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Die Schöne und das Kapital

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erstellt am 02.Apr.2012 | 10:49 Uhr

Sassnitz | Der Fahrer des dicken Reisebusses von "Kettlers Reisedienst" lässt den Motor laufen. Das kohlendioxid-geschwängerte Geknatter vor dem Eingang des Nationalparks Jasmund am Sassnitzer Ortsende wird noch übertönt von der Gruppe Halbwüchsiger, die durch den sonst stillen Buchenwald lärmt. "Ist es noch weit bis Sassnitz?", fragt hochroten Kopfes, heraushängender Zunge, hoffnungsvollen Blicks eine etwa 15-Jährige, die offenbar bei ihrem Schulausflug gerade ganz Rügen zu Fuß umrundet hat. Ingolf Stodian kann die junge Dame beruhigen. "Noch etwa 200 Meter bis zum Ortsrand", sagt der Chef des Nationalparks und fügt ein paar Schritte später an der von Abbrüchen bedrohten Steilküste mit Ironie hinzu: "Und Handyempfang gibts hier auch nicht".

1,5 Millionen Besucher zählt der Nationalpark im Jahr, die Schulklassen zählen ebenso dazu wie Gitte Liskow und Elke Unbehauen aus Berlin. Die beiden Damen verbringen in Sellin einen Urlaub und haben sich heute für eine Küstenwanderung entschieden. Auch sie sind über die Weite des Parks erstaunt und wünschen sich Kilometerhinweise von Station zu Station. Die angebrachten Warnschilder vor Abbrüchen haben sie sehr aufmerksam wahrgenommen, sagen die beiden und werden ernster. Schließlich haben die Abbrüche beispielsweise an den Wussower Klinken und der tragische Tod der zehnjährigen Katharina bei einem Erdrutsch in Putgarten Weihnachten vergangenen Jahres die Öffentlichkeit sensibilisiert. Dennoch haben sich bei strahlendem Sommerwetter auch Gitte Liskow und Elke Unbehauen auf den Weg nach unten gemacht, sind direkt an der Steilküste entlanggewandert. Aber sie wissen die richtige Antwort: "Bei Regen und Nässe" antworten sie auf die Frage, wann man solche Wanderungen vermeiden sollte.

Das bestätigt auch Ingolf Stodian, schränkt aber eine Woche vor dem ersten großen Gästeansturm der Saison, den Osterfeiertagen, ein: "Wir empfehlen, die Treppen zu benutzen und dann ein paar Meter nach links oder rechts zu gehen." Laut dem studierten Geologen nimmt ein Hektar Laubwald 500 Millimeter Niederschlag im Jahr auf, 756 gehen aber durchschnittlich jährlich im Nationalpark nieder - 256 Millimeter, die nicht aufgenommen werden können, den Untergrund, die Kreide, ins Rutschen kommen lassen. Der höchste Wert, der im Park je gemessen wurde, lag sogar bei 1200 Millimeter. Stodian ist sich sicher: "Es wird alles abbrechen, das macht es nämlich schon seit tausenden Jahren". Auch der Königsstuhl, das Wahrzeichen schlechthin. Viel ändern an diesen Vorgängen will der Nationalpark-Chef offenbar nicht.

Damit kommt er aber beim Lohmer Bürgermeister Matthias Ogilvie (CDU) nicht besonders gut an. Überhaupt scheint auf Deutschlands größter Insel ein Kampf zu toben - die Befürworter von Küstenschutzmaßnahmen auf der einen Seite und die, die weitgehend dem Nationalpark den natürlichen Prozessen überlassen wollen. Matthias Ogilvie, Inhaber des mondänen Panorama Hotels in Lohme, das direkt auf der Steilküste steht und einen Blick bietet, der seinesgleichen sucht, hält Stodian zwar für einen aufgeschlossenen Mann, mit dem man gut zusammenarbeiten könne. Bei einigen Fragen aber sei er anderer Meinung und im Verlaufe des Gespräches im Restaurant fällt dann auch das eine oder andere sehr harte, nicht zitierbare Wort. "Der Naturschutz darf nicht vom Prozessschutz verdrängt werden", fordert der Bürgermeister jedenfalls. Soll heißen: Mehr aktive Küstenschutzmaßnahmen müssen her, die größte Insel Deutschlands dürfe nicht einfach der Küstendynamik überlassen werden - vor allem mit Blick auf Natur- und auch Kulturdenkmäler ersten Ranges. Matthias Ogilvie nennt dabei mehrfach den Königsstuhl und auch Kap Arkona als uraltes keltisches Heiligtum. Der Bürgermeister und Hotelier will das Kapital, das in der Schönheit der Insel liegt, nicht einfach drangeben. Nach dem tragischen Todesfall habe man für einige Wochen erhebliche Buchungsrückgänge registrieren müssen.

