansestadt ist sie schon heute eine Legende.

svz.de von
17. November 2015, 08:00 Uhr

Rosemarie Wilcken traute sich, als keiner sich traute: 1990, wenige Wochen nach der für die SPD verlorenen Bundestagswahl, stellte sie sich als Bürgermeisterkandidatin in der Hansestadt Wismar zur Verfügung. „Es fand sich kein anderer Kandidat für eine zu erwartende Niederlage“, sagt die Sozialdemokratin heute lakonisch.

Ihr gelang am 6. Mai 1990, wie in der nachfolgenden Zeit immer wieder, eine Überraschung. „Rosi“ Wilcken, Pastorentochter und Ärztin, wurde gewählt. Zwei Jahrzehnte sollte sie „ihre“ Stadt souverän führen, bis sie bei der Bürgermeisterwahl 2010 nicht mehr antrat. Danach begann die heute 68-Jährige eine neue Karriere.

In der Aufbruchstimmung nach der Wende war Wilcken, der ein ausgeprägter Gestaltungswillen eigen ist, in ihrem Element. Bis nach Österreich fuhr sie, um die ersten holzverarbeitenden Unternehmen zur Ansiedlung an der Ostsee zu bewegen. Heute ist die Branche ein wichtiger Teil des wirtschaftlichen Fundaments der Hansestadt, in der auch eine immer wieder von Krisen geschüttelte Werft beheimatet ist.

Mit 9,3 Prozent Arbeitslosigkeit im Oktober 2015 steht Wismar besser da als Rostock (9,4 Prozent) und Schwerin (9,9 Prozent). Wilcken habe einen Entwicklungsschub ausgelöst, der einmalig in der Geschichte der Stadt sein dürfte, sagen sie in Wismar.

Auf die wirtschaftliche Entwicklung ist Wilcken ebenso stolz wie auf die Sanierung der schmucken Altstadt. Wismar schaffte es – ebenfalls maßgeblich auf Betreiben der umtriebigen Rosemarie Wilcken – 2002 auf die Unesco-Welterbeliste, zusammen mit der Hansestadt Stralsund. Den langjährigen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow (1931-2011), hatte sie schon in den ersten Nachwendejahren von der Vordringlichkeit der Rettung der Wismarer St. Georgenkirche überzeugt. In der 1990er-Jahren wurde der 82 Meter lange und 44 Meter hohe Backsteingotik-Bau das größte Förderprojekt der Stiftung. Rund 40 Millionen Euro kostete der Wiederaufbau des kriegsbeschädigten und später vernachlässigten architektonischen Juwels, knapp die Hälfte trug die Stiftung bei.

Nach Kiesows Tod wurde Wilcken seine Nachfolgerin an der Spitze der wichtigsten Institution im deutschen Denkmalschutz. Da hatte sie schon Erfahrungen für eine derartige Spitzenposition gesammelt: Seit 2005 und noch bis nächstes Jahr ist die Frau mit dem Dutt, der sich stets in Auflösung zu befinden scheint, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsches Hilfswerk.

So langsam wünscht sich die 68-jährige Mutter zweier erwachsener Töchter und Großmutter eines Enkels doch ein bisschen mehr Zeit fürs Private. Mehr als 50 000 Kilometer auf der Autobahn im Jahr, bis zu 500 Mails in der Woche und mehrere Termine täglich müssten eigentlich nicht mehr sein, sagt sie.

Die Geschicke ihrer Heimatstadt, deren Verlust der Kreisfreiheit 2011 sie sehr bedauert, verfolgt Wilcken weiter mit Herzblut. „Es war ein Fehler, diese stolze Stadt zur Stärkung eines Landkreises zu opfern und einzukreisen“, sagt sie. „Das schmerzt mich.“ Ihrer Heimatstadt wünscht sie einen weiteren Impuls zum Durchstarten in Wirtschaft und Gesellschaft. Sie traut es ihren knapp 44 000 Wismarern zu.

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