Mobile Versorgung : Die Tafel auf vier Rädern

Freut sich über die Lebensmittel-Lieferung in der Weihnachtszeit:  Karin Glauß (r.)  aus Zernin  nimmt die Waren von Tafel-Mitarbeiterin Brigitte Rahn entgegen.
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Freut sich über die Lebensmittel-Lieferung in der Weihnachtszeit: Karin Glauß (r.) aus Zernin nimmt die Waren von Tafel-Mitarbeiterin Brigitte Rahn entgegen.

Mobile Versorgung: Bützower Helfer fahren zu Bedürftigen aufs Land. Ältere und Kranke sind ohne Geld und Verkehrsanbindung.

svz.de von
14. Dezember 2013, 16:00 Uhr

Es ist kalt und windig an diesem Vormittag. Karin Glauß steht mit einer Wollstrickjacke bekleidet vor ihrer Haustür und wartet. Die Rentnerin aus Zernin bei Bützow weiß: Auf den Tafel-Wagen ist Verlass. Lange muss sie nicht ausharren, bis der weiße Transporter hupend um die Ecke kommt. Schwungvoll öffnet Brigitte Rahn die Tür des Transporters. Die 59-Jährige trägt eine blaue Schürze der Bützower Tafel – und eine Nikolausmütze. „So viel Spaß muss sein“, sagt sie augenzwinkernd und drückt Karin Glauß eine große Tüte mit Lebensmitteln, einen Kalender und Tiefkühl-Pizzen in die Hand. „Vielen Dank“, sagt die 61-Jährige leise. Ihr Mann und sie bekommen derzeit nur eine kleine Arbeitsunfähigkeitsrente. Sie hat früher als Köchin bei der LPG gearbeitet, er als Kraftfahrer. „Ich finde es wunderbar, dass Bedürftigen geholfen wird“, meint sie. „Wenn ich mal eine höhere Altersrente habe, werde ich die Tafel unterstützen.“

Brigitte Rahn ahnt, dass das keine leeren Worte sind: „Die am wenigsten haben, geben immer noch ab.“ Seit zwölf Jahren ist sie ehrenamtlich dabei, fährt gemeinsam mit dem Tafelvorsitzenden Harry Eichstädt über Land und liefert Lebensmittel an Menschen aus, denen es nicht gut geht. Hauptsächlich Rentner und Kranke, die nur wenig Geld haben und es auch mangels öffentlicher Verkehrsmittel nicht mehr bis zur wöchentlichen Waren-Ausgabe schaffen. Viele haben niemanden mehr, der sich regelmäßig um sie kümmern kann. Für sie ist die mobile Tafel da. „Manche tun einem schon sehr leid“, erzählt Brigitte Rahn. Manchmal komme es auch vor, dass die älteren Leute weinen müssen. „Dann kommen mir selber die Tränen“, gibt sie zu. In solchen Fällen nimmt sie sich ein paar Minuten Zeit. Zeit zum Zuhören, Zeit zum Reden. Zeit, die eigentlich knapp ist. So müssen an diesem Tag insgesamt 26 Kisten und Tüten an Haushalte in die kleinen Ortschaften rund um Bützow geliefert werden.

 

Mehr Zeit als gedacht benötigen die Helfer diesmal in Boitin. Ein älterer Herr, der allein wohnt, öffnet nicht die Tür. Sein Hund bellt. „Der Mann ist auf die Lebensmittel-Lieferung angewiesen“, sagt Harry Eichstädt. Normalerweise komme der über 70-Jährige immer mit seinem Rollator zur Haustür. Eichstädt macht sich Sorgen. Schließlich findet sich ein Nachbar, der die Tüte entgegennimmt und verspricht, später noch einmal bei dem älteren Herrn nach dem Rechten zu sehen.

In Tarnow haben die Tafel-Mitarbeiter dagegen von vornherein mehr Zeit eingeplant. Hier lebt eine ältere Frau, fast 90-jährig, im zweiten Stock. Die Treppe kommt sie nicht mehr ohne fremde Hilfe hinunter. Deshalb trägt Brigitte Rahn ihr die Tüte bis in die Wohnung. Manchmal stellt sie auch schnell noch Trockner oder Waschmaschine an. „Das muss schon drin sein“, sagt Brigitte Rahn, die ganz in ihrer Arbeit aufgeht.


