Die Naht im Bauchspeck

Prof. Dr. Jörg-Peter Ritz  und Dr.  Franziska Koch  'entfernen '  am Simulator mit laparoskopischen Instrumenten eine  Gallenblase - ohne dass ein Tropfen  Blut fließt.
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Prof. Dr. Jörg-Peter Ritz und Dr. Franziska Koch "entfernen " am Simulator mit laparoskopischen Instrumenten eine Gallenblase - ohne dass ein Tropfen Blut fließt.

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10. November 2012, 12:14 Uhr

Schwerin | Wie und wo lernt ein Chirurg zu operieren? An Leichen, Tieren, präparierten Organen? "Alles falsch, er lernt es im OP am Patienten", erklärt Prof. Dr. Jörg-Peter Ritz, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie an den Schweriner Helios Kliniken.

Nein, das ist keiner der berühmt-berüchtigten Mediziner Scherze. Es ist die Wahrheit - oder doch zumindest die halbe. Denn am Schweriner Helios Klinikum - wie auch an einigen, wenn auch noch sehr wenigen anderen deutschen Krankenhäusern - können künftige Chirurgen, Urologen und Gynäkologen jetzt an Computersimulatoren bestimmte Operationstechniken trainieren.

In dem kleinen Trainingsraum, den das Schweriner Klinikum für seine angehenden Fachärzte eingerichtet hat, riecht es rauchig-würzig, beinahe ein wenig nach Erbsensuppe. Woher der Geruch kommt? Anja Schröter und Andreas Krause deuten auf die Nachbildung eines menschlichen Torsos, an dem sie gerade hantieren. Durch die Bauchdecke aus schwarzem Gummi schieben die beiden Assistenzärzte eine winzige Kamera und verschiedene Instrumente ins Körperinnere. Dabei sehen sie weder auf ihre Hände noch auf den "Patienten", sondern auf einem Bildschirm, der in Kopfhöhe über dem Operationstisch angebracht ist. Und dort, tatsächlich, sieht man zwei fingerdicke Scheiben Bauchspeck. "Die nähen wir jetzt zusammen", feixt Andreas Krause. "Hältst du mal die Kamera für mich", bittet er die Kollegin.

Dass die "Operation" dann schwieriger wird als gedacht, ist wohl ebenso der Konsistenz des "Patienten" als auch der Beobachtung durch Außenstehende geschuldet. Denn Krause und Schröter - Assistenzärzte im sechsten bzw. fünften Weiterbildungsjahr zum Chirurgen - haben schon eine Reihe von richtigen Operationen hinter sich.

Als sie nach dem Medizin-Grundstudium mit der Facharzt-Weiterbildung anfingen, gab es zwar schon einfache, doch noch keine Computersimulatoren. "Learning bei doing" - lernen durch Handeln - lautete das Motto. "Erst schaut man nur zu, dann hält man die Haken oder bei einem endoskopischen Eingriff die Kamera, und dann darf man unter Anleitung eines erfahrenen Kollegen immer mehr Schritte bei der OP selbst übernehmen", erzählt Andreas Krause. "Auch wenn man schon im Grundstudium an Präparaten und Leichen gearbeitet hat - zum ersten Mal selbst zu schneiden ist etwas ganz Anderes, da zögert man dann doch", erinnert sich Anja Schröter an ihr erstes Mal. Die Möglichkeit, jetzt auch an Simulatoren zu üben, würde helfen, mehr Routine zu erwerben - die sei beim Operieren immens wichtig.

"Piloten lernen zuerst am Flugsimulator, wie sie sich unter bestimmten Bedingungen verhalten müssen", so Prof. Ritz. "Auch in vielen anderen Berufen ist es seit langem üblich, erst einmal theoretisch durchzuspielen, was im Ernstfall praktisch getan werden muss. Jetzt setzt sich das mehr und mehr auch in der Medizin durch." In Deutschland, muss man anfügen - in Dänemark und Schweden ist es seit Jahren Pflicht, dass angehende Chirurgen und Gynäkologen zuerst am Computersimulator trainieren. "Hier in Deutschland ist diese Art der Ausbildung noch nicht sehr verbreitet", weiß Prof. Ritz. "Und von einer Pflicht sind wir weit entfernt", bedauert er. Nicht einmal 30 der 70 000 Euro teuren OP-Simulatoren aus schwedischer Produktion seien nach seiner Kenntnis hierzulande im Einsatz. Nicht mal sieben Prozent aller deutschen Kliniken hätten einen Trainingsraum für den Fachärztenachwuchs. Der Helios-Konzern sei Vorreiter, er biete das spezielle Training seit diesem Herbst an allen 50 Akutkliniken an, so Ritz, der zu den geistigen Vätern des Übungsprogramms gehört.

