Unwürdigste Zustände in Horst : Die Nacht, in der die Lage eskalierte

Die in Grabow gesammelten Decken werden dem DRK-Team bei der Verteilung fast aus den Händen gerissen.  Fotos: Mayk Pohle
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Die in Grabow gesammelten Decken werden dem DRK-Team bei der Verteilung fast aus den Händen gerissen. Fotos: Mayk Pohle

Hunderte Flüchtlinge mussten bei bitterer Kälte vor dem Tor der Aufnahmestelle in Horst campieren - Einsatz des Kreises hat in der Nacht zu gestern diese Zustände beendet. Die Verantwortlichen waren völlig überfordert

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11. September 2015, 08:00 Uhr

„Das sind hier meine Obdachlosen von Morgen. Das ist eine Riesensauerei, was hier passiert und ihr macht nichts“, herrschte Angelika Voss, die Amtsvorsteherin von Boizenburg-Land, die Vertreter des Innenministeriums an, die am späten Mittwochabend plötzlich einer nach dem anderen vorfuhren. Zuvor hatten mehrere Menschen auch unsere Redaktion auf skandalöse Umstände aufmerksam gemacht, die offenkundig seit Tagen vor der Horster Einrichtung, aber auch darin herrschten. Vor allem Landrat Rolf Christiansen, dem am Abend im Gespräch mit unserer Zeitung zuerst der Kragen geplatzt war, nahm die Angelegenheiten dann mit seinen Leuten selbst in die Hand.

Nachdem Innenminister Lorenz Caffier (CDU) von unserer Redaktion mit den schlimmen Bedingungen konfrontiert wurde, die in dem Lager in der Nähe der Grenze zu Schleswig-Holstein herrschten, kam urplötzlich Bewegung in die Sache.

Weit mehr als hundert Flüchtlinge campieren vor dem massiven Eingangstor des Horster Lagers. Zwei Mitarbeiter des Innenministeriums sind schon da, plötzlich gibt es vor dem Tor heißen Tee für die Flüchtlinge. In den Tagen zuvor war das nicht passiert. Landrat Christiansen ist da und teilt mit, dass zwei Katastrophenschutz-Züge aus dem Kreis unter der Regie der DRK alarmiert sind. Sie müssten gleich eintreffen. In Grabow würden schon Decken gesammelt. Derweil treffen per Taxi laufend weitere Flüchtlinge ein, die vom Bahnhof abgeholt werden. Ihre Fahrt zahlen sie selbst.

Familien mit Kindern kauern auf dem Boden, richten sich für die Nacht ein. So wie in den Tagen zuvor auch. Angelika Voss, die seit Tagen als zuständige Amtsvorsteherin jeden Tag in Horst ist, berichtet von Flüchtlingen, die bis zu sechs Tage vor dem Tor warten mussten. Die Einrichtung selbst ist völlig überfüllt, 600 Plätze gibt es. Später erfahren wir, dass an diesem Abend 1050 Menschen in der Aufnahmestelle sind. Dann tauchen hellgelbe Fahrzeuge auf, der Katastrophenschutz ist da, der Zug aus Alt Jabel hat es nach der Alarmierung in Rekordzeit geschafft. Die Männer und Frauen beginnen sofort mit dem Aufbau eines großen Zeltes, umringt von den Flüchtlingen.

Den Chef der Staatskanzlei, Staatssekretär Dr. Christian Frenzel, freut nicht, was er sieht. Fast gleichzeitig trudeln Mitarbeiter und Verantwortliche des Innenministeriums ein. Wenig später ist auch Staatssekretär Thomas Lenz da. Jetzt werden die Familien mit Kindern versammelt, wenig später dürfen sie ins Lager an eine geschützte Stelle. Landrat Christiansen will wenigstens diese Menschen anderswo unterbringen. Und plötzlich darf er auch. Zwei Busse werden angefordert, sie sollen die Familien nach Heidhof und Meetzen bringen.

Der nächste Katastrophenschutzzug ist da, es sind die Hagenower. Sie bringen neue Zelte. Nach wenigen Minuten stehen fünf Zelte auf dem Parkplatz, es gibt Beleuchtung und zum Teil auch Heizung. Später trudeln die Liegen ein, im Handumdrehen sind die Zelte belegt. Der Platz vor dem Lager leert sich zusehends. Trotzdem kommen noch immer Taxis, die neue Flüchtlinge bringen.

Dass Horst bei Flüchtlingen so begehrt ist, hat noch einen speziellen Grund: Mecklenburg-Vorpommern ist, verglichen mit anderen Bundesländern, sehr schnell bei der Bearbeitung der Erstanträge. Schon nach drei Tagen soll man den begehrten Schein haben. Das spricht sich unter den gut vernetzten Flüchtlingen herum. Staatssekretär Lenz legt sich noch am Abend fest. „Wir werden das Verfahren verlangsamen, damit der Druck hier nachlässt.“

Die Grabower kommen mit ihrem Bürgermeister Stefan Sternberg. Sie haben auf die Schnelle privat, aber auch in den Kitas Decken und Schlafsäcke gesammelt. Die werden ihnen jetzt fast aus den Händen gerissen. Das DRK muss helfen, damit die Verteilung einigermaßen klappt. Inzwischen sind jede Menge Verantwortliche da, die Suche nach den Schuldigen beginnt. Landrat Christiansen darf sich von einigen mehr oder weniger offen anhören, dass er übertrieben habe und die ganze Aktion unnötig sei.

Seine Reaktion: „Mir egal. Hier muss niemand im Freien schlafen, schon gar nicht Frauen und Kinder. Ich habe tagelang versucht, das intern zu ändern. Dann jetzt eben mit Hilfe der Öffentlichkeit.“ Tagelang hatte es im Innenministerium geheißen, dass man in Horst alles im Griff habe. Doch das hatte mit den Tatsachen wenig zu tun. Jeweils Hunderte campierten draußen, überall liegt Müll, sind Reste von Feuerstellen zu erkennen.

Die angeforderten Busse kommen. Sie sollen die Familien nach Heidhof und Meetzen bringen. Schnell stellt sich heraus, dass etliche Familien verschwunden sind, untergetaucht in dem Riesenlager. Verständlich, wer will schon auf unbestimmte Zeit in eine Nebeneinrichtung gebracht werden, wo keiner weiß, wie es weitergeht und wann die Anträge bearbeitet werden können. Ein Problem, das die Flüchtlinge in Zahrensdorf, Hagenow und Heidhof schon jetzt haben. Die Busse fahren ab, eine Feldküche ist aufgebaut, die Einsatzkräfte machen sich mit dem Strom eines brummenden Generators ihren Kaffee und fahren dann los. Die meisten müssen in wenigen Stunden wieder raus zur Arbeit.

Die Verantwortlichen aus Ministerium und Kreis beratschlagen derweil, wie es weitergehen wird. Die Zelte in Horst bleiben vorerst stehen. Wie lange, weiß niemand. Eigentlich müsste man sie noch auf der Fahrbahn festdübeln, damit der erste Windstoß sie nicht wegweht. Die Flüchtlinge, die in den Zelten eingepackt in den gerade gebrachten Decken liegen, stört das nicht. Sie schlafen längst. Der Zustrom an Neuankömmlingen ist zum Erliegen gekommen. Doch spätestens am Vormittag werden neue Flüchtlinge da sein. Und dann stellt sich wieder die Frage: Wohin mit all diesen Menschen?

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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