Auto-Reparaturen gehen ins Geld


Eine sinnvolle Aufgabe zu haben – das treibt auch Harry Eichstädt an. Er hat die Bützower Tafel vor 17 Jahren mitgegründet. Mal als Maßnahme, mal im Ehrenamt hat der 63-Jährige inzwischen unzählige Kilometer für den guten Zweck zurückgelegt. Täglich steht eine andere Strecke auf dem Programm, alle 14 Tage wiederholen sich die Touren. „Bislang ist noch keine einzige Tour ausgefallen“, sagt der Tafel-Vorsitzende.

Doch ob das auch in Zukunft so bleibt, ist fraglich. Vor einem halben Jahr musste das zweite Auto verkauft werden. „Wir konnten uns die laufenden Kosten nicht mehr leisten“, bedauert Eichstädt. Das verbliebene Auto ist auch schon zehn Jahre alt. Gerade eben erst hat die Tafel 1000 Euro für eine Reparatur aufbringen müssen. Der gemeinnützige Verein braucht dringend einen neuen Wagen, am besten mit Kühlung, damit die EU-Auflagen für den Lebensmittel-Transport erfüllt werden können.

Auch an diesem Tag wird der alte Transporter wieder strapaziert. Seit sieben Uhr morgens sind die Helfer unterwegs, haben Lebensmittel bei Geschäften, Supermärkten und Bäckereien abgeholt. Dann kam Verstärkung zum Sortieren. Jetzt geht es ans Verteilen. Alles ist genau abgepackt. Im Gegensatz zur Warenmenge hat die Zahl der Bedürftigen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, wie Eichstädt berichtet. Ingesamt versorgt die Tafel mit Ausgabestellen in Bützow und Schwaan zwischen 450 bis 500 Personen – 40 Neuanmeldungen sind allein in diesem Jahr dazugekommen. Sponsoren sind in der industriearmen Region dagegen rar.

Tatsächlich, so vermutet Eichstädt, gibt es noch weit mehr Bedürftige. Viele trauten sich nur nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hildegard Bastian aus Tarnow kennt das Gefühl, die Scham überwinden zu müssen. Die Rente der 77-Jährigen reicht kaum zum Leben. Über Nachbarn ist sie auf das Angebot der Tafel aufmerksam gemacht worden, wie sie erzählt. „Heute denke ich, dass ich das ruhig eher hätte nutzen können.“ Die Tafel sei ihr eine große Hilfe. „Gut, dass es so etwas gibt“, meint Hildegard Bastian, als sie ihren Beutel für den symbolischen Wert von zwei Euro entgegennimmt. Im Gegenzug drückt sie Brigitte Rahn eine Tüte mit selbst gebackenen Plätzchen in die Hand. Und die Helferin sieht ihre Erfahrung an diesem Tag zum zweiten Mal bestätigt: Die am wenigsten haben, geben immer noch ab.

Schweriner Landtag unterstützt Spendenaktion

Schwerin Unterstützung für unsere Weihnachts-Spendenaktion kam in dieser Woche auch vom Schweriner Landtag. Bei der traditionellen Weihnachtsfeier   mit Konzert in der Schlosskirche gaben die Besucher insgesamt 105,45 Euro in die Spendenbüchse der Tafeln und unserer Zeitung.

Rund 450 Gäste waren   am Mittwoch Abend in das Schweriner Schloss gekommen, darunter Abgeordnete und Vertreter der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern, ehemalige Spitzenpolitiker und Parlamentarier wie Ex-Ministerpräsident Harald Ringstorff und die langjährige Vizepräsidentin Renate Holznagel sowie Vertreter aus Wirtschaft, Kirche und Kultur. Auch aus der Wojewodschaft Westpommern waren Gäste angereist.

Das Konzert gestaltete der Chor der Schlosskirchengemeinde gemeinsam mit Solisten des Mecklenburgischen Staatstheaters.hoff

 
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