Zuversichtlich, wie es ihr Job ist, zeigt sich die Tourismuszentrale Rügen. "Eine Umfrage zur Auslastung an den Osterfeiertagen hat aktuell einen Wert von 75 Prozent ergeben. Damit liegen wir etwas unter den Zahlen von 2011 mit 80 Prozent. Da bis Ostern noch eine Woche vergeht, sind auf jeden Fall noch Zuwächse drin. Wie wir wissen, spielen die Kurzentscheider in den letzten Jahren eine immer größere Rolle und wenn dann noch das Wetter mitspielt, werden die Gästezahlen noch steigen", sagt Sprecher Klaus Grünewald. Und die Abbrüche, die Gefahren? Für Offenheit plädiert da Klaus Grünewald ebenso wie Matthias Ogilvie. "Die Tourismuszentrale Rügen tritt schon seit Jahren in der Problematik Küstenabbrüche aufklärend und mit Informationen sowohl an Gäste der Insel als auch an Hotels, Pensionen und örtliche Infostellen heran. Es gilt, der Gefahr von vornherein entgegenzuwirken, indem auf die Beachtung wichtiger Verhaltensregeln seitens der Gäste hingewiesen wird", sagt der Sprecher. Der Lohmer Hotelier, findet, dass es keinen Sinn mache, den Kopf in den Sand zu stecken. Ob das alle seiner Kollegen auf Rügen so sehen? "Ich hoffe es jedenfalls", sagt er vorsichtig. In seinem Haus würden alle Gäste beim Einchecken auf die Gefahren hingewiesen Flyer würden verteilt und auch Zeitungsartikel.

Die Nationalpark-Mitarbeiter selbst haben Informationsboxen an den Parkplätzen mit Gefahrenblättern bestückt und an den Zugängen des Nationalparks 17 Informationstafeln sowie acht neue Warnschilder aufgebaut. Der Nationalpark verändert derzeit das Sicherheitskonzept für Wanderer und baut Absperrungen auf freier Strecke ab. Verstärkt wird auf Warnhinweise und selbstverantwortliche Besucher gesetzt. Bei der Entscheidung, Absperrungen abzubauen, hätten auch haftungsrechtliche Fragen eine Rolle gespielt, sagt Nationalpark-Chef Stodian.

Der Landkreis Vorpommern-Rügen ist auch noch mit von der Partie. Durch den Kreis seien rund 60 B-Pläne im 200-Meter-Küstenbereich der Insel erfasst worden, so Sprecherin Carina Schmidt. Dabei handele es sich um die Gebiete Mönchgut-Granitz, Hiddensee, Wittow, den Bereich der Schaabe, Jasmund mit Sassnitz und Lohme, Mukran und den Abschnitt zwischen Mukran und Binz. Derzeit erfolge eine Überprüfung, wo es besondere Gefährdungen durch potenzielle Küstenabbrüche geben könnte. Die Ergebnisse würden dann mit den betroffenen Gemeinden beraten. Im Einzelfall bedürfe es möglicherweise konkreter hydrogeologischer Gutachten, um Gefahrenpotenziale und sich daraus ableitende Maßnahmen konkret zu bestimmen. Insgesamt seien auf der Insel derzeit fünf Gebäude durch Abbrüche gefährdet. Dabei handelt es sich um zwei Bauten in Sassnitz - wobei ein Mal eine Nutzungsuntersagung erfolgte und eine freiwillige Räumung -, einen Bau in Lohme und einen in Mukran, wo es auch schon eine Nutzungsuntersagung wegen illegaler Nutzung gegeben habe, informiert die Sprecherin. Hinzu komme noch ein Gebäude in Putgarten, das freiwillig geräumt wurde.

Carina Schmidt erinnert ebenso daran, dass das Land Überfliegungen gefährdeter Küstengebiete mit Laserscannung und anschließender Kartierung vornehmen wolle. Die Daten würden auch dem Landkreis zur Verfügung gestellt. "Über die Steilküste und die Risiken wird zudem auf geführten Wanderungen und ab Mai 2012 in einer Sonderausstellung aufgeklärt", so die Sprecherin. Nach Ansicht des Landkreises und der Gemeinde Putgarten sollte auch geprüft werden, ob am Kap Arkona die Steinbefestigung am Hangfuß auf Höhe der Königstreppe zu beiden Seiten verlängert werden kann. "Das Land erteilt einer Erweiterung der Küstenschutzanlagen zur Steilküstensicherung am Kap Arkona und in Vitt eine Absage. Damit können sich Landkreis und Kommune nicht zufrieden geben. Es muss eine Lösung gefunden werden, wenn man Arkona auf lange Sicht nicht aufgeben will. Hier gibt es noch Gesprächsbedarf", sagt die Sprecherin.

Und ist damit bei Hotelier Matthias Ogilvie. Doch der will noch mehr. Ein "integriertes touristisches Küstenmanagement" für ganz MV fordert er. Damit sollten Maßnahmen erprobt werden, wie Lösungen zu finanzieren sind, die aus touristischer Sicht nicht abschreckend wirken. "Ich habe den Eindruck, dass das Problem mittlerweile in Schwerin angekommen ist. Aber nun heißt es, dranbleiben." Eine oder vielleicht zwei Millionen Euro würden Küstenschutzmmaßnahmen am Kap Arkona kosten, schätzt Matthias Ogilvie: "Dafür muss sich das Land einsetzen". Nationalpark-Chef Ingolf Stodian bestätigt die Summe von zwei Millionen Euro für einen Wellenbrecher mit dahinter liegender Aufspülung mit einer Länge von 150 Metern. Aber: Auf dem gesamten Abschnitt von Kap Arkona bis Sassnitz mit 37,5 Kilometer Länge würde der Spaß dann schon eine halbe Milliarde Euro verschlingen, sagt Stodian, während er auf der Kliffkante "Am Hengst" auf einen beängstigenden Riss hinweist.

Es scheint, als sei es nicht der einzige Riss, der durch Rügen geht.

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