25 Jahre, 25 Köpfe : Die rote Eminenz

So kennt man Gabi Mestan: immer auf Achse.
So kennt man Gabi Mestan: immer auf Achse.

Die ehemalige Linken-Abgeordnete Gabi Mestan freut sich über ersten Bürgermeister der Linken in Hagenow

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11. August 2015, 12:00 Uhr

Als im Oktober 1989 die Jubelfeiern aus Anlass des 40. Jahrestages der DDR weitestgehend verklungen waren, hatte Gabi Mestan beruflich schon das erreicht, was man eine Bilderbuch-Karriere made in GDR nennen kann. Nach einer Lehre als Industriekauffrau und einem Studium zur Diplomhistorikerin  war  die gebürtige Eise-nacherin in Suhl als Lehrerin für Geschichte und Russisch tätig, arbeitete hauptamtlich bei der FDJ in Suhl, bevor sie noch unter ihrem früheren Familiennamen Schulz an die SED-Kreisleitung nach Hagenow delegiert und nach einem Jahr als 2. Sekretär eingesetzt wurde. Man erinnere sich, die 2. waren in einer Kreisleitung meist die sogenannten grauen Eminenzen hinter dem allgewaltigen 1. Kreissekretär.

„In dieser Funktion war ich im Frühjahr 1989 unter anderem für die letzten DDR-Kommunalwahlen und deren personalpolitische Zusammensetzung verantwortlich. Das hat mich oftmals um den Schlaf gebracht, da es mir oft unmöglich schien, den Strukturanforderungen der Partei zu entsprechen und geeignete Kader für die Gremien zu finden sowie neue Mitglieder aufzunehmen“, blickt die heute 63-Jährige zurück. Sie schränkt allerdings ein, in dieser Situation trotzdem „funktioniert“ und das staatstragende Parteiensystem kaum in Zweifel gestellt zu haben. Mestan: „Im Detail habe ich aber schon nach anderen Haltungsmustern in der SED gesucht und an der Parteihochschule hinter verschlossenen Türen über einen anderen Führungs- und Arbeitsstil in der SED diskutiert und gestritten sowie die Rolle einer alten Politbüro-Männerriege hinterfragt.“

Aber das waren nur leise Töne und der Traum von einer besseren DDR, gibt sie selbstkritisch zu. Sie habe weniger Zweifel am Gesamtsystem gehabt, als vielmehr Probleme mit handelnden Personen im Kreis und im früheren Bezirk Schwerin gesehen. Machtarroganz und Einschüchterungen waren ihr stets suspekt. Trotzdem habe sie in dieser Zeit als Teil des Machtapparates der SED funktioniert und oft auch blind vertraut. „Dass sich manches ändern musste, war mir klar, aber das Wie war nur der vage Traum von einem reformierten Sozialismus in der DDR.“ Ihr war aber klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Trotzdem habe sie das politische Tempo des Herbstes überrascht und sehr betroffen gemacht.

Das neue politische System hat Gabi Mestan von der Pike auf kennengelernt. Nach der Abwicklung der Kreisleitung war sie arbeitslos, jobbte als Finanzkauffrau, absolvierte zahlreiche Weiterbildungen und stieg erst 1995 als Fachberaterin im „Kommunalpolitischen Forum MV“ wieder ins richtige Arbeitsleben ein.

1998 wurde sie mit PDS-Mandat Abgeordnete des Landtages MV und übte dort acht Jahre das Amt der Parlamentarischen Geschäftsführerin der Fraktion aus, also eine Art „Rote Eminenz“. Mestan: „Für mich gab es keine Alternative, als in meiner Partei für Veränderungen zu sorgen, um so ein Stück Schuld abzutragen und meine Fahne nicht in den Wind zu hängen.“ Dass sie später vom Amt der Vizepräsidentin des Landtages wegen Stasikontakten aus ihrer Kreisleitungszeit zurücktrat, erklärt Mestan, die seit 2005 mit einem tschechischen Kommunisten verheiratet ist, so: „ Ich kam mit dem medialen Druck auf meine frühere Familie nicht klar und wollte meine Fraktion nicht belasten.“ Es ging wohl seinerzeit um einen Reisebericht von einer Jugendtouristreise 1987 nach Hamburg, den sie über die aggressive Haltung eines Amtsleiters in der Hamburger Bürgerschaft zur DDR geschrieben hatte.

Nachdem sie 2011 als ausgewiesene kommunalpolitische Expertin aus dem Schweriner Landtag ausschied, wurde Ceske Budejovice ihr neues Zuhause, wo sie fortan nach zehn Jahren Fernbeziehung mit ihrem Mann Zdenek zusammenlebt und den Ruhestand genießt. Der Kontakt nach Deutschland aber ist ungebrochen. Schließlich leben hier ein Teil ihrer Kinder und Enkel und viele politische und private Freunde. Gabi Mestan freut es, dass im November mit Thomas Möller erstmals ein Linker als Bürgermeister in Hagenow agiert. Dafür hat sie in ihrer Zeit in der Kleinstadt stets gekämpft und gearbeitet. Jetzt aber genieße sie in Budweis mit ihrem Zdenek vor allem den Garten, lernt fleißig tschechisch.
 


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