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Lang verschollene Akten der NS-Sondergerichte in Mecklenburg ausgewertet : Die Willkür bekommt jetzt Namen

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Akten über 1200 Prozesse der beiden NS-Sondergerichte in Schwerin und Rostock sind im Bundesarchiv wiederentdeckt worden. Mindestens 135 Verfahren endeten mit einem Todesurteil.

svz.de von
erstellt am 23.Jun.2011 | 06:28 Uhr

Schwerin | Weil er Radio Moskau und andere "Feindsender" gehört hatte, wurde der einstige KPD-Mann Franz Mensing aus Röbel von der NS-Justiz zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hatte seiner Frau und seiner Tochter davon erzählt, die ihn verpfiffen. Als sie merkten, dass ihr Ernährer kein Geld mehr ins Haus bringen konnte, baten sie - vergeblich - um Gnade für den Ehemann und Vater.

Michael Buddrus hat den Fall im Bundesarchiv in Akten der Sondergerichte in Mecklenburg gefunden, die lange Zeit als verschollen galten. Immer wieder stößt der Historiker auf bewegende Schicksale, die diesen Herrschafts-Instrumenten des nationalsozialistischen Staates ausgeliefert waren. Die Willkür trug Namen. In einem Jahr will Buddrus all jene Juristen namentlich dokumentiert haben, die in Mecklenburg an den Sondergerichten im Sinne der Nazis die Angeklagten selten freisprachen, oft ins Zuchthaus schickten und in mindestens 135 Prozessen zum Tode verurteilten. Eine Datenbank soll alle wichtigen Informationen von 1200 Prozessen der beiden Sondergerichte in Schwerin und Rostock speichern: Angeklagte, Richter, Staatsanwälte, welche Tat vorgeworfen war, welche Strafe verhängt wurde. Dann wird sich einschätzen lassen, welcher Jurist ein Hardliner war und welcher vielleicht eher milde urteilte.

Von den 36 Richtern und Staatsanwälten am Schweriner Sondergericht gehörten 27 der NSDAP an, so Budderus am Mittwoch in Schwerin, wo er im Dokumentationszentrum für die Opfer der Diktaturen in Deutschland eine Zwischenbilanz zog. Neun von ihnen starben nach dem Krieg im Lager Fünfeichen bei Neubrandenburg, zwei wurden von der DDR-Justiz in den Waldheim-Prozessen verurteilt. Viele der anderen gingen in die Bundesrepublik, wo zumindest sechs wieder in der Justiz tätig waren. Der langjährige Chef des Schweriner Sondergerichts, Karl Buschmann, der selbst noch nach der Pensionierung der Nazi-Justiz diente, wurde 1945 von den Engländern interniert, die Schwerin besetzt hatten. 1947 verliert sich seine Spur in einem Lager in Niedersachsen.

Budderus schätzt, dass die beiden Sondergerichte in Mecklenburg etwa 6000 Urteile sprachen. Ein Großteil der Akten ist vernichtet. Offenbar vermitteln die wiederentdeckten 1200 Unterlagen dennoch ein detailliertes Bild. Die Nazis richteten die Sondergerichte bereits 1933 ein. Sie waren nur mit ausgesuchten Berufsrichtern besetzt, die Verteidiger hatten kaum eine Chance. Das Urteil fiel meist nach einem äußerst kurzen Prozess und war endgültig.

Reichsbahn-Angestellte wurde hingerichtet

In knapp der Hälfte der Prozesse standen die Angeklagten wegen angeblicher "Heimtücke" vor Gericht. Sie hatten zum Beispiel einen Witz über Hitler gerissen, oder nach einem Bombenangriff in Rostock geklagt: "Hoffentlich hat das hier bald ein Ende." Urteile wurden aber auch wegen Schwarzhandel, Wucher, Raub und Mord gefällt. Je länger der Krieg dauerte, desto härter wurden zwecks Abschreckung und Warnung die Strafen, so Budderus Eindruck. Ab 1939 traf dies besonders polnische Zwangsarbeiter. Einer von ihnen hatte Ärger mit seinem Bauern und "rächte" sich, indem er mit einem Stock einer Kuh aufs Euter schlug. Da der Bauer die Wehrmacht belieferte, wurde dem Angeklagten strafverschärfend Wehrkraftzersetzung zur Last gelegt.

Härter traf es Elisabeth U. aus Rostock. Sie klaute als Reichsbahn-Angestellte bei der Gepäckaufbewahrung aus zahlreichen Koffern. Weil sie angeblich mit polnischen und französischen Zwangsarbeitern ihre "Beute" verprasste, wurde sie hingerichtet. Todesurteile verhängten die Sondergerichte auch gegen 29 Diebe, 24 Plünderer, elf Sittlichkeitsverbrecher, sechs Brandstifter, zwei Heiratsschwindler, drei Betrüger und neun Arbeitsverweigerer. Unter den neun Mördern war eine Bordellbesitzerin, die vier Ehemänner und drei Kunden umgebracht hatte. Buderus: "Nicht jeder Angeklagte war Opfer der NS-Justiz." Der jüdische Kaufmann Theodor Salomon allerdings wurde ein Opfer des NS-Systems. Er fiel bei der Ausreise nach Dänemark mit einem gefälschten Pass auf. Weil er glaubte, bereits dänische Grenzbeamte vor sich zu haben, berichtete er von den Gräueln in den Konzentrationslagern, damit sie ihn nicht zurück nach Deutschland schicken. Die Beamten waren jedoch Gestapo-Männer. Wegen Heimtücke wurde Salomon zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Kurz nach der Haftentlassung wurde er nach Auschwitz deportiert.

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