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Flüchtlingskinder : Die zweite Muttersprache

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kinder aus verschiedenen Ländern lernen an der Schweriner Erich-Weinert-Schule Deutsch – fast alle beherrschten davon kein einziges Wort, als sie hier ankamen

svz.de von
erstellt am 16.Feb.2015 | 12:00 Uhr

Melanie kann sich noch genau an ihre ersten Schultage in Schwerin erinnern. „Das war so schwer – ich habe gedacht, Deutsch lerne ich nie.“ Deshalb habe sie sich anfangs vor allem auf Englisch zu unterhalten versucht, erinnert sich die 15-Jährige. Zum Glück gebe es an der Schule noch zwei andere Kinder aus Bulgarien, „mit denen konnte ich mich natürlich auch unterhalten“.

Das Ganze ist gar nicht viel mehr als ein Jahr her, und mittlerweile spricht die Bulgarin fast akzentfrei Deutsch. Auch Hanan, mit der zusammen Melanie inzwischen in die 9. Klasse der Schweriner Erich-Weinert-Schule geht, hört man kaum noch an, dass nicht Deutsch ihre Muttersprache ist, sondern Arabisch. Zusammen mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern flüchtete das Mädchen vor drei Jahren aus dem Irak nach Deutschland. Inzwischen geht ihre ältere Schwester aufs Gymnasium, auch Hanan will unbedingt das Abitur machen und studieren.

„Und das wird sie auch schaffen“, ist Katrin Wächter überzeugt. Ein Jahr lang hat sie Melanie und Hanan unterrichtet – inzwischen sind neue Kinder in ihren Intensivkurs „Deutsch als Zweitsprache“ nachgerückt. Die Jüngste momentan ist elf Jahre alt, die Ältesten gehen in die 8. Klasse. „Es kann aber auch passieren, dass noch ältere Jugendliche mit im Raum sitzen.“

Einige der Schüler sind Flüchtlingskinder, andere, wie Melanie, hierher gekommen, weil ihre Eltern der alten Heimat aus beruflichen Gründen den Rücken kehrten. „Und fast alle sprechen sie anfangs kein einziges Wort Deutsch“, weiß die Lehrerin.

Doch ganz egal, aus welchem Land sie kommen und welche Vorkenntnisse sie mitbringen: Sie alle unterliegen der deutschen Schulpflicht, genauso wie hier geborene Kinder. Damit sie aber auch dem Fachunterricht folgen können, lernen die Mädchen und Jungen zuerst einmal in einem Intensivkurs die Sprache ihres neuen Heimatlandes. 20 Wochenstunden sind für „Deutsch als Zweitsprache“ vorgesehen, in der Regel ein Jahr lang, bei Bedarf aber auch darüber hinaus.

„Ihrem Alter entsprechend werden die Kinder aber trotzdem von Anfang an in eine Klasse eingegliedert“, erklärt Katrin Wächter. Fächer wie Sport oder Kunst, in denen man sich auch schon mit wenigen Worten verständigen könne, besuchen sie im Klassenverbund. Zusätzlich zum Intensivkurs Deutsch nehmen die Kinder an weiteren Stunden ihrer Klasse, an Wandertagen und Klassenprojekten teil, „damit sie wissen, dass sie dazugehören“, betont die Pädagogin.

Sie selbst ist von Haus her Deutsch- und Russischlehrerin. „Aber schon während meines Studiums zu DDR-Zeiten habe ich davon geträumt, Ausländer in Deutsch zu unterrichten“, erzählt die 47-Jährige. Heute könne sie manchmal noch von ihren Russischkenntnissen profitieren – auch jetzt gerade wieder, wo ein Junge aus der Ukraine ganz neu in den Sprach-Intensivkurs gekommen ist. Mit manchen ihrer Schüler könnte sie auch in Englisch sprechen – aber das seien alles nur Ausnahmen. „Unsere Unterrichtssprache ist von Anfang an Deutsch – und das funktioniert auch.“

Es sei erstaunlich, wie schnell die Mädchen und Jungen die neue Sprache erlernen würden. Der unbedingte Wille, hier so schnell wie möglich allein zurechtzukommen, sei allen ihren Schülern gemeinsam, betont Katrin Wächter.

