Die Währung der Visionäre

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03. Februar 2010, 11:42 Uhr

Parchim | Verschlafen wirkt das Dörfchen Drenkow im Winter. Kein Mensch auf der Straße, keine Autos, die vorbeifahren, keine Supermärkte, keine riesigen Reklameschilder. Nur ein altes Metallschild mit der Aufschrift "Konsum" vor einem Bauernhof deutet darauf hin, dass es hinter der Tür aus Holz und Glas etwas zu entdecken gibt. Hier, in der alten Hofscheune, verkaufen die Bauern des Siebengiebel hofes Produkte, die sie selbst hergestellt haben: Bockshornkäse, Korianderkäse, Quark, Joghurt.

Wer nicht in Euro bezahlt, schiebt einen kleinen Granitstein über den Ladentisch. Er ist schwer, rund und geschliffen und hat einen Namen: "Goldmarie". Der steinerne Taler ist die regionale Währung, die der "Initiativkreis Regiogeld MV" im Landkreis Parchim weiter etablieren will. Jörg Grigat, Bauer vom Siebengiebelhof ist Mitinitiator.

Ein steinerner Taler als Alternative zum Euro pünktlich zur Finanzkrise? Nicht unbedingt, erste Pläne gibt es schon seit 2005. Und die Erfinder der Goldmarie sind spät dran: Seit 2001 in Bremen der "Roland", die erste Regionalwährung Deutschlands, in Umlauf kam, entstehen ähnliche Projekte überall. Sie heißen Chiemgauer, Havelblüte, Rheingold oder Urstromtaler. Bundesweit gibt es inzwischen 24 regionale Zahlungsmittel, kurz Regio. 39 weitere sind in Vorbereitung. Regios sollen vor allem eines: das Geld und die Kaufkraft in der Region halten. Denn mit einem Zahlmittel, das nur in einer bestimmten Region gültig ist, wird der Umsatz vor Ort angekurbelt, werden automatisch lokale Erzeuger und Händler unterstützt - so die Idee.

Besonders wichtig sei das in Zeiten globalisierter Wirtschaftskreisläufe, meint Jörg Grigat: "Es ist ein einfaches Mittel für Menschen, den Warenverkehr dort, wo sie leben, zu organisieren." Natürlich könne man auch den Euro wie eine Regiowährung nutzen und nur Dinge damit kaufen, die im Nordosten produziert werden. Das machen aber die wenigsten.

"Die Menschen denken und handeln noch zu wenig regional", sagt Grigat. "Sie sehen nicht, dass regionale Arbeitsplätze unmittelbar an regionale Umsätze geknüpft sind. An dieser Stelle hilft eine zusätzliche Währung, die man nur innerhalb eines kleinen Gebiets ausgeben kann."

Doch damit der Regio-Rubel rollen kann, braucht es eine starke Wirtschaft vor Ort: genügend Erzeuger und ausreichend Händler, die nicht zu großen nationalen oder internationalen Ketten gehören, und die das alternative Geld annehmen und eintauschen. Doch daran krankt es bei den meisten Initiativen in den ländlichen Regionen bislang noch.

Dirk Müller, der etwas weiter nördlich mit seinen Mitstreitern vom Verein "Bützower Land" seit 2007 versucht, ein alternatives Zahlungsmittel im Kreis Güstrow zu etablieren, fasst die Probleme zusammen: "Wir wollen die Wirtschaft vor Ort unterstützen. Aber die muss man erstmal haben. Das ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei."

Als ersten Schritt auf dem Weg zur zweiten Währung in Bützower Portmonees rief die Landrunde nun schon einen Tauschring ins Leben.

Gehandelt wird dort nicht mit Waren, sondern mit dem, was die Bützower am besten können: Schafe scheren, Fenster putzen, Rosen oder Hecken schneiden, Internetseiten oder Plakate gestalten, mittelalterliche Musik machen, Auto fahren.

Der Wert ihrer Arbeit wird nach Stunden berechnet, die mit Buchungsbelegen festgehalten werden. Die können dann wieder gegen andere Dienstleistungen innerhalb des Rings eingelöst werden. So entsteht eine lokale Nebenwährung auf Zeit. Die Bützower nennen sie den "Warnowtaler". Irgendwann, so hoffen sie, soll es ihn auch als "echten" Schein oder Taler geben - wie es in anderen Regionen Deutschlands längst üblich ist.

Die regionalen Noten unterliegen jedoch Auflagen der Bundesbank. Nebengeld ist nur erlaubt, wenn sie sich von der gängigen Währung unterscheiden, in Form, Farbe und mit dem Aufdruck "Gutschein". Weitere Vorschrift der Bundesbank: die Wertgutscheine sollen räumlich und zeitlich nur begrenzt verwertbar sein. Das passt den Unterstützern der Regionalwährungen genau ins Konzept. Denn Geld, das schnell verfällt, zwingt die Kunden, es ständig auszugeben. So halten sie die Wirtschaft in Schwung.

Doch bis in MV mit regionalen Scheinen bezahlt wird, ist es noch ein weiter Weg. Noch sind die Initiatoren der "Goldmarie" und des "Warnowtalers" auf der Suche nach dem tragfähigsten Modell für ihre Region. Ein leistungsgedeckter Regio, so meinen sie, könnte am besten passen - der nicht in Euro, sondern nur in Arbeitsleistung getauscht werden kann. Das Konzept halten auch Regiogeld-Experten für passend in strukturschwachen Regionen.

Doch die Regio-Pioniere in Mecklenburg-Vorpommern gehen noch einen Schritt weiter: Langfristig träumen sie von einer energiegedeckten Währung, mit der der Strom aus Bürgersolaranlagen bezahlt werden kann. In Bützow ist bereits eine in Betrieb. Dirk Müller hofft darauf, dass später eine Kopplung mit dem Warnowtaler gelingt.

Im Kreis Parchim scheiterte die alternative Energiegewinnung vor Ort bislang an der Finanzierung. Doch wenn es erst einmal ein solches lokales Energienetz gibt, meint Jörg Grigat, hätten die Menschen auch ein stärkeres Interesse, an Regiogeld zu kommen - und würden ganz nebenbei im "Goldmarie"-Gebiet etwas für den Umweltschutz und für das Gemeinwohl tun.

Denn die Besonderheit dieses Steintalers ist, dass er nur durch gemeinwohlorientierte Arbeit in Umlauf gelangt. "Und so wollen wir Schritt für Schritt unsere Gemeinschaft verändern. Die ,Was-bekomme-ich-Mentalität umkehren in eine ,Was-kann-ich-tun"-Mentalität ", sagt Jörg Grigat.

Der Bauer ist überzeugt: Der kleine Steintaler kann ein wichtiger Baustein für die Region sein. "In der Finanzkrise stecken wir alle gemeinsam, genau wie in der Energiekrise. Dagegen angehen können wir nur im Kleinen, mit vielen einzelnen Schritten." Anfangen müsse man vor der eigenen Haustür. Zum Beispiel im kleinen verschlafenen Dörfchen Drenkow.

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