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Die Rennpappe lebt

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erstellt am 28.Apr.2011 | 08:09 Uhr

Zwickau | Abschied in Pink: Ein letztes Mal stand die "Legende auf Rädern" vor 20 Jahren im Rampenlicht. Unter Blitzlichtgewitter und bundesweitem Medieninteresse rollte am 30. April 1991 der letzte Trabant mit der Fahrzeugnummer 3 096 099 in Zwickau vom Band. Zwei Jahrzehnte später muss die Pappe in Pink das Jubiläum allein verbringen. Aufgereiht zwischen zahlreichen Vorläufermodellen steht der 1.1er-Trabi unbeachtet im Depot des August Horch Museums in Zwickau.

33 Jahre lang war die sächsische Stadt die Wiege des Trabant: Vom P50, der ab 1957 unter dem Sachsenring-Logo produziert wurde, über den P60 als Modell der 60er-Jahre bis hin zum berühmten P601, der mit seinen Kulleraugen und der bevorzugten himmelblauen Farbe die Straßen der DDR prägte - und am Ende auch zum Symbol für Stagnation und die Verbohrtheit der politischen Führung wurde. "Nach der Wende wollten alle nur noch ein West-Auto. Dabei ist der Trabi auf der Strecke geblieben", sagt Wolfgang Kießling, bekennender Trabi-Fan und Chef des Internationalen Trabant-Registers.

An Sachsenring erinnert nur Kita und Klubhaus

Selbst das knallige Pink, der Viertakt-Lizenzmotor von VW mit seinen 40 PS oder die erste leistungsfähige Heizung konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der letzte Trabi trotz aller Neuerungen im Grunde ein 28 Jahre altes Auto war. Als die Serienproduktion des 1.1er im Mai 1990 anlief, verhandelten der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble und Staatssekretär Günther Krause (beide CDU) auf Seiten der DDR bereits über den Einigungsvertrag.

Auf dem historischen Sachsenring-Gelände an der Crimmitschauer Straße, wo zuvor August Horch Autos baute, produziert inzwischen ein Zulieferer Teile für Fahrwerk und Karosse. Außerdem arbeiten hier 600 Mitarbeiter für einen Fahrzeugentwickler. Auf dem Gelände am Rande der Zwickauer Innenstadt selbst erinnert nichts mehr an das Kultauto. Nur ein altes Klubhaus und ein Kindergarten tragen nach wie vor den Namen Sachsenring.

Ihr eigentliches Ende nahm die Geschichte des Trabant bereits am heutigen Standort des Zwickauer Automobilbaus: "Denn der letzte Trabi lief schon in Mosel vom Band, dort wurde 1988 die neue Taktstraße gebaut", erklärt Trabi-Experte Wolfgang Kießling. Zwar wurden einzelne Teile noch an historischer Stätte nahe dem Zentrum gefertigt, doch die Endmontage des Fahrzeugs erfolgte bereits im Stadtteil Mosel. Heute baut Volkswagen an dieser Stelle, wo vor 20 Jahren um 14.51 Uhr der letzte Trabant vom Band rollte, Golf und Passat.

Ob der Trabi irgendwann wieder Teil der Zwickauer Automobilbautradition wird, steht in den Sternen. Zwar sorgte das Projekt "Trabant nT" bei der Frankfurter IAA 2009 weltweit für Furore. Doch das Team aus Miniatur autohersteller Herpa, dem Sonderfahrzeugbauer Indikar aus Wilkau-Haßlau in der Nähe von Zwickau und dem Braunschweiger Designer Nils Poschwatta ist bislang keinen Schritt weiter. "Wir verhandeln derzeit noch über eine Serienproduktion", ist alles, was sich Indikar-Geschäftsführer Ronald Gerschewski entlocken lässt.

Amerikaner fahren auf Trabis ab

Bis Fans des DDR-Kultautos wieder in einem himmelblauen Trabant übers Land rollen können gibt es zumindest einen Trost: Das Internationale Trabantfahrer-Treffen (ITT), das in seinen Glanzzeiten als weltweit größte Trabi-Veranstaltung bis zu 50 000 Besucher lockte, soll nach zwei Jahren Auszeit wieder auferstehen. Doch die Klientel habe sich verändert, die Zeit der "jungen wilden Trabi-Tuner" sei vorbei, meint Kießling. Stattdessen werde das DDR-Auto mehr und mehr zum Liebhabermodell. "Langsam wird der Trabant zum Museumsauto", ist auch Rudolf Volln hals überzeugt. Der Leiter des August Horch Museums konnte den Trabi-Fans unlängst eine große Neuigkeit verkünden: Die Ausstellungsfläche wird bis 2014 fast verdoppelt. Damit soll vor allem die jüngere Automobilgeschichte mit Trabi und Volkswagen mehr Platz bekommen. Das lässt sich Audi rund neun Millionen Euro kosten. "Dann steht auch der letzte Trabi endlich im Rampenlicht", sagt der Museumschef. Und mit ihm ein Großteil der 30 Trabis, die momentan ihr Dasein im Depot fristen. Zudem soll die letzte Duroplast-Fertigungsanlage Teil der Dauerausstellung werden.

Die Begeisterung für die Pappe reicht indes sogar bis in die Vereinigten Staaten: Matt Annen aus dem Bundesstaat Maryland betreibt die Internetseite "Trabant USA". Nach seiner Schätzung gibt es etwa 250 Trabis jenseits des Atlantiks. Auf den Trabant gekommen ist er durch seinen Vater Mike Annen, der 20 der kleinen Autos importiert und restauriert hat. "Ich sage den Leuten, dass Trabis mein Leben verändert haben", schreibt Mike Annen in einer E-Mail. Denn der Amerikaner, der nach eigener Aussage zuvor nie etwas anderes als seine Heimat gesehen hat, reist seitdem regelmäßig nach Europa, um weitere Trabis zu kaufen. Letztes Jahr sogar zur Wiege des Trabants - Reisemitbringsel waren zwei Sachsenring P70 von 1958.

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