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Irmela Schramm entfernt Parolen von Neonazis : Die Polit-Putze

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Seit 26 Jahren durchstreift die Rentnerin Irmela Schramm die Hauptstadt und den Rest der Republik auf der Suche nach Parolen von Neonazis und entfernt diese. "Politputze" nennt sie sich selbst scherzhaft.

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erstellt am 14.Apr.2012 | 04:33 Uhr

Berlin | Als Irmela Schramm ihre erste Wand beschmiert, ist sie neun Jahre alt. "Mutti, du bist ein Arschloch", hat sie in krakeliger Kinderschrift auf die helle, glatte Tapete im Schlafzimmer ihrer Eltern geschrieben. "Toll, ne?", sagt die Frau mit silbergrauem Bubikopf, lehnt sich zurück in ihr Sofakissen und grinst. Warum sie als kleines Mädchen zum Holzmalstift gegriffen hat, weiß sie heute nicht mehr. "Zoff, Zoff, ja klar", sagt sie und nimmt sich einen Keks. Irmela Schramm sitzt in ihrer Wohnung in Berlin-Wannsee. Katzen huschen über das Parkett, im Garten plätschert ein Brunnen.

Mit 66 Jahren schmiert Irmela Schramm immer noch die Wände voll. Den Holzmalstift hat sie gegen eine Sprühdose mit schwarzer Farbe getauscht. Klick-klack, klick-klack, klackert die Mischkugel in der Buntlack-Dose, wenn die drahtige Rentnerin mit ihrem Jutebeutel durch Berlin streift. Wenn sie die Sprühdose zischen lässt, bedanken sich die Menschen bei ihr. "Danke, dass es Sie gibt", hört die pensionierte Heilpädagogin die Leute dann sagen. Denn Irmela Schramm übersprüht Parolen von Neonazis.

Seit 26 Jahren durchstreift sie die Hauptstadt und den Rest der Republik auf der Suche nach Hakenkreuzen, Hitlerbildern und rassistischen Parolen. "Politputze" nennt sie sich selbst scherzhaft.

"Was soll diese Scheiße?"

Rund 100 000 Aufkleber und Graffiti aus dem rechten Lager hat sie schon besprüht, übermalt oder abgekratzt und damit aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden lassen. Heute zieht es sie nach Rudow, in den tiefen Südosten der Hauptstadt.

"Was soll diese Scheiße?", ruft sie manchmal, wenn sie wieder einen leuchtend roten Aufkleber einer rechtsextremen Gruppe entdeckt hat. "Mir tut es dermaßen weh, was die verbreiten", sagt sie über ihren Ansporn, alle paar Tage stundenlang "Hass-Schmierereien" wegzuputzen, wie sie die Parolen nennt. "Ich will nicht, ich kann nicht und ich darf nicht aufhören." Hin und wieder besucht sie Schulklassen und erzählt in Workshops von ihrer freiwilligen Arbeit.

"Frau Schramm, Sie sind die beste Frau der Welt", hat einer der Schüler einmal zu ihr gesagt. Um die beste Frau der Welt zu sein, braucht es nicht viel. Buntlack, Dispersionsfarbe, Nagellackentferner. Dazu ein Büchlein für die Dokumentation und den geschätzten Edelstahlspachtel, der auch hartnäckigen Aufklebern an die Substanz geht. Wer sie begleitet, den versorgt Irmela Schramm mit Taschentüchern und Mineralwasser. "Ich habe uns ein paar Kekse eingepackt", sagt sie im Flur ihrer Dachgeschosswohnung und legt noch eine blaue Tupperdose in ihren Jutebeutel. "Keine Chance den Nazis" hat sie mit wasserfesten Stiften darauf geschrieben. Vom vielen Tragen sind die Buchstaben verblasst.

Ritsch, ratsch, der Spachtel tut sein Werk

Wer rechte Parolen an einer Berliner Hauswand lesen will, muss nicht weit fahren. Auf einer S-Bahn-Karte hat Irmela Schramm alle Stationen eingekringelt, an denen sie in den letzten 26 Jahren fündig geworden ist. Mehr als drei Viertel der Bahnhofsnamen sind umkreist, quer durch alle Bezirke und Himmelsrichtungen. "Wilmersdorf, Pankow, Rudow", trägt sie das Protokoll ihrer erfolgreichen Rundgänge im vergangenen Februar vor, "Schöneweide, Lichtenberg, Zehlendorf". Auch Stationen in Mitte, Charlottenburg und dem oft als "multikulti" gefeierten Kreuzberg tragen blaue Kringel.

Nach Rudow fährt sie fast jeden Samstag. "Das ist fast schon ein Ritual", sagt sie in der Bahn. In der U7 ist von Rassismus nichts zu spüren, gemächlich ruckeln die gelben Waggons durch den Untergrund.