"Zu Sauerbruchs Zeiten kamen Assistenzärzte morgens um sechs in die Klinik und blieben bis Mitternacht. Das war viel Zeit, in der sie Patienten sehen und behandeln konnten", erläutert der Schweriner Chefarzt. Heute seien die Arbeitszeiten humaner, doch wegen der vielen Wochenend- und Bereitschaftsdienste, Kurse und Sprechstunden, die die jungen Ärzte zu absolvieren hätten, kämen im Jahr gerade einmal 80 klassische OP-Tage zusammen, an denen Nachwuchschirurgen in der Klinik angelernt werden könnten. Also müssten andere Wege in der Ausbildung erschlossen werden.

Angehende Fachärzte für Chirurgie, Kinderchirurgie, Urologie und Gynäkologie absolvieren seit kurzem in den ersten beiden Jahren ihrer Weiterbildung an einer Helios-Klinik ein verbindliches Übungspensum am Simulator - "möglichst, bevor sie einen Patienten operieren", so Prof. Ritz. Dabei wird dem Umstand Rechnung getragen, dass immer mehr Operationen im Bauchraum in Schlüssellochtechnik durchgeführt werden . Das für den Patienten besonders schonende Verfahren, bei dem auf einen großen Körperschnitt verzichtet wird, stellt an den Operateur besondere handwerkliche Anforderungen. Durch zwei bis drei kleine Schnitte in der Bauchdecke werden bei diesem Verfahren das Laparoskop, ein röhrenförmiges optisches Untersuchungsinstrument, und durch eine weitere dünne Röhre die Operationsgeräte in den Bauch eingeführt. Auf einem Monitor verfolgt der Operateur dann die von einer winzigen Kamera im Körperinneren aufgenommenen Bilder und leitet daraus ab, was als Nächstes zu tun ist. Das ist zugleich die Schwierigkeit bei diesem Verfahren: Der Operateur schaut nicht auf seine Hände, und auch das Operationsfeld sieht er nur indirekt. "Probieren Sie mal, sich die Schuhe zuzubinden, ohne hinzuschauen - dann ahnen Sie vielleicht schon, wie problematisch das ist", meint Prof. Ritz. Dazu kommt: Der Köper ist dreidimensional, das Bild auf dem Monitor dagegen hat nur zwei Dimensionen. Es gehört also einige Übung dazu, den Gallenstein zu zertrümmern, ohne die dahinterliegende Wand des Organs zu durchstoßen.

Der Simulator, eine Art Computerspiel, gibt dazu die Möglichkeit: Der Arzt benutzt Instrumente und verfolgt seinen virtuellen Eingriff auf einem Bildschirm. "Ziel ist es, technische und manuelle Fertigkeiten zu erwerben sowie die Hand-Auge-Koordination und die Bewegungsabläufe zu trainieren", erläutert Dr. Martin Bodenschatz. Er steht am Schweriner Klinikum den künftigen Operateuren als Mentor zur Seite.

15 verschiedene Übungen vom Zertrümmern eines Steins bis zum Entfernen einer Gallenblase müssen die angehenden Fachärzte an den Helios Kliniken absolvieren - in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. "Bei der höchsten wackelt die Kamera - als würde ein aufgeregter Assistenzarzt sie halten", scherzt Prof. Ritz. Die Geräusche sind einer realen OP-Situation nachempfinden. Es zischt also, wenn - per Fußpedal, das es bei den schwierigeren Übungen auch noch zu bedienen gilt - beispielsweise mit Strom ein Gefäß verödet wird.

Dr. Franziska Koch hat, obwohl selbst erst im zweiten Weiterbildungsjahr zur Chirurgin, die Übungen in einer Pilotphase getestet, bevor sie jetzt konzernweit in das Ausbildungsprogramm übernommen wurden. "Sechs bis acht Stunden braucht man, um sie alle am Stück durchzuspielen", schätzt sie. Doch das macht natürlich niemand. Statt dessen nutzen die jungen Ärzte freie Minuten im Klinikablauf, um im Trainingsraum zu üben. "Der Vorteil des Simulators ist, dass man daran ganz allein trainieren kann", erläutert Dr. Bodenschatz. Wenn bei den Anfängern virtuelles Blut fließt, bekommt das also erst mal keiner mit. Alle Übungen werden allerdings gespeichert und können gegebenenfalls später mit Dr. Bodenschatz oder einem anderen erfahrenen Kollegen ausgewertet werden.

Studien aus Skandinavien hätten gezeigt, dass Chirurgen, die am Simulator geübt hätten, sechsmal weniger Fehler machen und um ein Drittel schneller arbeiten würden als untrainierte Kollegen, so Prof. Ritz. Denkbar ist für ihn auch, Komplikationen und andere Ausnahmesituationen im OP zu simulieren - denn "dann ruhig zu bleiben, ist eine Sache des Trainings", weiß der erfahrene Chirurg. Auch Anja Schröter nutzt die Übungsmöglichkeiten gern - schließlich will sie möglichst schon im nächsten Jahr ihre Facharztprüfung bestehen. "Laparoskopisches Nähen ist mit das Anspruchsvollste, was man als Chirurg tun muss", weiß sie. Und dann wendet sie sich wieder den Bauchspeckscheiben zu.

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