Melanie, ihre einstige Schülerin, nickt dazu: „Wir müssen dreimal mehr als die deutschen Kinder lernen – aber das schaffen wir.“ In einigen Fächern – Biologie, Mathe und Englisch – sei sie in Bulgarien im Stoff zwar schon weiter gewesen. „Aber durch die neue Sprache musste ich das alles hier noch einmal neu lernen.“

Anfangs sei sie sehr traurig gewesen, aber inzwischen sehe sie es als große Chance, eine zweite Sprache von der Pike auf gelernt zu haben. Zu Hause, so erzählt das Mädchen, würde die Familie zwar noch hauptsächlich Bulgarisch sprechen – aber immer öfter auch Deutsch. „Bei manchen Wörtern muss ich echt schon überlegen, wie sie auf Bulgarisch heißen.“

Kathrin Wächter kann Diskussionen über mangelnden Integrationswillen und die fehlende Bereitschaft, Deutsch zu lernen, auch wegen solcher Geschichten überhaupt nicht nachvollziehen. „Und zwar ebenso wenig in Bezug auf meine Schüler wie auf ihre Eltern.“ Auch bei den Erwachsenen wäre es im Laufe des einen Jahres, in dem sie ihre Kinder im Regelfall im Sprachintensivkurs betreut, unübersehbar, wie sie sprachliche Fortschritte machten, betont die Lehrerin. Die meisten von ihnen würden dafür selbst die Schulbank drücken.

Wenn Kinder neu in ihren Kurs kommen, wie das auch jetzt nach den Winterferien der Fall sein wird, macht Katrin Wächter sich viele Gedanken über das, was möglicherweise bereits hinter ihnen liegt. „Viele haben Krieg und Flucht erlebt – mit ihnen muss man besonders behutsam sein“, weiß die Pädagogin aus vielen Berufsjahren. Persönlich hat sie Verständnis für die Not der Flüchtlingsfamilien: „Ich würde auch versuchen, mein Kind zu nehmen und es in Sicherheit zu bringen, wenn in meiner Heimat Krieg ist…“

Manche ihrer Schüler hätten aufgrund der Verhältnisse in ihrer Heimat oder der Dauer der Flucht schon sehr lange keine Schule mehr besucht. Sie müssten dann erst langsam wieder an das Lernen herangeführt werden und bräuchten besonders viel Zuwendung. „Das macht meine Unterrichtsvorbereitungen natürlich kompliziert – aber es macht für mich auch den Reiz meiner Arbeit aus, auch diesen Kindern die deutsche Sprache und damit den Einstieg in eine besseres Leben zu vermitteln.“

Ein besonderes Erfolgserlebnis sei es, wenn Schüler aus ihrem Kurs das Deutsche Sprachdiplom ablegen würden – eine international anerkannte Sprachkundigenprüfung. Melanie und Hanan gehörten im vergangenen Jahr zu den 55 Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund hier im Land, denen vom Bildungsminister dieses Diplom übergeben werden konnte. Momentan bereitet Katrin Wächter Mark, Omar und Yukti auf die entsprechenden Prüfungen vor, die im März stattfinden. Dass die Drei sie bestehen werden, daran hat ihre Lehrerin keine Zweifel.

So lernen  Kinder in  MV  Deutsch

Für Schülerinnen und Schüler, die sich nicht elementar verständigen können, beginnt die Sprachförderung in der Regel mit einem Intensivkurs. Die zusätzliche Sprachförderung kann bis zu zehn Wochenstunden in der Grundschule und bis zu 20 Wochenstunden in der Sekundarstufe betragen. In den darüber hinaus zu erteilenden Unterrichtsstunden erfolgt eine integrative Sprachbildung in allen Lernbereichen im Regelunterricht. Bei der Bewertung von Leistungen und der Benotung ist auf sprachlich bedingte Defizite beim Lernen Rücksicht zu nehmen.

Nach dem Auslaufen der Intensivkurse ist… eine begleitende Förderung vorgesehen, die in enger Zusammenarbeit zwischen den Regelklassenlehrkräften und den „Deutsch-als-Zweitsprache“-Lehrkräften auf der Grundlage der Sprachstandsfeststellungen zu  erfolgen hat. Über den Unterricht hinaus sind insbesondere Angebote von vollen Halbtagsschulen oder Ganztagsschulen zum Erwerb von Sprachkompetenz zu nutzen.

(Quelle:  Antwort  der  Landesregierung auf  eine  Kleine  Anfrage  der Landtagsabgeordneten  Simone  Oldenburg  (Linke)

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