Mehringdamm, Südstern, Hermannplatz. Vier Jungs in Sportklamotten steigen ein und pöbeln ein bisschen herum. Neukölln, ein bärtiger Mann in Daunenjacke lehnt an der Trennscheibe. In Britz leert sich das Abteil langsam, an der Wutzkyallee steigen die letzten Fahrgäste aus. Irmela Schramm hat sich auf den äußersten Platz der Sitzbank gedrückt, am Zwickauer Damm sitzt sie allein im Zug. Ankunft Rudow, Endstation.

Schon durch die Fensterscheibe des ausrollenden Zuges entdeckt sie die erste Arbeit des Tages. "Da können wir gleich loslegen", sagt sie, als die Türmechanik noch zischt, und geht mit schnellen Schritten auf eine Bahnhofssäule zu. "FNSI" steht in weißer Blockschrift auf einem Sticker, "Freie Nationalisten Siegerland". Ein flinker Griff in den Beutel: Ritsch, ratsch, der Spachtel tut sein Werk, der Kleber löst sich.

Die Abkürzungen und teils kryptischen Codes der rechten Szenen kennt Irmela Schramm von ihren Rundgängen und durch ihre Recherche im Internet. "88" steht für "Heil Hitler", "14" für eine 14 Wörter lange Parole des amerikanischen Rechts-Terroristen David Lane. "ANB - Autonome Nationalisten Berlin", betet sie wie aus einem Vokabelheft herunter, "AGR - Aktionsgruppe Rudow".

Mit weniger Geheimzeichen kommt die rechtsextreme NPD am Rudower Bahnhofseingang aus. "Kriminelle Ausländer raus", steht auf leuchtendem Rot geschrieben. Während Irmela Schramm kratzt, lungern in der Nähe drei junge Erwachsene um eine Parkbank und trinken Bier. Ein rasierter Kopf ragt in die kalte Frühlingsluft. Irmela Schramm schabt am Kleber und schnaubt dabei ein bisschen. Die drei jungen Männer sieht sie nicht.

Nicht alle bedanken sich, wenn wieder Hass-Schmierereien geschrubbt werden. Als "Rote Sau" und "Terroristin" haben Passanten sie beschimpft, mehrfach zeigten Anwohner sie wegen Sachbeschädigung an. "Meine einzige Auszeichnung ist die Strafanzeige", sagt sie. Als sie wieder einmal die Dose zückte, verpasste ein Bahnhofsvorsteher der Frau eine Ohrfeige. Ihr Putzzeug packt sie trotzdem noch.

Leere Spielstraßen, Einfamilienhäuser, Stadtrandidylle. Der Stoffbeutel baumelt gegen die Hüfte, klick-klack, klick-klack. Alle paar Minuten entdeckt Irmela Schramm das helle Rot der NPD, oft auf 20 Meter Entfernung. "Auch die Nazis haben ihre Frühlingsgefühle", sagt sie.

Überall blitzen die kleinen Rechtecke auf, an Straßenlaternen, Mülltonnen, Stromkästen, Altkleidercontainern. Irmela Schramm schrubbt, kratzt und rupft und lässt die besiegten Papierschnipsel zur Erde segeln. In ihren Mundwinkeln hat sich Spucke gesammelt. Sprühen muss sie heute ausnahmsweise nicht.

"Die Angst ist da, aber ich zeige sie nicht"

An einem Wohnhaus hängt ein Reichsadler, Hirschgeweihe zieren den Eingangsbereich. Gegenüber der "Rudower Bauernschänke" wird ein Anwohner auf sie aufmerksam. "Dit is doch die Frau, wo immer die Aufkleber abmacht." Er hält einen ausgewachsenen Schäferhund straff an der Leine und beobachtet Schramm. "Find ick jut, sollse nur weiter machen. Aber schön vorsichtig", warnt er und zeigt auf die Schänke, "weil inna Kneipe, da sitzense ooch immer". Die Rentnerin steht breitbeinig neben dem Eingang, Fetzen alter Aufkleber fallen zu Boden.

Manchmal hat Irmela Schramm Angst. "Die Angst ist da, aber ich zeige sie nicht", sagt sie. Ihre erste Morddrohung aus dem rechten Lager hat sie schon erhalten. Bei Neonazi-Aufmärschen wird sie in spöttischem Ton mit Vornamen gerufen und nach Demos häufig verfolgt. "Wenn Schramm abkratzt, stört uns das nicht wirklich", steht auf einem der vielen Aufkleber in Rudow. Er zeigt ein Bild von der "Politputze" Schramm - beim Abkratzen von Stickern.

Neue Motive sammelt sie in einem Archivordner, einer Art Panini-Album für Politaktivisten. 55 Ordner hat sie über die Jahre gefüllt, die meisten Aufkleber kennt sie bereits. "Den hab ich schon", ruft sie beim 39. Sticker des Tages und greift nach dem Spachtel. Ob sie wirklich schon ganze 100 000 Graffiti und Aufkleber beseitigt habe? Irmela Schramm beantwortet die Frage mit einem Wortwitz. "Das kann ich sagen, ohne rot zu werden." Dann macht sie sich an die Arbeit.

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